Julian Charrière – An Invitation to Disappear
14/04 – 08/07/18
Eröffnung: Freitag, 13/04/18, 19 Uhr
Pressegespräch: Freitag, 12/04/18, 11 Uhr

Der Begriff „Natur“ ist strittig; seine Verwendung komplex. Meist jedoch wird er in Opposition zur Kultur, zum Menschen benutzt. Natur bildet einen Oberbegriff für etwas, das nicht vom Menschen geschaffen wurde, das sich aus sich heraus erschafft und in einem ewigen Kreislauf selbst erneuert. Die Begegnung von Mensch und Natur findet in der Regel nur bei den sogenannten Naturvölkern in harmonischer und angemessener Weise statt. Ansonsten entstehen aus dem Zusammenprall beider Sphären Narben.

An diesen Narben setzt Julian Charrières künstlerisches Schaffen an. Er entdeckt sie, holt sie zurück ins Bewusstsein oder öffnet sie und lässt ihre Bestandteile neu zusammen wachsen. Er fasst Mensch und Natur nicht als Kontrahenten auf, sondern betrachtet den Menschen als Teil der Natur. Das hat zur Konsequenz, dass er die Auswirkungen menschlicher Eingriffe ins Universum als neue Erscheinungsformen, quasi als Spielarten der Natur ansieht. In seinen Videos, Skulpturen, Fotografien und Installationen verbindet er bildende Kunst mit Wissenschaft, Land-Art mit Archäologie, Romantik mit Science-Fiction, Geschichte mit Zukunft und – stets auf Neue – zeigt er den Menschen und seinen Entdeckerdurst, aber auch in seinem zerstörerischen Egoismus als Teil der Natur.

Die Ideen für Julian Charrières Arbeiten entstehen unterwegs, beim Bereisen von Ländern. Oft führt eine Expedition zur nächsten. Wissenschaftliche Erkenntnisse, Materialien, historische Fakten über Orte und Ereignisse werden von ihm gesammelt und münden in aufwendigen Rechercheprozessen, in die er Fachleute, Forscher, Praktiker miteinbezieht. Ebendiese gepaart mit der Erfahrung vor Ort bilden den konstitutiven Abschnitt auf dem Weg zur Genese einer neuen Arbeit.

So entstand auch die neue Werkgruppe „An Invitation to Disappear“. Die Idee formte sich auf einer gemeinsamen Wanderung mit Dehlia Hannah durch Indonesien zum Vulkan Tambora. Sein Ausbruch im Jahr 1815 wirkte sich auf das Weltklima aus und zog global verheerende Folgen nach sich. Es handelt sich um die bis heute größte verzeichnete Eruption der Menschheitsgeschichte. Die Aschewolke verteilte sich rund um den Globus und ließ die Temperatur bis Europa und Nordamerika sinken. Das Jahr 1816 ging als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichtsschreibung ein. Der vulkanische Winter, der noch bis ins Jahr 1819 andauern sollte, rief Ernteeinbrüche, Überschwemmungen und Hungersnöte hervor. Auf seinem Weg zum Tambora fiel Julian Charrière allerdings noch etwas anderes auf: tausende von Ölpalmen, in einem starren Raster dicht an dicht gepflanzt, in nicht enden wollender Wiederholung. Diese durch Menschhand erschaffene Serialität einer bereits in der Kreidezeit vorkommenden Pflanze schockierte und faszinierte ihn gleichermaßen. Palmöl steckt in unzähligen Nahrungsmitteln, in Kosmetika, Reinigungsmitteln, wird für Biodiesel verwendet. Dafür ist eine Unmenge an Bäumen nötig, die in Monokulturen, in Regionen mit ursprünglich enormer biologischer Vielfalt angebaut werden. Ganze Landstriche – vorrangig in Malaysia und Indonesien – wechseln daher ihr Erscheinungsbild und zwar nicht nur in Bezug auf den Rückgang der Artenvielfalt, sondern auch in ästhetischer Hinsicht: Durch das starre Raster, in dem die Palmen gepflanzt werden, entsteht eine ganz eigene visuelle Rhythmik. Aus der Luft gleitet der Blick über ein schier endloses Liniengeflecht hinweg, das aus den gezähmten, dicht an dicht gesetzten sternförmigen Kronen der Palmen besteht. Wege durchkreuzen und verbinden die Flächen. Unter den Baumwipfeln erstreckt sich eine Landschaft aus kargem Boden mit herabgefallenen Palmwedeln, teils von Gräsern und Bodendeckern überzogen. Von Zeit zu Zeit sprüht eine Nebelmaschine eine Wolke des feuchtkühlen Kondensats aus. Sie wird durch Palmöl betrieben und rumort in Intervallen. Hohe Industrieregale nehmen einen Großteil des Raumes ein und sind gefüllt mit leuchtenden Quadern – Palmfett in unterschiedlichen Orangenuancen, dabei in eine sich stets wiederholende Form gepresst. Es wird langsam wärmer und das Licht gedämpfter. Ein Film zeigt in Endlosschleife die Abholzung von Urwald. Baum um Baum wird gekappt und fällt. Wärme und Licht spendet eine raumgreifende Lampe mit ihren beruhigend dahinschwebenden Blasen. Die sich langsam und feurig wie Lava ergießende Flüssigkeit verdankt ihre Viskosität dem Palmöl. Eine schwarzweiße Wandarbeit, deren Bild aus Millionen kleinster vulkanischer Aschepartikel entsteht, entfaltet sich im Raum. Wir durchschreiten den Parcours von Julian Charrières Ausstellung in der Kunsthalle Mainz. Für „An Invitation to Disappear“ hat der Schweizer Künstler eine Dramaturgie entwickelt, welche die Besucher in den Kosmos „Palmöl“ einführt, ihn intellektuell und sinnlich erfahrbar macht. Je weiter sie voranschreiten, umso lauter ertönt der Rhythmus, der bereits beim Eintreten in den ersten Raum in der Ferne wummerte.

Sie dringen vor in das Herzstück der Ausstellung: Farbige Blitze erhellen die dunkle Nacht in einem dicht bestellten Palmacker. Harte, elektronische Rhythmen in Endlosschleife durchschneiden die endlose Ruhe des Baumfeldes. Eine Palmölplantage erbebt von Licht und Klang geschüttelt. Die Szenerie schwankt zwischen verheißungsvoll und bedrohlich. Die Besucher finden sich wieder in einem Rave. Rhythmen und Klänge der elektronischen Musik überlagern ein von Nebelschwaden verschleiertes Setting: Ein Film, der auf einer Palmölplantage in Fernost gedreht wurde. Ein Film, der einem durch Musik verursachten Rauschzustand den exzesshaften Raubbau an der Natur zur Seite stellt. Gleichermaßen steht er für eine kollektive Erfahrung, die sich sowohl in bewusst „aufgenommener“ Musik ausdrückt als auch im unwissentlichen Konsum des Stoffes Palmöl. Seine Allgegenwärtigkeit findet ihre Analogie in der Abwesenheit unseres Interesses an seiner Gewinnung; die physische Absenz des Menschen schlägt in eine Omnipräsenz seiner Handlungen um. Bild und Sound verdichten sich zu Metaphern für den menschlichen Fortschrittsglauben, kurzlebige Interessen und deren massive Folgen. Gleichzeitig beschwören sie kollektive Trancezustände und geteilte Erfahrungen außerhalb von Raum und Zeit herauf.

So wie ein Vulkanausbruch vor 200 Jahren Kontinente verband, so tun es Raves, die längst keine reinen Ereignisse einer Subkultur mehr sind, sondern eine Form für den Mainstream generiert haben und Palmöl, das mittlerweile nahezu jeder Mensch einnimmt, aufträgt, anwendet. „An Invitation to Disappear“ bildet damit nicht nur die wörtliche Übersetzung von „Tambora“, sondern steht für heimliche und offensichtliche Prozesse, Materialien und Entwicklungen. Es bezeichnet das ambivalente Verhältnis von Mensch und Natur. Julian Charrière, der sich als „Zukunftsarchäologen“, den Menschen als „größte Erosionskraft in der Natur“ bezeichnet, knüpft hier an. Ausgestattet mit drängenden Fragen unserer Zeit, Forschergeist und Waghalsigkeit studiert er auf seinen Expeditionen in ferne Länder die Überzeitlichkeit menschlicher Eingriffe, legt den utopischen Gehalt unserer Gegenwart frei und macht Rohstoffe der Zukunft zu seinem Arbeitsmaterial.

„An Invitation to Disappear“ in der Kunsthalle Mainz bildet Julian Charrières bis dato umfangreichste Einzelausstellung in einer deutschen Institution. Sie besteht aus der neuen Werkserie „An Invitation to Disappear“, die in Beziehung zu zwei älteren Arbeiten gesetzt wird. Anlässlich der Ausstellung erscheint in Zusammenarbeit mit Le Musée de Bagnes eine zweisprachige Publikation bei Roma Publications.

Die Ausstellung wird gefördert von Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur, Pro Helvetia, Ernst & Olga Gubler-Hablützel Stiftung, Mainzer Volksbank eG und The Shifting Foundation.

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