Es scheint abwegig, in Anbetracht der Bilder des Fotografen Ulrich Hensel von Mysterium zu sprechen. Aber genau darum handelt es sich. Wie bei aller großen Kunst. Abwegig, weil die Bilder, die uns Hensel seit über drei Jahrzehnten mit großer Beharrlichkeit liefert, alles andere als mysteriös sind und offensichtlich die von jedem Mysterium weit entfernteste Wirklichkeit zeigen.

Was wir sehen ist, was wir sehen, ist, was wir nicht sehen

Wir sehen: aufgehende Stahlbetonwand, Kalksandsteinvermauerung im Läuferband, Zinkblechattika, Hartschaumplatte, Dachlatte, Drainagerohr, Bitumenspachtelung und wie die Worte und Begriffe aus seiner Welt da noch so heißen. Es ist die harte Wirklichkeit der Rohbauten, von Baumaterial und Werkstoffen, die wir bestenfalls aus Baustofflagern oder Baumärkten her kennen, kalt, roh, technisch.

Genau diese schroffe, unschöne Ding-Welt der Baustellen dient Hensel als Zufluchtstätte und Inspirationsquelle gleichermassen. Denn diese eigentlich verschlossenen, nicht jedermann zugänglichen Unorte sind ihm ästhetisches Residuum, wo alles draußen schon längst fotografisch abgegrast und bearbeitet, bis zum Überdruß künstlerisch umgesetzt ist. Aber auch hier geht Hensel nicht etwa auf Motivjagd.

Im Vorübergehn

Die Unorte bestreicht dieser Unfotograf in unablässigen „Rundgängen“, mal zu Fuß, mal mit dem Auto, bis ihm im Vorübergehen ein Bild „ins Auge fällt“, ihn gelegentlich besticht. Oder besser: bis es ihn trifft. Dann stiehlt er sich immer wieder hin und prüft, ob es „hält“ als ungesehenes Bild, ob es Bestand haben könnte, intellektuell, ästhetisch, überhaupt. Aber immer sind es nur winzige Ausschnitte, unscheinbare Details, eine zufällig und vielleicht nur für ein paar Stunden auf einer Wand hinterlassene anoyme Komposition, die eben nur er, Hensel, mit seinem über die Jahre gewitzen Künstlerauge entdecken kann.

Die allermeisten Bilder verwirft er wieder, nur die wenigsten zieht er näher in Betracht, bestenfalls zwei, drei im Jahr. Dann holt Hensel einen befreundeten Fotografen hinzu, der die Aufnahme mit der Plattenkamera schließlich macht. Nichts wird später verändert, retuschiert, digital manipuliert. Das Erotische ist in den Bildern eingeschlossen, es liegt mehr in der kreisenden Annäherung an ein Motiv, in der intimen Aufnahme des ersten Blickkontakts vielleicht. Dass an diesen verbotenen Orten alles schnell von statten gehen muß, erhöht den Kitzel zusätzlich.

Baustellenekstasen

Es ist im Grunde ganz ähnlich wie bei Proust. Eine gänzlich andere Welt zwar, an der sich der Schriftsteller entzündet, doch auch für ihn gründet das Kunstwerk im „Pulsschlag einer einzigen glücklichen Minute“, wie es von einem Elstir-Aquarell heißt. Oder auch in den „minutes profondes“, die ihm auf seinen Spaziergängen angesichts einer Weißdornhecke, den Kirchtürmen von Martinville oder bei den Klängen des Septetts von Vinteuil zustoßen. Wie Marcel Proust aus seinen Natur-, Erinnerungs- und Kunstekstasen seinen Roman organisiert, dürfen wir uns vorstellen, gewinnt Hensel seine Bilder aus seinen Baustellenekstasen. Was bei Proust die Promenade, ist bei Hensel der „Rundgang“. Wie Proust geht auch Hensel von der alltäglichen Wirklichkeit aus, um daraus „die andere Welt“ Kunst entstehen zu lassen, um sie wieder dorthin einfließen zu lassen. Das beschreibt in etwa das Mysterium, um das es hier wie dort geht.

Wiederverzauberung der entzauberen Welt

Hensel nimmt mit den Augen auf, während er auf den Baustellen herumstreicht, ohne Plan und Ziel. Er ist der Voyeur, dem etwas beiläufig ins Auge springt, ihn erregt und bestenfalls fesselt. Hensel hat sich seit drei Jahrzehnten das sonderliche Revier der Großbaustellen erwählt, eine streng durchorganisierte, durchgeplante und hoch ökonomisierte, somit weithin entzauberte Welt im Namen der Rationalität. Umso gewaltiger und überwältigender der Schub von Energien zur Wiederverzauberung. Diese Transformation meint das Mysterium, um das es bei Hensel geht. Je strenger unsere Welt durchrationalisiert wird, desto mehr aber brauchen wir Hensels Bildverzauberung. Daß er sich ausgerechnet die krudesten Stätten des industriellen Bauens als potentielle Orte der Inspiration aussucht, läßt nur die Fallhöhe des Mysteriums ahnen.

Ralph Heusner hat im vorzüglichen Katalog zur Ausstellung in Wolfsburg (zu dem Raimund Stecker einen klugen Beitrag beigesteuert hat) den Versuch einer Bildbeschreibung unternommen. Er führt nüchtern die Fachbegriffe aller Bauteile und Werkstoffe auf, die auf einem Bild schichtweise zu sehen sind. Beispielsweise: „Stahlbetonschlitzwand mit freigelegter Bewehrung, Walzstahlprofile, geschlossenzeilige Polystyrolhartschaumplatte, wasserabführende Schalungsbahn, Dachlatte, Absperrband, rot-weiß geblockt, anstehendes Erdreich“. Das zieht sich über zehn Seiten so fort und führt allein in der monotonen Aneinanderreihung der Fachbegriffe eindrucksvoll auf, um welche Titanenleistung es bei der Wiederverzauberung derartiger Ding-Welten geht.

So unerbittlich realistisch diese gigantischen Bilder sich vor uns auftun, es liegt ein Schimmer Hoffnung in der Ausweglosigkeit dieses Bitumenskalksansteinhartschaum-Labyrinths. Wenn es gelänge, selbst aus diesem Material eine Poesie zu entlocken, wäre die Welt vielleicht doch nicht ganz verloren. Aber das kann täuschen.

Aufsteigende Wände, Mauern, ausweglos

Man hat die oft großformatigen Tableaus Hensels (237,3 x 180 cm das älteste von 1991, 192,2 x 180 cm das jüngste aus dem Jahr 2014) „malerisch“ genannt oder auch als „Landschaft“ bezeichnet. Beides stimmt nur sehr bedingt; beides verstellt den Blick mehr, als es die Augen öffnete. Denn Hensels „Landschaften“ sind ohne Tiefe, ohne Weite und ohne Aussicht, zudem völlig entfernt von Natur, von Lichtspiel und Atmosphäre. Überall Wände, Mauern, ausweglos. Leben kommt nur noch in winzigen Überresten vor. Und doch klagen die Bilder nicht an, sind nur da an sich. Die Plattenkamera nimmt die Versatzstücke unerbittlich klar bei neutraler Belichtung auf. Überhaupt kein Deut subjektive Fotografie. Realismus brutal. Und doch übersteigen die Bilder das bloß Sichtbare, indem sie im Wahrnemen noch dieser geringfügigen Wirklichkeit genau diese Wirklichkeit verzaubern.

Unter den Düsseldorfer Fotografen ist der 1946 in Düsseldorf geborene Hensel die Ausnahme. Er gehört keiner Klasse an, keiner Schule. Er fotografiert nicht einmal mehr selbst. Seine frühen Fotografien aus Ägypten, Afghanistan oder Indien, das er allein sechszehn mal bereiste, nennt er „bessere Geo-Bilder“. Dieser große Unbekannte, der weiterhin in Düsseldorf seine Motive sucht, oder vielmehr sie ihm widerfahren, hatte hier seine letzte Einzelausstellung vor 18 Jahren (bei Thomas Taubert). Andreas Beitin, seit April 2019 Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, richtete ihm im 75. Lebensjahr jetzt die erste museale Ausstellung ein.

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