Seit 2009 können junge Menschen aus Deutschland mit kulturweit ein Freiwilliges Soziales Jahr an Bildungs- und Kultureinrichtungen im Ausland leisten. 2027 soll damit Schluss sein. Das Auswärtige Amt hat die Förderung gestrichen. Anna Veigel leitet das Programm. Die Redaktion von ijab.de hat mit ihr darüber gesprochen, was kulturweit so einmalig macht und damit auch so unverzichtbar.

ijab.de: Frau Veigel, was können junge Menschen mit kulturweit erleben?

Anna Veigel: Sie erleben den Alltag an Bildungs- und Kultureinrichtungen im Ausland ganz unmittelbar und setzen sich dabei sehr bewusst mit Fragen von globaler Zusammenarbeit, kulturellem Austausch und gesellschaftlicher Verantwortung auseinander. Sie lernen, mit ungewohnten Situationen umzugehen, andere Perspektiven ernst zu nehmen und das eigene Bild von der Welt zu hinterfragen. Das kann große Glücksgefühle auslösen, aber auch Zweifel – und genau darin liegt die besondere Erfahrung. Zugleich ist es für viele die erste richtige Arbeitserfahrung.

Es gibt keinen Ersatz für kulturweit

ijab.de: Das ist jetzt der Aspekt der Wirkungen. Aber wie haben wir uns das ganz praktisch vorzustellen?

Anna Veigel: Wir haben ein Online-Bewerbungsverfahren, das mit einem Selbstreflexionsprozess einhergeht. Wer von uns eine Zusage bekommt, kann im Kulturbereich arbeiten, zum Beispiel in einer Schule, beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, in einem UNESCO-Geopark, in der Programmarbeit in einem Goethe-Institut, bei der Deutschen Welle oder beim Deutschen Archäologischen Institut. Vor Beginn des Freiwilligendienstes gibt es noch ein 7tägiges Vorbereitungsseminar, in dem wir uns mit interkulturellen Themen, globalem Lernen oder postkolonialen Strukturen beschäftigen. Es geht aber auch um ganz praktische Fragen, zum Beispiel, wie ist das eigentlich, wenn ich zum ersten Mal vor einer Schulklasse stehe und auf Deutsch Konversation machen soll? Nach drei Monaten gibt es eine gemeinsame Zwischenbilanz und nach 6 bzw. 12 Monaten ein Nachbereitungsseminar. Viele engagieren sich danach als Alumni. Auch nach 10 Jahren halten Netzwerke und Freundschaften. Das beeindruckt mich immer wieder.

ijab.de: Gibt es einen Ersatz für kulturweit, ein Programm, das ähnlich ist und das Freiwillige nutzen können?

Anna Veigel: Nein, nicht im Bereich der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. kulturweit verbindet einen begleiteten Freiwilligendienst mit Bildungsarbeit, internationalem Austausch und einem klaren gesellschaftlichen Auftrag. Freiwillige müssen kein eigenes Geld mitbringen, noch nicht einmal einen Schulabschluss. Bei uns können alle mitmachen, wir sind sehr inklusiv und können sehr schnell reagieren, wenn es mal hakt.

Freiwilligendienst mit nachhaltiger Wirkung

ijab.de: Sehen Sie eine Chance, dass das Auswärtige Amt seine Entscheidung rückgängig macht und kulturweit erhalten bleibt?

Anna Veigel: Das weiß ich nicht. Was ich sagen kann, ist: Ich bin ziemlich geflasht, was unsere Alumni auf die Beine stellen, und mit wem sie alles reden, um das Programm zu retten. Ich kann auch sagen: Ich würde den Job gerne nochmal 17 Jahre machen. 5 Millionen mag sich nach einer großen Summe anhören. Es ist aber gut angelegtes Geld. Denn wir schicken nicht einfach nur junge Menschen ins Ausland. Wir qualifizieren sie, begleiten sie eng und stärken Verbindungen zwischen Menschen und Institutionen. So wollen wir nicht zuletzt einen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten – dem Hauptziel aller UNESCO-Arbeit. Auch das ist Außenpolitik und etwas, das wir als Gesellschaft brauchen.

ijab.de: Angesichts der vielen internationalen Krisen kommt das Programm-Aus tatsächlich ziemlich überraschend.

Anna Veigel: Ja, gerade angesichts der Krisen in der Welt müssen wir mehr für gegenseitiges Verständnis tun, uns mehr Belastungsproben aussetzen und sie meistern. Eigentlich müsste es mehr solche Programme geben.

ijab.de: Ihnen merkt man an, dass Sie ihre Arbeit mit Herzblut betreiben. Wie tief sitzt die Enttäuschung?

Anna Veigel: Es ist eher ein Unverständnis, dass ein wertvolles und wirksames Instrument nicht den Stellenwert zu haben scheint, den es verdient. 94% unserer Teilnehmer*innen sagen, dass der Freiwilligendienst auf sie eine nachhaltige Wirkung gehabt hat und sie ihren Auslandsaufenthalt als große Inspiration empfunden haben. Auch die Einsatzstellen bestätigen dieses positive Bild. Der Freiwilligendienst hat nicht nur eine Wirkung auf die unmittelbaren Beteiligten, er hat auch Strahlkraft auf ihr gesamtes Umfeld. Umso bedauerlicher ist für mich, dass ein solches Softpower-Instrument nicht weitergeführt werden soll. kulturweit ist ein täglich gelebtes zivilgesellschaftliches Engagement für Verständigung und Demokratie. Das brauchen wir – gerade jetzt.

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