Das wäre doch mal was – ein Abitur mit Auszeichnung und mit der Abschlussnote von 0,9. So steht es im vierten der insgesamt fünf Angebote, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 24.4.20 – Freitag, 01.05.20) zu haben sind. Allerdings ist das in der spannenden und nachdenklichen Novelle „Zwei leere Stühle“ von Erik Neutsch über die Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen des DDR-Volksbildungssystems gar nicht lustig und bloß ironisch gemeint, sondern sehr ernst und eher wütend und auch ein Stück weit provozierend. Typisch Neutsch eben und unbedingt empfehlenswert.

In seinem Kinderbuch „Das kleine Mädchen und der fliegende Fisch“ lässt Max Walter Schulz ein kleines Mädchen laut und deutlich NEIN sagen.

Ebenfalls ein Kinderbuch und ein Mutmachbuch dazu ist „Bimmi vom hohen Haus“ von Helga Schubert.

Unter dem Titel „Das schöne Mädchen, die zwölf Brüder und die größte Ohrfeige der Welt“ hat Jurij Koch vier sorbische Märchen neu nacherzählt.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und da hat die Literatur schon immer ein gewichtiges Wort mitzureden und heute erst recht. Diesmal geht es um nichts weniger als um die Verantwortung der Menschen für ihre gemeinsame Zukunft.

Dem E-Book „Fundsache Venus“ von Alexander Kröger liegt die 2012 im Projekte-Verlag Cornelius Halle veröffentlichte 2. überarbeitete Auflage zugrunde. Sie enthält die Neufassung von „Souvenir vom Atair“ – erstmals 1985 im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig) und „Andere“ – erstmals 1990 ebenfalls im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig veröffentlicht: In „Fundsache Venus“ entdeckt Wally 327 Esch als Überlebende einer Rettungsexpedition das geborstene Raumschiff, und sie findet Dirk, ihren Lebensgefährten, aus dessen toter Hand sie ein Souvenir entnimmt, das, so glaubt sie, für sie bestimmt ist. 18 Jahre hütet sie das Geheimnis dieses Geschenks. Dann berichtet sie dem Sohn Mark von der Operation in einem verlassenen Urwaldhospital und von Bea, einem Mädchen mit Tigeraugen … Sie bürdet damit dem jungen Mann eine Verantwortung auf, die er allein nicht tragen kann. Maren 021 Call kämpft leidenschaftlich gegen die Entstehung von „Anderen“ auf der Erde und dem Mars. Sie fürchtet auf lange Sicht den Untergang des ursprünglichen Menschen. Alexander Kröger richtet in einer mitreißenden Handlung – in Sicht auf heutige Realitäten und Tendenzen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung – das Augenmerk des Lesers auf die Verantwortung der Menschen für ihre Zukunft. Hier der Beginn des 2. Kapitels von „Souvenir vom Atair“:

„Sie verließen mit der Urlauberjacht des Instituts ihre langjährige Wohnstatt.

Mark hatte zunächst kein Wort verloren, als die Mutter ihm offenbarte, die Institutsleitung hätte sie gebeten, eine Tätigkeit auf Gunungapi anzunehmen, man würde dem sehr viel Wert beimessen. Sie freue sich darauf. Zum nächsten Ersten …

Mark war ans Fenster getreten, hatte lange schweigend hinausgestarrt.

„Wohnen werden wir dort ähnlich wie hier …“

„Das ist ja sehr wichtig“, hatte Mark dann bitter und traurig zugleich erwidert, ohne sich der Mutter zuzukehren. Mit der Stirn lehnte er am Fensterrahmen.

Wally hatte es einen Stich gegeben. Der Zweifel, ob sie so Mark wieder ganz für sich gewänne oder – gänzlich verlöre, nagte an ihr. Am meisten aber litt sie darunter, dass er von dieser einschneidenden Veränderung überhaupt nicht mehr sprach und sich offenbar nicht im Geringsten für das Neue interessierte. Er hielt sich in der Freizeit kaum zu Hause auf, kam abends spät und ging früh – lange vor Unterrichtsbeginn. Sie sprachen nur das Nötigste miteinander, nicht unfreundlich, aber Mark blieb zurückhaltend.

*

Das Schiff legte bereits um fünf Uhr morgens ab. Mark stand wie abwesend am Heck. Wally trat zu ihm, wagte nicht, ihn anzusprechen. Die Maschinen ließen die Jacht zittern. Unten quirlte Wasser.

Sie hatten schon einige 100 Meter seewärts zurückgelegt, da erst erblickte Wally die einsame Gestalt vor der noch tiefstehenden Sonne am Pier.

Mark lehnte mit steinernem Gesicht an der Reling und starrte hinüber, rührte sich nicht …

Wally traten Tränen in die Augen. Sie legte ihre Hand auf die des Sohnes, die das Geländer umkrampfte.

Später, als sich undurchsichtiger Dunst zwischen sie und den Hafen geschoben hatte, der Wind Gischt über das tiefliegende Heck trieb, fasste Wally den Sohn um die Schulter und sagte leise: „Komm, Mark …“´ Und damit zur ausführlicheren Vorstellung der anderen Angebote dieses Newsletters:

Erstmals 1978 veröffentlichte Max Walter Schulz in der Reihe ABC – Ich kann lesen des Kinderbuchverlags Berlin „Das kleine Mädchen und der fliegende Fisch“: Der fliegende Fisch ist in Wirklichkeit ein kleiner krausköpfiger Junge mit einem gestreiften Nicki, der von sich behauptet, ein Puppenräuber zu sein. Er verfolgt das kleine Mädchen und seine Puppe, die auf dem Wege nach Hause sind. Das Mädchen hat große Angst. Der fliegende Fisch überholt sie zuweilen, zerrt mit zwei Fingern seinen Mund so breit, dass er einem Fischmaul sehr ähnlich wird. Ganz scheußlich sieht das aus. Was hat er im Sinn? Das kleine Mädchen fasst sich ein Herz. Es will stärker sein als die Angst. Da geschieht etwas Seltsames, aber auch etwas sehr Schönes. Und hier der komplette Text dieses bezaubernden Kinderbuches:

Das kleine Mädchen und der fliegende Fisch

Es war an einem späten Sommernachmittag. Die Sonne saß schon wie ein dicker roter Vogel auf den Antennen der Häuser. Ein kleines Mädchen ging allein durch die Stadt. Es wollte schnell nach Hause. Aber einer von den fliegenden Fischen war hinter ihr her. Er wollte ihre Puppe haben, ihre schönste Puppe mit dem blauen Kleid und den roten Schuhen. Der fliegende Fisch rief: „Angstjule! Angstjule!“ Das kleine Mädchen fürchtete sich. Am liebsten hätte sie ihre schöne Puppe fallen lassen und wäre davongerannt.

Das kleine Mädchen kam von einer Freundin. Dort hatten sie gespielt: auf dem Grünplatz vor den neuen Häusern.

Der Bruder der Freundin hatte den Mädchen sein gelbes Zelt aufgeschlagen. Wenn die Sonne darauf schien, war es innen in dem gelben Zelt noch viel gelber. Und als dann die Regenhusche gekommen war, sahen die grünen Grasbetten der Puppen ganz braun aus. Nach dem Regen fing draußen vor dem Zelt ein Geschrei an. Das waren Jungen.

Sie tanzten barfuß in den Pfützen. Sie schrien, sie wären fliegende Fische und Puppenräuber. Als eine Frau vorbeiging und mit den Bengels schimpfte, flogen die fliegenden Fische auf die Klopfstange. Da oben lauerten sie auf ihre Beute. Aber auf einmal waren sie verschwunden.

Nun ging das kleine Mädchen ganz allein mit ihrer Puppe nach Hause. Und einer von den fliegenden Fischen und Puppenräubern verfolgte sie. Ein krausköpfiger mit gestreiftem Nicki. Manchmal überholte er sie. Dann steckte er zwei Finger in den Mund und zog den Mund so breit wie ein Fischmaul. Dem kleinen Mädchen klopfte das Herz vor Bangigkeit. Es hielt die Puppe so fest im Arm, dass ihr der Arm schon wehtat.

Nun musste das kleine Mädchen noch durch den Park. Dann war sie zu Hause und gerettet. Im kleinen Park war ein noch kleinerer Teich. Und mitten in dem noch kleineren Teich war eine winzige Insel mit einem Entenhäuschen. Der kleine Park sah seltsam aus. Durch die hohen Bäume zog Regendampf. Der leuchtete trüb und geheimnisvoll und schluckte die dicke rote Sonne. Der fliegende Fisch zog seine Kreise immer enger um das kleine Mädchen. Es wusste nicht mehr aus noch ein. Es blieb stehen. Die Beine wollten nicht mehr weiter. Ganz hoch am Himmel brummte ein Flugzeug. Und das Entenhäuschen wurde auf einmal durchsichtig, als wäre es aus Glas und Luft. Man konnte alles sehen. Den Entenvater, der vor dem Fernseher saß und die Zeitung las. Die Entenmutter, die ihre sieben Küken gerade ins Bett brachte.

Die sieben flaumfedrigen Bällchen, gelb wie ein Eigelb, mit platten Schnäbelchen, rot wie Paprika. Das kleinste wollte nicht ins Bett. Es versteckte sich unter dem Badetuch.

Plötzlich sah das kleine Mädchen, wie etwas durch die Bäume segelte. Ein Ding aus Hühnerfedern und Baumrinde. Es segelte und schaukelte über den Teich und landete lautlos auf der Insel hinter dem Entenhäuschen. Das kleine Mädchen traute seinen Augen nicht. Und wer stieg aus dem Hühnerfeder-Flugzeug aus? Der Tigerhai und der Katzenhai, die allerschlimmsten Räuber. Sie schlichen um das Entenhaus zur Tür. Die Tür stand offen, sperrangelweit.

„Sieben leckere Häppchen!“, sagte der Katzenhai zum Tigerhai.

„Und zwei leckere Happen!“, sagte der Tigerhai zum Katzenhai.

Vor Fressgier leckten sie sich die Mäuler. Das kleine Mädchen stand ganz starr. Wie aber die beiden allerschlimmsten Räuber zur offenen Tür hinein wollten, da stampfte es mit dem Fuß auf.

„Nein!“, sagte das kleine Mädchen. Es sagte so laut und so zornig „nein“, dass eine Welle vom Ufer auf das Entenhäuschen zulief. Die Räuber lachten mit breiten Mäulern. Vor der Welle hatten sie keine Angst. Da wurde das kleine Mädchen erst recht zornig. So zornig, dass seine Augen vor lauter Zornigkeit Funken sprühten. Da jaulten sie ganz jämmerlich. Der Katzenhai und auch der Tigerhai. Und weg war der Spuk. Weg wie weggeblasen. Kein Räuber mehr weit und breit. Auch keine Spur mehr von dem Segelding aus Hühnerfedern und Baumrinde. Und das Entenhäuschen war wieder das hölzerne Entenhäuschen.

Der krausköpfige Junge mit dem gestreiften Nicki sagte: „Ich wollte dich doch bloß nach Hause bringen, du Doofe.“ Das kleine Mädchen war aber immer noch voll großer Zornigkeit. Davon rollte sich der Regennebel in den hohen Bäumen zu einem einzigen Tropfen zusammen. Der fiel von Ast zu Ast. Und als kein Ast mehr unter dem Tropfen war, fiel er in den Teich. Platsch machte der Tropfen, einfach platsch. Und eine lustige Welle lief über den Teich ans Ufer, wo das kleine Mädchen stand neben dem fliegenden Fisch.“

Ebenfalls im Kinderbuchverlag Berlin erschien erstmals 1981–1982 „Bimmi vom hohen Haus“ von Helga Schubert mit wunderschönen Bildern der bekannten Berliner Illustratorin und Cartoonistin Grafikerin Cleo-Petra Kurze, die dieses ausgesprochene Mutmachbuch phantasievoll neu illustriert hat: „Bimmi vom hohen Haus“ enthält vier Geschichten für das Erstlesealter, die zunächst einzeln als Minibücher in hoher Auflage für je eine DDR-Mark erschienen waren. Sie handeln von der sechsjährigen Bimmi, die in die Schule gekommen ist und nun in ihrem Alltag allerlei Abenteuer bewältigen muss. Ihr helfen die Freundin, der Vater, die Nachbarin. Bimmi ist ins Hochhaus gezogen und weiß ihre Wohnungsnummer nicht mehr. Ausgerechnet, als ihre Mutter auf einer Dienstreise ist, bekommt sie die Grippe Victoria A und steckt den Vater an. Dann will sie etwas vertuschen – und schließlich ist da noch der kleine Bruder, um den sich alles dreht. Aber zunächst begegnet die Erstklässlerin jemand anderem:

Bimmi und das Hochhausgespenst

Bis zum vorigen Dienstag wohnte Bimmi in einem Haus mit drei Stockwerken.

Ihre liebste Freundin wohnte gleich nebenan im Nachbarhaus.

Aber am vorigen Dienstag zog Bimmi mit ihren Eltern um.

Jetzt wohnt sie in einer anderen Stadt in einem Hochhaus mit 24 Stockwerken in der Wohnung mit der Nummer 06.17, Aufgang M.

Bimmi hat nun ein eigenes Zimmer, aber keine Freundin in der Nähe.

So viele Kinder im Haus, aber sie kennt kein einziges.

So viele Kinder in der neuen Klasse, aber …

„Bist du nicht die Feuerlocke von oben aus dem Haus?“, flüstert Bimmi.

„Bist du nicht mit dem großen Plüschvieh eingezogen?“, fragt Tani.

„Ruhe dahinten, Kinder! Reden könnt ihr auf dem Weg nach Haus!“, ruft die Lehrerin.

Endlich ist die Schule aus, endlich können sie einander ausfragen!

„Wollen wir nachher zusammen spielen?“ – „Hol mich ab, Tani, ja! Ich wohne Nummer Null… Null… Nulllllll… Jetzt hab ich’s vergessen.“

Tani kennt das schon bei den Neuen. „Kannst du dich denn an gar nichts erinnern? Weiter oben oder weiter unten mit dem Fahrstuhl? Ist der Fußboden rot oder blau?“

„Fußboden? Fußboden?“, Bimmi dämmert etwas. „Zwei schwarze Riesenborstenstapfen liegen nebenan vor der Tür.“

„Spinnst du? Riesenfüße? Borstenstapfen? Das ist doch die Fußmatte von Nito Godsmanoi aus Indien. Die Wohnung finden wir. Wenn du mich nicht hättest, Bimmi! Gedächtnis wie ein Sieb, aber eine Fußmatte im Kopf.“

Sie rennen zum Fahrstuhl, fahren sechs Stockwerke höher, laufen den langen Gang lang und dann noch um die Ecke.

„Hier sind die Stapfen.“

„Na, dann wohnst du Nummer 06.17, ist ganz einfach, schreib deinen Weg auf“, sagt Tani wie eine große Schwester.

Bimmi schließt auf und nimmt Tani mit.

„Jetzt spielen wir.“

„Nimmst du das Laken oder den Besen?“

„Willst du Gespenst oder Hexe sein?“

„Und jetzt wird gespukt.“

Bisher wohnte Bimmis liebste Freundin gleich nebenan, jetzt vielleicht sogar in diesem großen Haus.“

Erstmals 1979 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle (Saale) die erste von fast einem Dutzend Auflagen der Novelle „Zwei leere Stühle“ von Erik Neutsch, deren Text auf Wunsch des Autors wie alle seine Bücher nicht auf neue Rechtschreibung umgestellt wurde: Zwei Stühle bleiben leer bei einem Absolvententreffen: Uwe Tolls und Wolfgang Lichterfeld sind nicht erschienen. Der Ich-Erzähler, Direktor der Schule, geht den Lebensläufen seiner ehemaligen Schüler nach, fragt sich und andere, was mit ihnen geschehen ist, dem hochbegabten Lichterfeld, dem Klassenbesten, der Medizin studierte, und dem schwarzen Schaf der Klasse, Uwe Tolls, der überraschenderweise Offizier der NVA wurde. Aber die Fragen des Erzählers zielen über die Schicksale seiner Helden hinaus. Sie bewegen sich um das Problem der Erziehung als gesellschaftliche Aufgabe. Wie erziehen wir junge Menschen in der Schule? Lassen wir sie nach Zensuren jagen, wie beantworten wir ihre manchmal unbequemen Fragen? Erik Neutsch provoziert wie oft in seinen literarischen Arbeiten das schöpferisch-kritische Mitdenken, die Diskussion um erregende Fragen des Lebens in der DDR. Unter dem originalen Buchtitel „Zwei leere Stühle“ verfilmte das DEFA-Studio für Spielfilme (Potsdam-Babelsberg) für das DDR-Fernsehen 1983/84 den Stoff in der Regie von Georg Schiemann, der auch gemeinsam mit Norbert Leverenz das Drehbuch schrieb, mit Martin Trettau als Direktor Helmut Hausknecht sowie Walter Plathe und Thomas Wolffs als die beiden Rivalen Wolfgang Lichtenfeld und Uwe Tolls in den Hauptrollen. Wegen seiner kritischen Sicht auf die DDR-Verhältnisse wurde die Ausstrahlung des 74-Minuten-Streifens jedoch immer wieder verschoben, und so war „Zwei leere Stühle“ erst am 26. Mai 1987 erstmals im 1. Programm des DDR-Fernsehens und am nächsten Tag als Wiederholung zu sehen. Hier ein Internet-Kommentar von Carola Schmidt, Tochter von Erik Neutsch: „Diesen Film habe ich 1987 im TV gesehen, obwohl er schon 1984 abgedreht wurde. Immer wieder wurde die Ausstrahlung verschoben, nicht zuletzt, weil dieser Film sehr kritisch die DDR-Verhältnisse beschreibt. Erik Neutsch (mein Vater), wurde bei seinen Nachfragen immer vertröstet. Nachdem ich ihm sagte, dass er ausgetrickst werden würde, was er zunächst nicht glauben wollte, verkündete er schießlich, dass sich Bavaria-München für den Film interessiere, er inzwischen am Überlegen sei, die Rechte zu verkaufen. War nur ein Bluff. Zwei Tage später wurde der Film im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Dieser Film kann mit ‚Spur der Steine‘ absolut mithalten.“ Und bei www.fernsehenddr.de heißt es zum selben Thema: „Der Film wurde bereits 1983 produziert, lief aber erst 1987 im Programm des DDR-Fernsehens. Offensichtlich waren einigen Verantwortlichen des Fernsehfunks vorab die kritisch skizzierten Lebensmodelle der jungen Leute und die Problematik fingierter politischer Haltungen zu suspekt gewesen, um diese TV-Produktion unmittelbar nach Herstellung auch zu zeigen.“ Im Lexikon des internationalen Films lesen wir: „Eine junge Lehrerin freut sich seit langem auf das Wiedersehen mit ehemaligen Schulkameraden. Besondere Spannung liegt über der Begegnung mit einem Arzt und einem Offizier. Problemreicher, um das Aufbrechen von Tabus bemühter Fernsehfilm über Wege und Irrwege der mittleren DDR-Generation. Aufgrund seiner kritischen Sicht war der Film fast vier Jahre lang verboten.“ Und damit zurück zur literarischen Vorlage und zu einer Besonderheit des heutigen Newsletters: Da wir heute für ein einzelnes Buch ein bisschen mehr als sonst Platz haben, präsentieren wir das vollständige 1. Kapitel des Buches, in dem der Erzähler Leserinnen und Leser direkt anspricht:

„Wenn ich nur wüßte, was wir versäumt oder falsch gemacht haben, ich, der Direktor, Kommunist gar keine Frage, meine Lehrer, damals nicht mehr als dreißig, da unsere Schule erst später Zuwachs aus den Neubauvierteln erhielt, jeder vierte jedoch Parteimitglied, SED jedenfalls, und zwei Liberaldemokraten und ein Christ, nicht nur einer mit Taufschein, meine ich… Wenn ich nur wüßte, was uns so selbstgerecht und zufrieden, so saturiert werden ließ.

Ich bin nach Katzow gefahren, habe mich dort im Krankenhaus und in der Kreisleitung umgehört, war auch in Hartenstein bei den Genossen, denn als ich die Nachricht bekam, kurz vor dem Klassentreffen, die beiden Nachrichten innerhalb einer Woche, war mir speiübel, ich stellte mich tagelang selber in Frage. Das ist das Schlimmste, was einem geschehen kann, das Schlimmste in unserem Beruf. Ein wenig zur Ruhe gekommen, suchte ich dann nach Gründen. Lagen die Fehler nicht schon bei uns? Einen Teil der Schuld gebe ich heute dem verdammten Formalismus, der mir nie geschmeckt hat, dem Zensurenhaschen zum Beispiel, der Jagd nach Einsen, sogar differenzierten Einsen, solchen mit Kreuzen oder waagerechten Strichen dahinter im Klassenbuch, was bedeuten soll: eins plus oder eins minus. Mathematik-Müller hatte sie eingeführt, diese Plus- und Minuszeichen hinter den Prädikaten; wahrscheinlich hofft er, daß bei dieser Art von Benotung endlich einmal einer sein Abitur mit dem Durchschnitt von 0,9 besteht – das wäre doch ein wirkliches Novum, Weltniveau in der Volksbildung. Er hatte damit, zumindest in seinem Fach, ein Strebertum ausgelöst, das mich stets an die Szenen aus meiner Kindheit erinnerte, als wir Bengel nach Bockwürsten und allerlei anderem Firlefanz an den Erntedankfestkronen in unserem Dorfe hangelten. Damals durfte, nein, mußte wohl jeder hinaufklettern. Einer in Uniform machte uns von unten her scharf wie abgerichtete Hunde. Und wem die Muskelpakete reichten, der durfte mal abbeißen von der Wurst oder sich einen Lutscher aus Zuckerguß herab auf die Erde holen. Den anderen blieb nur der Spott, man stieß sie sogar mit Stangen und Stielen in den Hintern, sobald sie keine Kraft mehr hatten und auf halber Strecke am Mast hängenblieben. Was aber ist denn mit uns? Besteht unser Ehrgeiz darin, Intelligenzpakete zu erziehen, Menschen, die zwar jeden beliebigen Sinus- und Kosinuswert ohne Logarithmentafeln berechnen können, sich aber sonst im Leben nicht zu bewähren wissen?

Eine solche Frage – ich weiß – ist rhetorisch, in der holden und hehren Dichtkunst nur im äußersten Falle gestattet, nur dann nämlich, wenn die Helden sie akzeptieren und selber stellen. Des Sängers Höflichkeit jedenfalls hat zu schweigen. Ich aber bin kein Sänger, und ein Held, wie er in Büchern steht, bin ich schon gar nicht. Sollte mich daher Deutsch-Müller eines Tages wegen meiner Rhetorik oder besser: wegen meiner Kommentare hier kritisieren, werde ich ihm entgegnen, daß ich keine Novelle schreibe, nicht einmal etwas Ähnliches, nicht einmal einen Aufsatz, sondern einen Tatsachenbericht, den allerdings im Klartext und versehen mit meinen Bemerkungen, so gut ich’s vermag und sobald es mir paßt.

Sie waren auch seine Schüler.

Um Wolfgang Lichtenfeld geht es und Uwe Tolls.

Und zugleich geht es um uns, die Lehrer und mich, den Direktor, der sie in Geschichte und zuletzt in Staatsbürgerkunde unterrichtete.

Sag einer nicht, wir hätten es nicht verhindern können! Wir haben uns gründlich geirrt. Das ist das Mindeste. Und die beiden haben uns nur auf die konsequenteste Art, die es im Leben gibt, darauf aufmerksam gemacht.

Das ist es, was ich mit meinen Idealen, ja: Idealen, nicht vereinbaren kann und will, womit ich mich niemals abfinden werde, worauf das eine wie das andere, jedes auf seine Weise, eine Stellungnahme von mir verlangt und weshalb ich, je mehr ich darüber nachdenke, zu dem Schluß komme, daß auch wir etwas falsch gemacht haben müssen, ich, Erzieher der beiden und Genosse.

Ich wurde Lehrer aus Überzeugung, ging im ersten Jahr der Republik zum Studium, sofort nach dem Abitur, FDJ-Sekretär bis dahin, und ich dachte: Das könnte vielleicht die höchste Aufgabe sein, der du dich stellen und die du in unserem Staat übernehmen kannst. Die nach uns kommen, meine eigenen Kinder, sollen es nicht noch einmal so schwer haben wie wir. Ich werde ihnen die Straße ins Leben pflastern. Asphaltieren werde ich sie. Sie sollen es glatt haben. Ich hatte schon damals Makarenko gelesen und Kalinin, ihnen recht gegeben und ihre Sätze mir eingeprägt: Die Arbeit des Lehrers ist sehr schwierig und seine Verantwortung groß… Ohne Übertreibung kann man sagen, daß ein Lehrer, wenn er große Autorität besitzt, bei manchen Leuten für das ganze Leben die Spuren seines Einflusses hinterläßt. Deshalb ist so wichtig, daß der Lehrer auf sich achtet, daß er sich der Kontrolle bewußt ist, der sein Benehmen und seine Handlungen dauernd durch die Augen seiner Schüler ausgesetzt sind. Die Hauptsache ist, daß man zu den Kindern ehrlich ist… Und schließlich, Genossen, müssen die Kinder auf lange Jahre hinaus helle Eindrücke, die allerbesten Eindrücke und Erinnerungen von der Schule behalten… Das scheint das Wichtigste zu sein, was man von einem Lehrer verlangen muß…

Und im Gegensatz dazu habe ich auch noch selber die Pauker kennengelernt und mitgeholfen, sie aus unseren Schulen zu vertreiben. Seitdem, dachte ich, hat die Paukerei ein für allemal ein Ende und ist nur noch ein Ereignis in den Erzählungen der Mütter und Väter.

Trotzdem nun dies: Da machen wir jährlich Bestandsaufnahme, tüfteln uns Bilder von Menschen zusammen, klamüsern Beurteilungen über sie aus, schreiben sie in die Reifezeugnisse, doch wenn sie das Leben dann hat, scheren sie sich einen Dreck um unsere Formulierungen.

In Katzow und Hartenstein erfuhr ich’s genau. Aber wohl auch schon im letzten Herbst, als mich beide besuchten. Tolls hatte sich vorher mit einem Brief angemeldet. Seine Eltern wohnen noch bei uns in Dörnrode, und er befand sich im Urlaub. Wolfgang Lichtenfeld kam an diesem Tag überraschend hinzu, läutete im Vorübergehen an der Gartentür und wollte sich nur mal, wie er sagte, erkundigen, was sein „oller Schulmeester“ noch so macht… Doch davon, von dem Gespräch, wird wohl erst später die Rede sein müssen.

In diesem Jahr wollte die Klasse 12a von damals ihr Jubiläum feiern. Man traf sich zum zehnten Male, seit man sich 1969 durch die Prüfungen geschwitzt und das Abitur abgelegt hatte, und so war mit der Teilnahme aller gerechnet worden. Auch der Wirt der „Silbernen Forelle“, eines hübschen Lokals am Ufer des steinübersäten Flüßchens, das unsere Stadt durchquert, hatte sich dementsprechend darauf eingerichtet, Fünfundzwanzig Stühle ließ er um einen länglich-ovalen Tisch in seinem Saal für Konferenzen und Festlichkeiten stellen, einundzwanzig für die ehemaligen Schüler, die restlichen für Rudi Berster, die beiden Müllers, ihre Klassenleiter von der Neunten bis zur Zwölften, und mich.

Doch dann blieben zwei Plätze frei.

Eine bedrückende Stille zog ein, dauerte, bis auch der letzte begriffen hatte, worum es sich handelte, und noch lange danach wollte erst recht keine Heiterkeit aufkommen. Das Bedrückendste aber, fast schon Makabre an allem war: Wir wagten es bis zum Schluß nicht, die beiden leeren Stühle aus der Reihe zu nehmen. Denn hätten wir es mit dem einen getan, so wohl auch mit dem anderen. Und obwohl es zwischen beiden Fällen gewaltige Unterschiede gab, wollten sie uns noch nicht in den Kopf.

Ich versuche mich zu erinnern und habe in diesem Moment wieder die Klasse vor Augen wie damals. Jeder hatte inzwischen seinen festen Platz, Tolls saß, vom Lehrertisch aus gesehen, rechts, in der vorletzten Bank auf der Fensterseite, Lichtenfeld links, unmittelbar neben der Tür, und so verlief zwischen ihnen fast eine Diagonale, in deren Mitte, sozusagen auch geometrisch den Mittelpunkt des Raumes bildend, sich das Goldköpfchen Ingrid befand, was für beide noch von Interesse sein wird. Ich könnte nun aus dem Gedächtnis, zumal nach dem letzten Klassentreffen, all die Namen ihrer Mitschüler nennen und auch aufzählen, was aus ihnen geworden ist, vorläufig jedenfalls in den zehn Jahren, die seither vergingen. Aber das würde zu weit führen. Achtung, soll es nur heißen, seien wir nicht schon wieder voreilig, weder eine Bewährung noch ein Versagen reichen fürs ganze Leben. Bei den meisten ist noch gar nichts entschieden, im Gegensatz allerdings zu Uwe und Wolfgang, bei dem einen sogar – und mich schaudert nun vor diesem Wort – totsicher und bei dem anderen wohl ebenfalls unwiderruflich.

Deutsch-Müller war seit der Elften ihr Klassenlehrer, und bei seiner Pedanterie in der Behandlung klassischer Formen der Erzählkunst haben sie gewiß auch gelernt, wie man beginnen muß, wenn man etwas erzählen will. Neulich erst hörte ich über ihn, er verlange von seinen Schülern „preußisch präzise“ Antworten. Die Jüngsten in der jetzigen Neunten gar soll er bereits in der ersten Unterrichtsstunde das Fürchten gelehrt haben, indem er sie darauf verwies, daß erst in der EOS „ein wissenschaftliches Denken“ anhebe, und wer sich dazu nicht „befähigt fühle“, solle am besten gleich wieder umkehren. Unter diesen Aspekten stelle ich mir die Themen seiner Aufsätze vor, und ich müßte daraufhin wohl wirklich einmal, was ich schon lange nicht tat, bei ihm hospitieren. Romeo und Julia auf dem Dorfe, der Tod in Venedig und Mario und der Zauberer – denn vornehmlich ist er ein Anhänger Thomas Manns -, charakterisieren Sie bitte die Hauptpersonen, preußisch präzise, und wenn Sie es nicht vermögen, so haben Sie doch ein Einsehen, daß Sie und die Wissenschaft nicht füreinander geschaffen sind.

Ich fange mit mir an.

Helmut Hausknecht, Häuschen nannten sie mich, oder Hausi nennen mich heute noch meine Schüler, Spitznamen, die ich erträglich finde. Manches ist schon gesagt, was ich von Kalinin, der kommunistischen Erziehung und der Verantwortung des Lehrers halte. Ich habe vier Kinder, bin demzufolge verheiratet, glücklich, besitze tatsächlich ein solches Ding, ein Häuschen, auf einem der Berghänge rings um Dornrode, das ursprünglich Grafensitz war und Bergarbeitersiedlung, besitze auch ein Auto und, trotz aller Diätvorschriften, die ich streng zu beachten versuche, einen dicken Bauch. Meine Frau ist – Lehrerin. Kreistagsabgeordnete. Wir heirateten während des Studiums. Ich indessen, wenn nicht gerade die Partei mit mir etwas anderes vorhat, stehe dem Klub der Intelligenz in unserer Stadt vor und kümmere mich um ein paar gute Veranstaltungen. Meist lade ich dazu einige meiner ehemaligen Schüler ein, den Schauspieler vom Deutschen Theater zum Beispiel, dessen Name inzwischen so berühmt ist, daß ich ihn hier nicht nennen möchte, auch den Dichter, den Lyriker, der allerdings von der Kritik mehr getadelt als gelobt wird, was dann nicht selten auch mir Ärger einbringt. Genug.

Wolfgang Lichtenfeld.

Doch da beginnt schon die Schwierigkeit. Ich kann ihn nur charakterisieren, indem ich seine ganze Geschichte aufschreibe, und so bitte ich um Verständnis, wenn ich vorerst nur bei Äußerlichkeiten verweile. Er war mittelblond, hielt seine Haare in Grenzen und ließ sich erst während des Studiums einen Bart wachsen. Damals wäre es für ihn wohl auch noch zu früh gewesen, denn er brauchte sich nicht zu rasieren, obwohl er sonst schon sehr kräftig wirkte, sogar etwas pummelig, wie man in unserer Gegend sagt, gut genährt, aber nicht mehr, als daß es die Mädchen nicht angezogen hätte. Er stammte – und indem ich das Imperfekt fortsetze, fällt mir auf, klingt es schon wie von einem Verstorbenen – aus einer Ingenieursfamilie, das heißt, nur der Vater war Ingenieur, hatte sich nach fünfundvierzig vom Arbeiter zum Meister und weiter qualifiziert. Was er selber nun nicht mehr vermochte, traute er seinem Sohn zu. Jedenfalls vernahm ich dergleichen einmal von Wolfgangs Mutter: Wir wollen, daß er all seine Chancen nutzt, und wenn er in seinen Leistungen nachläßt, geben Sie uns bitte sofort Bescheid, mein Mann wird ihm dann schon den Marsch blasen… Das aber brauchte er nie. Was Wolfgang Lichtenfeld über die Maßen auszeichnete, war sein Intelligenzquotient. Zunächst, bei der ersten Begegnung mit diesem Begriff, wußte ich nichts mit ihm anzufangen. Aber die Absolventen der Universitäten und Pädagogischen Hochschulen brachten ihn mit, und also, dachte ich, müsse auch ich mich ihm beugen; ich wollte nicht altmodisch oder gar rückständig gegenüber neuen Lehrmeinungen erscheinen. Es war ja auch erwiesen, daß Wolfgang eine überdurchschnittliche Begabung besaß. Zweifellos war er der Primus der Klasse, holte in sämtlichen Fächern Bestnoten, außer im Sport, wobei wir dann später ein Auge zudrückten und ihm eine Zwei verschafften, und vielleicht lag das wirklich alles an diesem verdammten Quotienten, der, ich kann mir nicht helfen, ein bißchen zu stark nach Vorbestimmung und daher auch Voreingenommenheit gegenüber dem Menschen riecht. Wer hatte denn meinen Eltern, einer Waschfrau und einem Fördermann, an meiner Wiege gesungen, daß aus mir ein Studienrat wird, noch dazu an einer dieser Schulen, dem früheren Gymnasium für feine Pinkels in Dornrode? Unsere Generation jedenfalls besorgte sich ihren Intelligenzquotienten selber. Ähnliches, unter anderen Bedingungen zwar und gewiß auch auf andere Art, nahm ich von Wolfgang Lichtenfeld an, um so mehr, als ich dann später erfuhr, daß er sich seine Zensuren hart erarbeitete, oft bis tief in die Nacht hinein über den Büchern hockte und büffelte und ihm das Lernen also gar nicht so leichtgefallen war, wie wir alle geglaubt hatten.

Wir konnten nicht anders, als ihn das Abitur mit Auszeichnung bestehen zu lassen. Das spricht für ihn. Doch heute frage ich mich, ob wir es denn auch anders jemals gewollt hätten. Seine um zwei Ziffern aufpolierte Note im Sport sagt etwas anderes aus. Längst ist es Usus geworden, die Erfolge einer Schule am Zensurendurchschnitt zu messen, und so jagen sich denn nicht selten die Lehrer und Direktoren gegenseitig mit frisierten Berichten den Rang ab, mogeln ein bißchen hier und mogeln ein bißchen dort, einige lassen gelegentlich auch schon, Beziehungen nutzend, vor den Klausurarbeiten die Prüfungsthemen aus dem Sack, gehen auch gern einmal auf die Toilette, wenn es die Klasse fordert und spicken will, und tun noch mehr. Freilich, das war nicht unsere Art, aber so ganz unbeeindruckt davon blieben auch wir nicht. Wolfgang Lichtenfeld erhielt die Lessing-Medaille. Die Nachbar-EOS in Klutzerbeck hatte ja ebenfalls eine beantragt.

Uwe Tolls.

Natürlich kann ich mich auch bei ihm nicht mit dem Motto von Deutsch-Müller begnügen: Charakterisieren Sie mal die Hauptpersonen. Er war ein Krauskopf, in doppelter Hinsicht, dem Worte gemäß, das ich bereits von meiner Mutter kannte: krauses Haar – krauser Sinn. Dunkelbraun, und die Locken bis auf die Schultern, nachdem uns diese Tracht aus dem Westen ins Haus getragen war. Die Schule, glaube ich, nahm er spätestens ab der Elften, seit ich ihn unterrichtete und ständig beobachten konnte, nicht mehr ernst und handelte manchmal nach uns völlig unerforschlichen Grundsätzen. Zu mir sagte er, es habe mit seiner Verehrung für Che Guevara zu tun, daß er sich einen Bart stehenlasse. In Kuba und Lateinamerika sei wenigstens noch etwas los. Das leuchtete mir sogar ein, ich dachte an unsere Zeit, und sollte ich ihm da mit dem Unfug kommen, das Revolutionärste im Sozialismus sei, in jedem Fach eine Eins plus zu ergattern, wo ich doch wußte, daß er höchstens im Sport und in Geschichte noch Chancen darauf hatte? Das ermuntert doch keinen jungen Burschen dazu, ein wirklicher Revolutionär zu werden! Und trotzdem: So recht traute ich seiner Begründung nicht. Wir hatten stets unsere Mühe mit ihm. Mitten im Unterricht, ich hab es erlebt, Staatsbürgerkunde, erhob er sich plötzlich und protestierte gegen irgendeine Behauptung, die sich allerdings, muß ich zugeben, bei näherer Betrachtung meist auch als ungenau, vielleicht sogar als routinehaft erwies. Da hatte man mal nicht aufgepaßt, für zwei Sekunden, und schon hakte er ein, mit solcher Bravour jedoch, daß jedenfalls mir manchmal nichts anderes blieb, als mich, wollte ich weiterhin glaubwürdig sein, zu korrigieren. Ein erhebendes Gefühl ist das gerade nicht, besonders wenn einen dann die gesamte Klasse anstarrt und auf die nächste Phrase wartet. Oft genug aber stellte er auch etwas in Zweifel, was längst zum Allgemeingut wissenschaftlicher Weltanschauung gehörte, und ich dachte dann, daß er nur die Absicht hatte zu provozieren. Sagen Sie, Herr Studienrat, Herr Hausknecht – die Betonung lege ich heute hinein, weil sie mir damals so vorkam -, Sie sind ein glühender Verfechter der sowjetischen Außenpolitik. Gibt Ihnen denn aber nicht zu denken, daß sowjetische Panzer auf dem Wenzelsplatz stehen, in einem sozialistischen Land also, wohin sie doch wohl am allerwenigsten gehören? Ich will hier nicht wiederkäuen, was ich entgegnete, zumal ich auf diesen Disput vor versammelter Mannschaft noch zurückkommen muß. Mich irritierte damals vor allem seine Herkunft. Wieso stellte ausgerechnet er solche Fragen? Sein Vater war Mitarbeiter der hiesigen Kreisleitung der SED, beschäftigt in der Abteilung Wirtschaft, politischer Funktionär, was er, nach entsprechenden Lehrgängen der Gewerkschaft und der Partei, als Arbeiter, Elektromotorenbauer, geworden war. Seine Mutter verkaufte Textilien in einem HO-Geschäft.

Uwe Tolls bestand sein Abitur mit Ausgleich. Trotz des allgemeinen Unverständnisses, auf das ich im Kollegium stieß, gab ich ihm in Geschichte eine Eins und in Staatsbürgerkunde eine Zwei. In Mathematik und in Chemie allerdings erhielt er Vieren, was aber auch daran lag, daß Mathematik-Müller und er sich nichts schenkten und gegenseitig befehdeten. Welcher Schüler würde dabei wohl nicht den kürzeren ziehen?

So also war es damals, neunzehnhundertneunundsechzig, um beide bestellt. Vor meiner Fahrt nach Katzow und Hartenstein sah ich mir auch noch einmal die Beurteilungen an, die wir ihnen in die Reifezeugnisse geschrieben hatten. Ich würde etwas Wichtiges verschweigen, wollte ich sie nicht ebenfalls wiedergeben:

„Uwe Tolls ist ein gelehriger Schüler, doch könnte er es zu weitaus höheren Leistungen bringen, wenn er mehr Fleiß entwickelte und stets bemüht wäre, seinen Klassenstandpunkt zu festigen. Im Kollektiv spielte er eine unterschiedliche Rolle. Seine kritische Art zu denken beflügelte oft, verhinderte aber auch andererseits eine größere Geschlossenheit der Klasse. Wir sind der Meinung, daß bei ständiger Aufmerksamkeit seitens seiner Erzieher und Vorgesetzten aus Uwe ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft werden kann. Die Vorbedingungen hierfür sind durch seine soziale Herkunft zweifellos gegeben.“

„Wolfgang Lichtenfeld ist ein ernsthafter und sehr gewissenhafter Arbeiter, der sich nicht nur im Unterricht, wovon seine hervorragenden Leistungen zeugen, sondern auch in der gesellschaftlichen Tätigkeit als Mitglied der ZSGL der FDJ große Verdienste erwarb. Alle ihm übertragenen Aufgaben erfüllte er stets zur vollsten Zufriedenheit. Sein Verhalten insgesamt spricht von hoher Reife, und an seinem Klassenstandpunkt gab es nie etwas auszusetzen. Er war eine der vorwärtstreibenden Kräfte innerhalb des Kollektivs und wirkte stets als Vorbild. Wir sind überzeugt, daß er schon heute ein nützliches Mitglied unserer Gesellschaft ist und können ihn nur wärmstens für das Studium der Medizin empfehlen, wozu er sich im vollen Bewußtsein der hierfür nötigen Verantwortung entschlossen hat.“

Wie konnten wir nur so gedankenlos sein! Das sagt doch nichts, beides sagt nichts. Zugestanden, bei Tolls ließen wir wenigstens noch eine Entwicklung zu, räumten ein, daß aus ihm noch etwas zu machen sei, aber Lichtenfeld wurde doch schon beurteilt wie einer, der fertig ist und mit sich und der Welt längst seinen Frieden geschlossen hat. Mir wird bange, wenn ich das lese, und ich gehe die Reihen durch, nenne die Zahl meiner Schüler, neunhundertundsiebenunddreißig, die unsere Schule absolvierten, seit ich an ihr Direktor bin, und in diesem Jahr überschreiten wir schon die Tausend. Haben wir allen etwas Ähnliches auf die Zeugnisse geschrieben, auf die Aushängeschilder für ihren künftigen Beruf, auf die Stirn? Gewiß, ich will ruhig bleiben. Bei Tolls und Lichtenfeld trifft es uns heute am schlimmsten, aber Ausnahmefälle sind sie ganz sicher nicht.

Während des Klassentreffens sprach ich mit Deutsch-Müller darüber. Hören Sie, Doktor, Sie waren zuletzt ihr Ordinarius, ich ihr Direktor, und noch immer unterrichten wir beide so, als sei nichts geschehen.

Er kam mir mit einer Antwort, die fast wie ein Zitat aus einer Novellensammlung klang: Das Leben hat seine Tücken, die Schule, Verehrtester, und wenn wir uns noch so anstrengen, nur ihre Lücken.

Ich spürte plötzlich Blutleere im Gehirn, wurde blaß, er muß es gesehen haben. Denn zum ersten Mal wußte ich da, was wir garantiert falsch gemacht haben. Wir haben es schon wieder mit einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Lehrern zu tun, die auf Pädagogische Hochschulen gingen, nur weil sie anderswo keinen Studienplatz mehr auftreiben konnten, die ebensogut etwas Technisches oder anderen leblosen Kram studiert hätten, nur um als Akademiker zu gelten und versorgt zu sein. Wir haben schon wieder Erzieher erzogen, die keine sind, Wissensvermittler im besten Falle, doch keine Pädagogen.

Rudi Berster, Biologie und Sport unterrichtend, Parteisekretär unserer Schule, sagte, als ich ihm darüber mein Leid klagte, ziemlich grob: Nun halt mal die Luft an, Helmut. Bis zu einem gewissen Grad magst du ja recht haben. Mathematik-Müller, Deutsch-Müller und noch ein paar andere, das Fräulein Goldköpfchen zum Beispiel – ja. Doch wenn du mich mit denen in einen Topf wirfst, auch Helga Buttig und Werner Weidner und und und – bring ich die Sache und dich dazu vor die Grundorganisation.

Und darum gerade geht es mir. Parteigruppe. Pädagogischer Rat. Elternaktivs. Um den Kreisschulrat kommen wir sowieso nicht herum. Alles, was ein Maul zum Reden hat und eine Stimme, um Beschlüsse zu fassen. Inzwischen schreibe ich etwas auf. Wir müssen klare Verhältnisse schaffen, uns wie Kommunisten benehmen, und vielleicht erhalten dann nachträglich noch Uwes Tod und Lichtenfelds beschissenes Leben einen Sinn.“

Im E-Book „Das schöne Mädchen, die zwölf Brüder und die größte Ohrfeige der Welt“ sind vier sorbische Märchen zusammengefasst, die Jurij Koch spannend nacherzählt hat. „Das schöne Mädchen“ und „Die zwölf Brüder“ erschienen erstmals 1983 und 1986 im Domowina-Verlag Bautzen, „Jan und die größte Ohrfeige der Welt“ und „Pitlaschk und das goldene Schaf“ erstmals 1985 und 1987 im Altberliner Verlag. Das schöne Mädchen soll von der bösen Stiefmutter ertränkt werden , kann sich aber als Ente retten. Auch ihr Bruder gerät in arge Bedrängnis. Die zwölf Brüder sind auf dem weiten Weg zu einem Vater mit 12 Töchtern, um die Mädchen zur Frau zu nehmen. Doch sie müssen einen Wald durchqueren, den ein böser Geist bewacht, der (fast) immer alle Eindringlinge in Stein verwandelt. Jan ist ein richtiger Vielfraß. Als die Eltern ihn nicht mehr ernähren können, zieht er weg, um sich durch eigene Arbeit zu ernähren. Wegen seiner riesigen Kraft stellt ihn ein Schmied ein, der den starken Esser im auftragsarmen Winter loswerden will. Das ist nicht leicht, denn Jan besiegt auch den Drachen. Schließlich landet er bei einem erfinderischen und grausamen Gutsbesitzer, dem Jan zum Abschied die vereinbarte größte Ohrfeige der Welt gibt. Pintlaschk erhält von den lustigen Lutken, das sind Zwerge, als Dank dafür, dass er einen verlorenen Ring findet, ein goldenes Schaf. Die Lutken treiben einigen Schabernack mit den Menschen und möchten, dass Konflikte nicht mit Gewalt, sondern mit Humor ausgetragen werden. Ihre lustigen Rätsel kann niemand lösen, bis die kleinen Kerle mit List Pintlaschk gefangen nehmen. Hier der Anfang des Märchens vom (sehr) schönen Mädchen:

Das schöne Mädchen

Es waren einmal ein Vater und eine Mutter. Die hatten einen Jungen und ein Mädchen. Und das Mädchen war sehr schön. Wenn sie lachte, blühte aus ihrem Mund eine rosarote Rose. Wenn sie sich schnäuzte, sprangen silberne Fischlein aus ihrer Nase. Wenn sie sich kämmte, fielen goldene Haare von ihrem Kopf. Und wenn sie sich wusch, wanden sich Perlenkettchen um ihre Hände.

Eines Tages erkrankte die Mutter. Sie starb bald darauf. Der Vater aber wollte nicht allein bleiben und nahm sich eine andere Frau. Die aber brachte eine eigene Tochter mit. Nun waren es drei Kinder. Die Stiefmutter mochte das schöne Mädchen und den Jungen nicht. Die eigene Tochter durfte sich alle Ungezogenheiten erlauben. Ihr sagte sie nur: „Ach, was du nicht wieder machst!“ Das Mädchen und den Jungen aber beschimpfte sie immerzu: „Der Teufel soll euch holen!“

Der Vater schaute traurig zu. Er wusste nicht, zu wem er halten sollte. Bevor er sich versah, waren Jahre vergangen, und die Kinder waren erwachsen.

Eines Tages sagte der Junge: „Ich verlasse das Haus. Bleibt gesund!“

Die Stiefmutter war froh. „Geh und bleib, wo der Pfeffer wächst!“, rief sie ihm nach.

Der Junge kam zu einem großen Herrn. Bei dem verdingte er sich als Kutscher und wohnte im Pferdestall. Und immer, wenn er aus dem Stall heraustrat., weinte er. Und immer, wenn er in ihn hineinging, lachte er.

Als der Herr das sah, wunderte er sich über das Verhalten des Jungen. Er fragte: „Warum lachst du, wenn du in den Stall gehst? Warum weinst du, wenn du aus ihm herauskommst?“

„lch habe dort das Bild eines schönen Mädchens“, antwortete er. „Immer, wenn ich hinausgehe, bin ich traurig. Immer, wenn ich hineingehe, hin ich froh. Das Bild ist sehr schön.“

Der Herr wurde neugierig und wollte das Bild sehen. Er trat mit dem Jungen in den Stall.

„Wer ist das schöne Mädchen?“, fragte er.

Der Junge antwortete: „Meine Schwester. Wenn sie lacht, blüht aus ihrem Mund eine rosarote Rose. Wenn sie sich schnäuzt, springen silberne Fischlein aus ihrer Nase. Wenn sie sich kämmt, fallen goldene Haare von ihrem Kopf. Und wenn sie sich wäscht, winden sich Perlenkettchen um ihre Hände.“

Der Herr wurde neugieriger. „Wo wohnt deine Schwester?“, fragte er.

„Bei ihrer Stiefmutter“, antwortete der Junge. „Und die ist nicht gut zu ihr.“

Und dann passieren märchenhafte Dinge. Schließlich handelt es sich hier um ein Märchen, und die haben zwar nicht immer, aber doch oft ein Happy End, einen märchenhaften Schluss. Aber welchen? Warten Sie es ab und lesen Sie sich ran.

Gleiches gilt auch für die drei anderen sorbischen Märchen und für die anderen vier Angebote dieses Newsletters und für den Tipp, sich die Verfilmung der Neutsch-Novelle einmal per DVD anzuschauen. Neben der Wiederbegegnung mit DDR pur – die eben auch viel differenzierter war, als heutzutage manchmal behauptet – kommen einem da auch Fragen an aktuelle Konflikte in den Sinn. Im Übrigen wäre es sicherlich interessant zu erfahren, wie Erik Neutsch heute seine „Zwei leeren Stühle“ beurteilen würde und was er zur Lage in der Welt im Allgemeinen und im neuen Deutschland im Speziellen sagen würde …

Viel Spaß beim Lesen, beim Vor- und Nachdenken, weiter eine gute, gesunde und Corona-freie Zeit, bleiben Sie vor allem gesund und munter, kommen Sie gut in den Mai und bis demnächst.

Über die EDITION digital Pekrul & Sohn GbR

EDITION digital war vor 25 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Inzwischen gibt der Verlag Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher gedruckt und als E-Book heraus. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher ehemaliger DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.000 Titel. Alle Bücher werden klimaneutral gedruckt.

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