Mit „Zwischen Wirklichkeit und Traum. Otto Gleichmann und der Expressionismus in Hannover“ widmet das Sprengel Museum Hannover dem Künstler Otto Gleichmann (1887–1963) eine umfangreiche Retrospektive mit über 110 Werken aus seiner fast 50-jährigen Schaffenszeit. Gleichmann zählt zur späteren Generation des deutschen Expressionismus und war Mitglied der Gruppe der Hannoverschen Sezession. Trotz seiner öffentlichen Präsenz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist er heute nahezu vergessen. Die Ausstellung zeigt Gleichmanns Werk im Kontext seines künstlerischen Umfeldes: Es wird begleitet von Kunstwerken seiner Frau Lotte Gleichmann- Giese und Künstler*innen aus dem hannoverschen Kreis der 1910er und 1920er Jahre.

Die Bilder von Otto Gleichmann bewegen sich zwischen der Abbildung realer Erfahrungen wie dem Ersten Weltkrieg oder dem Leben in der Großstadt und affektiven, ungegenständlichen Darstellungen dieser teils leidvollen Erfahrungen. Dieses Changieren „zwischen Wirklichkeit und Traum“ zeigt Gleichmann durch verzerrte Proportionen, rätselhafte, düstere Atmosphären und Figuren mit weit aufgerissenen, katzenartigen Augen.

Kuratorin Karin Orchard erläutert:

„Mit großer Sensibilität und humanitärem Mitgefühl richtet Gleichmann den Blick auf das innere Erleben und das Wesen des Menschen – nicht als Individuum, sondern als Typus der menschlichen Erfahrung mit Gefühlen der inneren Zerrissenheit zwischen Einsamkeit und Hoffnung.“

Gleichmann und seine Zeitgenoss*innen

Die Schau im Sprengel Museum Hannover zeigt 114 Malereien und Papierarbeiten von Otto Gleichmann, die zur Hälfte aus dem Bestand des Museums stammen, ergänzt von Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen. Zusätzlich präsentiert die Ausstellung erstmals das Werk seiner Frau Lotte Gleichmann-Giese (1890–1975) in größerem Umfang. Sie war ebenfalls Künstlerin und lernte ihren Mann an der Kunstakademie in Breslau kennen. Ein Großteil ihres Werkes wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Die Ausstellung kontextualisiert Gleichmanns Bilder mit Werken anderer Künstler*innen, die in Hannover tätig oder ausgestellt waren: etwa Max Beckmann, Otto Dix, Paul Klee, Emil Nolde, Kurt Schwitters, Käte Steinitz, Lyonel Feininger und Marianne von Werefkin.

Nora Niefanger, kuratorische Assistenz, ergänzt:

„Mit den ausgewählten Positionen präsentieren wir das künstlerische Umfeld von Otto Gleichmann und zeigen die vielfältigen Strömungen, die Hannover zu dieser Zeit prägten.

Diese Zusammenstellung eröffnet neue Perspektiven auf Gleichmanns OEuvre und verdeutlicht seine eigenständige Bildsprache.“

Die hannoversche Avantgarde im Sprengel Museum Hannover

Die Ausstellung ist ein weiterer Baustein im Bestreben des Hauses, die Avantgarde des 20. Jahrhunderts in Hannover in den Blick zu nehmen. Nach der umfassenden Überblicksausstellung „revonnaH“ im Jahr 2017 hatte das Sprengel Museum Hannover zuletzt mit Grethe Jürgens (2024) und Käte Steinitz (2025) zwei Protagonistinnen der Avantgarde in Hannover präsentiert, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit abgetaucht waren.

Direktor Reinhard Spieler freut sich über die groß angelegte Ausstellung:

„Nach Gleichmann-Ausstellungen 1987 und 2001 möchten wir mit dieser retrospektiv angelegten Präsentation die Möglichkeit schaffen, dieses bedeutende expressionistische Werk von Otto Gleichmann, das in seiner Entstehungszeit weit über Hannover hinaus strahlte, neu zu entdecken.“

Zum Künstler

Otto Gleichmann (1887–1963) studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, der Kunst- und Kunstgewerbeschule Breslau und der Kunstschule Weimar. Als Soldat wurde er 1916 nach Hannover versetzt, wo er 1917 im Kestner-Museum seine erste Ausstellung präsentierte. Bis zu seinem Tod blieb er in Hannover und wurde Teil der lebendigen Kunstszene. In Gleichmanns Wohnung, dem „Montmartre von Hannover“, traf sich die lokale Künstler*innenschaft mit überregionalen und internationalen Künstler*innen und Persönlichkeiten.

Otto Gleichmann schuf rund 1600 Werke, darunter Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Pastelle und Lithografien. Von diesen lassen sich heute noch circa 570 Werke nachweisen.

Die Ausstellung ist kuratiert von Karin Orchard, assistiert von Nora Niefanger.

Ein Zeichentisch, an dem Besucher*innen selbst aktiv werden können, ergänzt die Präsentation.

Es erscheint ein Katalog zur Ausstellung im Snoeck Verlag mit Beiträgen von Claudia Andratschke, Katharina Herrmann, Nora Niefanger, Karin Orchard und Petra Wenzel. Der Katalog wird gefördert durch die AKB-Stiftung. Preis: 39 Euro

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