Die Menschen kaufen, was sie brauchen, und mit zunehmendem Einkommen vergrößern sie ganz zwangsläufig ihren Energieverbrauch und den CO2-Fußabdruck: Nach dieser Logik erscheint vor allem in Schwellenländern wirksamer Klimaschutz kaum möglich. Doch das Bild wird durch eine neue Studie relativiert – wonach der Konsum nicht nur vom Bedarf bestimmt wird, sondern auch vom Wunsch, bei Statussymbolen mit den Nachbarn mitzuhalten und sie möglichst zu übertrumpfen. Die Studie wurde erstellt am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). Sie nimmt Indien als Beispiel, stützt sich auf umfangreiche empirische Daten und wurde jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Energy Research & Social Science veröffentlicht.

„Der Einfluss von Statusdenken als Treiber von Konsumentscheidungen ist bislang wenig erforscht“, sagt Anjali Ramakrishnan, Forscherin in der MCC-Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport und Leitautorin der Studie. „Aber das ist, wie wir zeigen, ein wichtiger Ansatzpunkt für Klimapolitik. Regierungen können auf soziale Normen etwa mit Kommunikationskampagnen zielen und sie auch indirekt beeinflussen, etwa durch CO2-Bepreisung.“ In Indien, wo 1,4 Milliarden Menschen leben und sich laut Prognosen die Zahl der Autos von 2014 bis 2040 verneunfacht, hätte so ein Gegensteuern viel Potenzial.

Zum einen ist der Lebensstil gutsituierter Stadtbewohner ein großes Problem für das Klima geworden, auch wenn insgesamt die Pro-Kopf-Treibhausgasemissionen in Indien viel niedriger sind als in Ländern wie den USA und Deutschland. Zum anderen sind bei sechs von zehn Menschen in Indien noch immer nicht alle Standards eines menschenwürdigen Lebens erfüllt – und nachfrageseitige Klimalösungen können ihr Wohlergehen sehr stark verbessern. Zum Beispiel kann Regierungspolitik Anreize setzen für die Elektrifizierung von Slums und Dörfern durch Solarstrom oder für Investitionen in saubere, separate Küchen.

Die Studie stützt sich auf detaillierte Selbstauskünfte von 14.000 privaten Haushalten in indischen Ballungsräumen, aus der repräsentativen Panel-Befragung „India Human Development Survey“. Mit Hilfe von Regressionsanalysen entwickelt das Forschungsteam zunächst aus einer Vielzahl von sozioökonomischen Daten einen Indikator für „sozialen Ehrgeiz“ – also das Bestreben, im sozialen Gefüge weiter oben wahrgenommen zu werden, als das Einkommen hergibt. Anschließend weist es nach: Dieser Ehrgeiz ist, bei ansonsten gleichen Einkommensverhältnissen, ein bedeutsamer Treiber für klimaschädlichen Konsum. So hängt bei Haushalten, die sich selbst als Mittelschicht wahrnehmen, die Nachfrage nach Autos immerhin halb so stark vom sozialen Ehrgeiz ab wie von der tatsächlichen Kaufkraft. Und wenn es um Haushalte geht, die sich selbst als wohlhabend einschätzen, sowie um deren Nachfrage nach energiefressenden Haushaltsgeräten, dann sind Ehrgeiz und Kaufkraft sogar annähernd gleich maßgebend.

„Der Wettlauf um Status hat zu beträchtlichen Treibhausgasemissionen geführt, sagt MCC-Forscherin Ramakrishnan. „Auf nachfrageseitige Klimalösungen zu setzen, heißt auch, soziale Energie in andere Kanäle zu lenken – zum Beispiel in gemeinschaftlich konzipierte, kohlenstoffarme Energie- und Verkehrssysteme.“

Weitere Informationen:

Ramakrishnan, A., Kalkuhl, M., Ahmad, S., Creutzig, F., 2020, Keeping up with the Patels: Conspicuous consumption drives the adoption of cars and appliances in India, Energy Research & Social Science
https://authors.elsevier.com/sd/article/S2214629620303170

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Das MCC erforscht nachhaltiges Wirtschaften sowie die Nutzung von Gemeinschaftsgütern wie globalen Umweltsystemen und sozialen Infrastrukturen vor dem Hintergrund des Klimawandels. Unsere sieben Arbeitsgruppen forschen zu den Themen Wirtschaftswachstum und -entwicklung, Ressourcen und Internationaler Handel, Städte und Infrastrukturen, Governance sowie wissenschaftliche Politikberatung. Das MCC ist eine gemeinsame Gründung der Stiftung Mercator und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK).

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