Zwei Köpfe, vier Hände und drei Beine: Chang Chung-Jen und Chang Chung-I waren die ersten siamesischen Zwillinge, die in Taiwan chirurgisch getrennt wurden und standen seitdem im Rampenlicht. 2019 verstirbt einer der Brüder. Che-Yu Hsus dichte Erzählung „副本人 (Single Copy)“ aus der Sicht des überlebenden Zwillings hat die Preisjury überzeugt und wird für seine Videoarbeit mit dem mit 5.000 Euro dotierten Videonale Preis der Fluentum Collection 2021 ausgezeichnet. Eine lobende Erwähnung erhält die georgische Künstlerin Tekla Aslanishvili für „Scenes from Trial and Error“.

„Single Copy“ betrachtet die Beziehung zwischen Körper und Gedächtnis, Realität und Fantasie aus der Perspektive des überlebenden Bruders Chang Chung-I. Die autobiografische Erzählung spielt mit den Elementen der Kopie und Wiederholung: Chang Chung-I faltet und entfaltet eine Serviette, fährt Endlosschleifen in einem dreirädrigen Roller oder rennt zwischen Oldtimer-Bussen hin und her.
Zudem geht Che-Yu Hsu in seiner Arbeit näher auf Technologien der physischen und virtuellen Reproduktion ein und hinterfragt den uralten menschlichen Wunsch, perfekte Modelle zu schaffen. Changs Geschichten wechseln zwischen Realität und Fantasie – immer wieder steht dabei sein fehlendes Bein im Fokus, das er sich einst mit seinem Zwillingsbruder teilte.

Das Statement der Jury

„Die Jury trat am 1. März 2021 virtuell zusammen, um die Kunstwerke der Ausstellung zu sichten und den Preisträger bzw. die Preisträgerin zu küren. Wir hatten zwar die Gelegenheit, die Ausstellung in einer virtuellen Führung zu erkunden, aber das war selbstverständlich nicht dasselbe, wie in Bonn zusammenzukommen und die Arbeiten im Ausstellungskontext zu erleben. Die Umstände der Pandemie erhöhten daher unsere Abhängigkeit von den Sichtungskopien und machten es schwieriger, installative Werke zu bewerten, sensibilisierten uns aber erneut und auf unerwartete Weise für Einkanalvideos.
Die Arbeiten in der Ausstellung zeigen eine große Bandbreite an gegenwärtigen Videopraktiken. Darunter befinden sich junge und etablierte Positionen aus vielfältigen Genres und Stilrichtungen: dokumentarische, erzählerische und experimentelle Videos sowie Mashups und Animationen. Ganz im Geiste der Videonale wollten wir eine junge Position auszeichnen, die uns mit einer idiosynkratischen Herangehensweise an ein neues Thema überzeugt und sich dieses wahrhaft zu eigen macht.

Nach spannenden Beratungen, angeregt durch die hohe Qualität der künstlerischen Positionen, wählten wir einstimmig Che-Yu Hsu als Gewinner des diesjährigen Videonale-Preises der Fluentum Collection. Seine Arbeit Single Copy aus dem Jahr 2019 ist eine gleichermaßen sensible wie rigorose Rekapitulation der chirurgischen Trennung der Chang Brüder, siamesische Zwillinge, die in den 1970er Jahren in Taiwan geboren wurden. Die persönlichen Erinnerungen des erzählenden Zwillings Chang Chung-I werden eng verwoben mit der kollektiven Erinnerung an den Eingriff im Jahr 1979, der für große mediale Aufmerksamkeit sorgte und symbolisch für die damaligen Beziehungen zwischen Taiwan und China stand. Die Jury war beeindruckt von der Sensibilität für den physischen Körper, die sich sowohl in Changs persönlichen Erinnerungen offenbart als auch in den verschiedenen Schichten der Modellierung, vom Silikonabguss bis zum digitalen Scan. Das Drehbuch ermöglicht zwar ein ausführliches Nachdenken über die Videokamera als Prothese, über die Fähigkeit des menschlichen Körpers, sich zu erinnern, und über die unterschiedlichen Lesarten des Phänomens des ‚Phantomglieds‘, aber Hsu drängt den Betrachter*innen keine der Interpretationen auf. Er überzeugt die Jury vielmehr mit seiner mühelosen Erzählkunst, sorgfältigen Komposition, technischen Raffinesse und seinem visuellen Scharfsinn.“

Der Künstler Che-Yu Hsu wurde 1985 in Taipei, Taiwain geboren und lebt und arbeitet dort. Er schafft vor allem Animationen, Videos und Installationen, die die Beziehungen zwischen Medien und Erinnerungen thematisieren.

Lobende Erwähnung

Die Jury sprach zudem eine lobende Erwähnung für Tekla Aslanishvilis „Scenes from Trial and Error“ aus. Die georgische Künstlerin begibt sich in ihrer Arbeit auf Spurensuche der gescheiterten Milliarden-Projekte Lazika und Anaklia City an der georgischen Küste. Mit dokumentarischen Techniken zeigt Ashlanishvili die materiellen und sozialen Konsequenzen auf, die die langjährigen Aufbauversuche einer futuristische Hafen-Stadt mit sich gebracht haben.

Jury

Die Jury bestand aus: Prof. Dr. Stephan Berg (Intendant Kunstmuseum Bonn), Fatima Hellberg (Direktorin Bonner Kunstverein), Matthieu Lelièvre (Kunsthistoriker, unabhängiger Kurator und Berater am Museum für zeitgenössische Kunst in Lyon) und Dr. Linnea Semmerling (Leiterin Düsseldorfer Inter Media Art Institute).

VIDEONALE.18

Zum bereits 18. Mal präsentiert die Bonner VIDEONALE im Kunstmuseum Bonn aktuelle Videokunstarbeiten aus ihrem internationalen Wettbewerb. 31 künstlerische Positionen beleuchten unter dem thematischen Fokus FLUID STATES. SOLID MATTER, wie wir als Individuen mit anderen Menschen, Lebewesen, unserer Umwelt in ständigem Austausch und Wechselbeziehung stehen und fragen, welchen Herausforderungen wir uns hier aktuell für ein zukünftiges Zusammenleben stellen müssen. Die Ausstellung findet vom 4. März bis 18. April 2021 statt.

Bis Sonntag, 7.März, 23.59 Uhr können zudem alle Werke auf der StreamingPlattform der Videonale gesichtet werden: videonalefestival.org

Künstler*innen der VIDEONALE.18 in der Ausstellung:

Paula Ábalos, Tekla Aslanishvili, Eliane Esther Bots, Viktor Brim, Adam Castle, Eli Cortiñas, Mouaad el Salem, Mahdi Fleifel, Ellie Ga, Beatrice Gibson, Russel Hlongwane, Heidrun Holzfeind, Che-Yu Hsu, Sohrab Hura, Ida Kammerloch, Michelle-Marie Letelier, Dana Levy, Anne Linke, Lukas Marxt & Michael Petri, Bjørn Melhus, Ana María Millán, Michael Klein & Sasha Pirker, Morgan Quaintance, Úna Quigley, Aykan Safoğlu, P. Staff, Rhea Storr, Emily Vey Duke & Cooper Battersby,  Ingel Vaikla, Ana Vaz, Gernot Wieland

Fluentum Collection 
Die Fluentum Collection ist eine private Sammlung zeitbasierter Kunst mit Sitz in Berlin, die seit einigen Jahren auch künstlerische Werke koproduziert. Vor diesem Hintergrund finanziert die Sammlung nun zum dritten Mal den Videonale Preis und möchte damit die/den ausgezeichnete/n Künstler*in bei der Produktion neuer Arbeiten unterstützen.

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