8.30 Uhr, Schoferstraße 4 in Freiburg. Was sich im ersten Moment nach einem größeren Innenausbau im Haus anhört, entpuppt sich als die Werkstatt der Münsterbauhütte. Die großen Tore zum schattigen Innenhof stehen auf; die Temperaturen sind noch angenehm an diesem Frühsommer-Morgen. An den zwölf Arbeitsplätzen sind jedoch schon zahlreiche Meißel und sogar kleine Presslufthämmer im Einsatz. Sharra Oram tritt zur Begrüßung lächelnd aus der Werkstatt, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und setzt die Brille ab. „Hello, freut mich.“ Ihr Akzent verrät: Sie ist keine geborene Breisgauerin. Die gebürtige Engländerin ist seit diesem Jahr als Steinmetzin bei der Münsterbauhütte beschäftigt.

Grobe Klötze, filigrane Ornamente

Während sich draußen im Hof alte und neue Steine stapeln, herrscht in der Werkstatt selbst eher aufgeräumte Leere. Orams Arbeitsplatz sieht aus wie mehrere gestapelte Paletten mit einer drehbaren Plattform. Darauf ein schwerer Steinquader, aus dem an den vier oberen Ecken filigrane Verzierungen ragen. Der Boden ist staubig, voller roter Steinpartikel. Kein Wunder: Die Steinmetzinnen und Steinmetze der Münsterbauhütte arbeiten bereits seit 7 Uhr morgens an ihren Werkstücken – teilweise an groben Steinklötzen, teilweise an filigranen Ornamenten.

„Ich arbeite gerade an einer sogenannten Krabbe“, berichtet Sharra Oram. Der Quader ist Teil einer kaputten Fiale des Süd-Chores am Münster, die möglichst originalgetreu erneuert wird. „Ich erstelle ein neues Stück, das eine Version aus der Zeit der Gotik ersetzen wird.“ Alles per Handarbeit. „Wir haben ein Gipsmodell von den Verzierungen des alten Steins erstellt. Damit kann ich den Stein so originalgetreu wie möglich rekonstruieren“, erläutert die 29-jährige Gesellin.

„Echte Liebe zum Stein gefunden“

Heute stehen die letzten Arbeiten an den Verzierungen an. Mit feinem Meißel und genauem Blick finalisiert Oram millimetergenau den Stein. Was macht man wohl, wenn in solch einem Moment am Werkstück etwas abbricht oder kaputtgeht? „Weinen“, lacht Oram. „Und später ein Bier trinken.“ Trotz der hohen Konzentration, die jeder Steinmetz an den Tag legt, herrscht in der Werkstatt eine entspannte Atmosphäre. Das wird um 9 Uhr umso deutlicher: Kurze Kaffeepause. Drei Schritte aus der Werkstatt hinaus in den Innenhof. Bei rund 20 Grad bleibt der Pausenraum eher leer, die Kolleginnen und Kollegen zieht es in den kleinen Garten der Münsterbauhütte, umgeben von jahrhundertealten Steinen.

Apropos alte Steine: Sharra Oram stammt aus dem Südwesten Englands, keine zehn Minuten vom berühmten Stonehenge entfernt. „Es ist schon verrückt, dass ich heute mit Steinen arbeite“, lacht sie. Mit 17 Jahren hat sie das Steinmetz-Handwerk erlernt. „Ich wollte einfach etwas anderes probieren, bevor ich die Entscheidung treffe, an die Universität zu gehen.“ So startete sie die Ausbildung. „Nach etwa einem Jahr habe ich dann eine echte Liebe zum Stein gefunden – seitdem bin ich bei diesem Beruf geblieben.“

Freiburg als wahrgewordenes Märchen

Nach ein paar Jahren wollte sie dann auch filigranere Bildhauerarbeiten machen. „Mein erster Chef hat dann einen Witz gemacht, ich sollte doch nach Italien fahren. Also habe ich das gemacht“, lacht sie. „Ich habe in Südtirol an der Laaser Marmorschule gelernt – auch deutsch.“ Nach dem Abschluss und mit besseren Deutschkenntnissen wollte Oram schließlich mehr reisen. Nach einem Zwischenstopp in Österreich verschlug es sie nach Freiburg. „Für mich war das wie ein ‚fairytale‘, wie ein Märchen“, sagt sie. Das Freiburger Münster ist so besonders – nicht nur für mich und meine Kollegen, sondern auch für die ganze Stadt. Ich bin so stolz darauf, daran arbeiten zu dürfen.“

In der Werkstatt ist wieder das Klopfen von Metall auf Stein zu hören. Auch die wiederkehrenden Presslufthammer-Geräusche haben ihren eigenen Rhythmus. Das Surren der Abzugsanlage sorgt für einen zusätzlichen Klangteppich. Während sie wieder an der Fiale arbeitet, berichtet die Steinmetz-Gesellin, was sie an ihrem Handwerk liebt. „Was wir erschaffen, bleibt für immer. Ich kann mich außerdem immer verbessern und sehe direkt, wo ich besser geworden bin.“

Klettertour in über hundert Metern Höhe

Langsam wird es warm in der Werkstatt – die Temperaturen steigen am Nachmittag auf über 30 Grad, das merkt man auch in der Münsterbauhütte. Sharra Oram ist daher auch zu einem optimalen Zeitpunkt fertig mit der Bearbeitung ihres Steins. In den kommenden Wochen wird sie vermehrt am Münster im Einsatz sein. „Wir werden neue Steine einbauen und befestigen.“ Ein weiterer Vorteil: „An der Nordseite des Münsters ist es im Sommer auch kühler.“ Außerdem steht für die 29-Jährige demnächst ein besonderes Highlight an: Gemeinsam mit Kollegen wird Sharra Oram die Spitze des Münsterturms vermessen und auf kaputte Stellen prüfen – von außen. Dabei seilt sie sich von mehr als 100 Metern Höhe ab, natürlich entsprechend abgesichert. Dafür hat sie extra einen entsprechenden Kletterkurs absolviert. „Das wird spannend“, schmunzelt sie.

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