Doch was genau verbirgt sich hinter sozialraumorientierter Jugendhilfe? Und welche Vorteile hat sie für einen Bereich der Daseinsvorsorge, der vor großen Herausforderungen steht? Darauf gibt der scheidende Jugendamtsleiter Benner, ein Verfechter der sozialräumlichen Arbeit, Antworten.
„Viele Menschen können mehr, als ihnen zugetraut wird – das wird besonders in der Jugendhilfe deutlich“, sagt Helmut Benner, und bringt damit einen ganz wichtigen Punkt des Konzepts ins Spiel. Denn eine wirklich inklusive Kinder- und Jugendhilfe soll sich darauf konzentrieren, individuelle Ressourcen und Selbsthilfekräfte zu aktivieren. „Und das eben im Sozialraum, dem direkten Umfeld der Kinder und Jugendlichen. Der Fokus liegt stärker darauf, die Menschen dabei zu unterstützen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und einzubringen. Die Einzelfallorientierung rückt dabei in den Hintergrund“, führt Benner aus. Das Besondere: Freie Träger, Behörden, Schulen, Familien, und Netzwerke im Sozialraum versuchen, Lösungen vor Ort zu finden. „Wir wollen so an den Ursachen für die Probleme arbeiten, und keine Symptome behandeln“, macht er deutlich.
Gerade wenn es etwa um Hilfen zur Erziehung und Eingliederungshilfe für Minderjährige geht, bietet das Korsett aus Regeln und Vorgaben der Sozialgesetzbücher wenig Spielraum. „Wir blicken auf komplizierte und langwierige Antragsverfahren, umfangreiche Gutachten, und eine starke Fixierung auf den Einzelfall“, berichtet der Amtsleiter. Eng damit verknüpft ist die daraus resultierende Kategorisierung der Fälle. „Es gibt eine Vielzahl starrer Schubladen, in die Kinder und Jugendliche gepackt werden müssen, um Hilfen zu ermöglichen. Das ist aufwändig, verlangsamt oft den Prozess und bindet Ressourcen, die effizienter eingesetzt werden könnten“, ergänzt er. In Zeiten knapper kommunaler Kassen und eines Fachkräftemangels, der sich auch in der Kinder- und Jugendhilfe bemerkbar macht, sind für diesen Bereich in Gänze neue Impulse erforderlich, merkt Benner an.
Denn dort, wo nach dem sozialräumlichen Konzept gearbeitet wird, zeigen sich Vorteile, die besonders den Kindern und Jugendlichen zugutekommen. „Durch wohnortnahe stationäre oder ambulante Angebote, die sogenannten ‚Hilfen unter einem Dach‘, die unter anderem auch die Eltern mit in die Verantwortung nehmen, können die jungen Menschen in ihrem gewohnten Umfeld bleiben. Das bringt im Verlauf viele Pluspunkte mit sich“, sagt Benner. Gemeinsam mit freien Trägern arbeitet das Jugendamt dort Hand in Hand. „Dadurch verzeichnen wir einen Rückgang stationärer Unterbringungen, reduzieren den Verwaltungsaufwand, verwenden die Mittel effizienter und arbeiten mit allen Beteiligten in enger Kooperation zusammen.“ Hinzu kommt, dass wohnortnahe Betreuung erlaubt, auch den Sozialraum im Blick zu haben, um so an vielen Stellen einwirken zu können, ergänzt der scheidende Jugendamtsleiter.
Ein weiteres positives Beispiel für flexiblere Hilfsformen ist das Pilotprojekt der sogenannten „Schulalltagsbegleitungen“ an einigen Schulen im Vogelsbergkreis. Dabei wird auf einzelfallbezogene Teilhabeassistenzen – und somit auf ein komplexes Antragsverfahren – für seelisch behinderte Schüler verzichtet. Vielmehr werden Alltagsbegleitungen durchfinanziert, die bei Bedarf unabhängig von Einzelfällen im Klassenverbund unterstützen.
„Diese Flexibilität wünschen wir uns an vielen weiteren Stellen, um weitere Hilfen im Sozialraum durchfinanzieren zu können. Wir wünschen uns Rahmenbedingungen, die sich vom Einzelfall lösen, um effizient arbeiten zu können“, sagt Benner und fordert grundlegende Reformen, um die Kinder- und Jugendhilfe flexibel für die Zukunft aufzustellen.
Der „Verbund Sozialraumorientierung“
Der Zusammenschluss verschiedener Akteure setzt sich für eine am Sozialraum orientierte Kinder- und Jugendhilfe nach dem Fachkonzept Sozialraumorientierung von Prof. Dr. Hinte ein. Der Verbund möchte sich in dem laufenden Gesetzgebungsverfahren bundesweit mit dem Fachkonzept als nachhaltiger und effizienter Alternative zu der hergebrachten stark personenzentrierten Hilfegewährungspraxis ins Gespräch bringen.
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