Nach wie vor ist das Wissen um die Ökosystemfunktionen und das Leben der sonderbaren Unterwasserpflanzen lückenhaft. „Die Ökosystemleistungen von Seegras sind phänomenal, werden aber nach wie vor unterschätzt. Seegraswiesen haben eine enorme ökologische und wirtschaftliche Bedeutung. Sie sind die vielleicht potenteste natürliche Kohlenstoffsenke. Für viele tausend Tierarten sind sie Lebensraum“, verdeutlicht der Biologe Ulrich Karlowski von der Deutschen Stiftung Meeresschutz.
Seegraswiesen zählen wie Korallenriffe, Mangroven- und Kelpwälder oder Salzmarschen zu den marinen Schlüsselökosystemen.
Blütenpflanzen im Ozean
Seegras ist verwirrend. Das fängt beim Namen an, denn die ca. 60 Arten sehen zwar aus wie Gräser an Land, sind aber keine. Sie gehören zur Ordnung der Froschlöffelartigen (Alismatales) und sind die einzigen Blütenpflanzen, die ins Meer zurückgekehrt sind. Das geschah vor 110 bis 120 Millionen Jahren in der Kreidezeit.
Seegräser wachsen meist in Wassertiefen von 1 bis 10 m an den Küsten fast aller Kontinente. Lediglich in der Antarktis fehlen sie. Man unterscheidet vier Familien.
Seegraswiesen können riesige Super-Ökosysteme bilden. Das größte bisher bekannte liegt vor den Bahamas. Seine Fläche entspricht der Größe Portugals.
Wie viele intakte Seegrasflächen es noch gibt, ist unbekannt. Schätzungen gehen davon aus, dass dieses Schlüsselökosystem lediglich 0,1 bis 0,2 Prozent des globalen Meeresbodens bedeckt.
Vielfältige Ökosystemleistungen
Seegraswiesen verwandeln zweidimensionale, artenarme Meeresflächen in vegetationsreiche, reich strukturierte dreidimensionale Lebensräume. Hier leben unzählige, hauptsächlich kleinere Meerestiere wie Hummer, Krabben, Seepferdchen und andere kleinere Fischarten, Oktopusse und viele andere mehr.
Zu den Ökosystemleistungen von Seegraswiesen zählen:
- Seepferdchen, Jungfische und andere kleinere Meerestierarten finden Schutz und Nahrung.
- Auf den lanzettförmigen Blättern legen Substratlaicher wie der Hering ihre Eier ab.
- Große Haie wie Tigerhaie agieren als marine Gesundheitspolizei und patrouillieren auf der Suche nach Nahrung über den Wiesen.
- Grüne Meeresschildkröten und Seekühe sind auf intakte Seegraswiesen als Nahrungsgrundlage angewiesen.
- Seegraswiesen gehören als Wellenbrecher zum natürlichen Küstenschutzsystem.
- Als Biofilter säubern sie das Meerwasser auch von pathogenen Keimen.
- Küstenbewohner nutzen die Pflanzen seit Jahrhunderten als Nahrung, für Tierfutter oder als nachhaltiges Füllmaterial.
- Sie sind „Wunderpflanzen aus dem Meer“ gegen den Klimawandel als Kohlenstoffsenke.
Unterschätztes Kohlenstoff-Speicherpotenzial – Blue Carbon
Ein Quadratmeter Seegraswiese kann, je nach Art und Standort, genauso viel oder mehr Kohlenstoff speichern wie ein Quadratmeter Regenwald und das auch noch 35-mal schneller!
Die Unterwasserpflanzen speichern den von ihnen im Zuge der Fotosynthese aufgenommenen Kohlenstoff zudem für viele hundert Jahre als „blauen Kohlenstoff“ oder Blue Carbon größtenteils unterirdisch.
Außerdem stabilisiert das dichte Wurzelgeflecht der Pflanzen den Meeresboden und verhindert, dass dort eingeschlossener Kohlenstoff entweicht, als CO₂ in die Atmosphäre gelangt und die Erderhitzung beschleunigt.
Superwiesen in Not
Fast so zahlreich wie ihre Ökosystemleistungen sind die Gefahren, denen die Meereswiesen ausgesetzt sind. Auch darauf macht der UN-Welttag des Seegrases aufmerksam.
Nach Schätzungen von UNEP, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, gingen zwischen 1970 und 2000 weltweit ca. 30 % der globalen Seegraswiesenbedeckung verloren.
Vor allem direkte Zerstörungen wie die Grundschleppnetzfischerei, Ankern in Seegraswiesen oder die Entfernung aus optischen Gründen zur Schaffung eines touristisch vermeintlich ansprechenderen Meeresbodens haben weltweit viele Flächen vernichtet.
Wie alle anderen Meeresökosysteme auch, stehen Seegraswiesen zusätzlich unter Druck durch eine Kombination aus den Folgen der Klimakrise und intensiver Landwirtschaft. Die Überdüngung mit landwirtschaftlichen Abwässern in Verbindung mit steigenden Wassertemperaturen führt zu übermäßigem Algenwachstum und Überwucherung (Lichtkonkurrenz).
Seegräser sind nur bedingt hitzetolerant. Liegt die Temperatur des umgebenden Meerwassers mehrere Tage lang bei über 30 Grad, bleichen die Pflanzen aus, verlieren ihre Blätter.
Auch an unseren Küsten in Nord- und Ostsee sind Seegraswiesen seit vielen Jahren auf dem Rückzug. Doch inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt. Erste Renaturierungsprojekte wurden in Angriff genommen.
„Wir müssen Seegraswiesen schützen und sie dort, wo sie zerstört wurden, renaturieren. Für gesunde Meere, für den Klimaschutz und für die vielen Millionen Menschen, die auf gesunde und resiliente Küstenmeere angewiesen sind zur Nahrungsversorgung, Erholung, für ihren Lebensunterhalt oder als kostenloser Küstenschutz“, betont Karlowski.
Schutz und Renaturierung von Seegraswiesen
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz engagiert sich in mehreren Projekten mit ihren Partnern für den Erhalt und die Renaturierung dieses wertvollen Lebensraumes in Ostsee, Mittelmeer und Pazifik.
Was jeder tun kann:
- Unterwegs mit dem Boot: Auf keinen Fall in Seegraswiesen ankern.
- Urlauben am Mittelmeer: Seegras-Samen oder abgerissene Seegraspflanzen mit Wurzeln an einer der „Meeresgärtner“-Stationen, die bei der Deutschen Stiftung Meeresschutz und ihren Partnern von Project Manaia aufgelistet sind, zum Einsetzen oder Wiederanpflanzen abgeben.
- Freiwillige Mitarbeit bei Seegras-Renaturierungen.
Die Deutsche Stiftung Meeresschutz (DSM) ist eine Treuhandstiftung, die 2007 gegründet wurde. Ziel unserer Arbeit ist es, der Ausbeutung der Weltmeere und der Vernichtung ihrer Bewohner etwas entgegenzusetzen. In Kooperation mit engagierten Forschern und Organisationen rund um den Globus fördern und verwirklichen wir Projekte und Aktionen zum Erhalt des Lebens in den Meeren. Ermöglicht wird dies durch Spenden.
Wir sind Mitglied im europäischen Meeresschutzbündnis Seas At Risk (SAR / seas-at-risk.org), in der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC / deep-sea-conservation.org) und sind Netzwerkpartner der UN-Dekade der Meeresforschung für nachhaltige Entwicklung (2021 – 2030) in Deutschland (Ozeandekade / ozeandekade.de).
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