Endlich die Dethardingstraße entlang fahren zu können, ohne vor zu eng überholenden Autos oder LKW Angst haben zu müssen. Für dieses Erlebnis demonstrierte der Radentscheid Rostock, Greenpeace Rostock und die Ortsgruppe Rostock des Verkehrsclub Deutschland am Freitag mit einem Pop-up-Geh-und-Radweg. Dafür wurde der Parkstreifen in der Dethardingstraße zwischen Strempelstraße und Schillingallee umgewidmet, um den Gehweg zu verbreitern und einen Radfahrstreifen zu schaffen, der durch Poller vor unzulässigem Befahren geschützt ist. Derzeit gibt es für Radfahrende nur einen deutlich zu schmalen Schutzstreifen, der zu großen Teilen in der Türzone (Dooringzone) der parkenden Autos verläuft. Dieser schmale Streifen birgt die Gefahr, durch sich öffnende Autotüren verletzt zu werden, wenn sich Radfahrende mit zu wenig Abstand zum parkenden Verkehr bewegen müssen.

“Wenn ich die benötigten 80 bis 100 Zentimer Abstand zu geparkten Autos einhalte, bleiben mir nur wenige Zentimeter des Schutzstreifens übrig, auf dem ich mich bewegen soll. Gleichzeitig orientieren sich überholende Autofahrende an den Strichen als Abtrennung zum Radverkehr, sodass es regelmäßig zu sehr gefährlichen Überholmanövern kommt.” berichtet Christoph Neimög, Sprecher des Radentscheid Rostock, über seine Erfahrungen aus der Dethardingstraße. “Mit 1,5 Meter Mindestüberholabstand wird man hier eher selten überholt.”

Bereits im Radverkehrskonzept der Stadt Rostock aus dem Jahr 2013 geht hervor, dass der Schutzstreifen nicht den Normen entspricht und zwingend ein Radweg errichtet werden muss. Passiert ist seitdem nichts – wie bei so vielen Maßnahmen des Konzeptes. Bis 2020 hätten alle Maßnahmen umgesetzt werden sollen. “Es ist unbedingt notwendig, dass das Amt für Mobilität in der Dethardingstraße schnell eine sichere und rechtmäßige Lösung umsetzt”, so Neimög. “Wie diese Lösung für die Detharding- und Karl-Marx-Straße aussehen kann, haben wir heute gezeigt.”

Parkende Autos nehmen wertvollen Platz für nachhaltige Mobilität in Anspruch

16 Parkplätze sorgen im Normalfall dafür, dass der Gehweg für einen geordneten Begegnungsverkehr – beispielsweise von zwei Kinderwagen – zu schmal ist. Gerade jetzt, wo ein ausreichender Abstand zu anderen Personen wichtig ist, wäre nach Ansicht der Verkehrsexperten vom Radentscheid eine dauerhafte und gerechte Verteilung des Straßenraums eine kostengünstige Möglichkeit, den Verkehr in der Straße sicherer für alle zu machen.

“Die Gesundheit der Radfahrenden muss über den Belangen des ruhenden Verkehrs stehen” betont Marie Heidenreich, Sprecherin des Radentscheid Rostock. Hunderte Radfahrende pro Tag könnten durch eine einfache Maßnahme deutlich sicherer ihren Alltag bestreiten. “Die Bequemlichkeit des Parkplatzes vor der Haustür kann da nicht das bessere Argument sein.”

Pop-Up-Radwege sind im vergangen Jahr auf Berliner Straßen eingerichtet worden, um dem erhöhten Radverkehr während der Pandemie gerecht zu werden. Inzwischen werden sie an vielen Stellen verstetigt und als dauerhafte Radfahrstreifen eingerichtet. In Rostock gab es im letzten Jahr Demonstrationen von Radentscheid Rostock, Greenpeace Rostock und Rostock for Future, die am Mühlendamm Pop-Up-Radwege errichteten.

Die zehn Ziele des Radentscheid Rostock:

Ziel #1 – Planungen nach dem Stand der Technik

Ziel #2 – 10 km sichere Radwege an Hauptstraßen pro Jahr

Ziel #3 – 10 km für den Radverkehr attraktive Nebenstraßen pro Jahr

Ziel #4 – 4 sichere Kreuzungen pro Jahr

Ziel #5 – Hindernisfreie Rad- und Gehwege

Ziel #6 – Mehr Radabstellanlagen

Ziel #7 – 50 Bordsteinabsenkungen pro Jahr

Ziel #8 – Aktive Unfallursachenbeseitigung

Ziel #9 – Förderung von Lastenrädern

Ziel #10 – Bewusstsein schaffen

Über Radentscheid Rostock c/o JMMV e.V

Der Radentscheid Rostock setzt sich für sicheren Radverkehr in Rostock ein. Der Radentscheid hat sich im Sommer 2018 gegründet. Das übergeordnete Ziel der Initiative ist eine Stadt, in der alle Menschen – auch Kinder und Senior*innen – sicher und entspannt Radfahren können. Radfahren ist gesund, schont das Klima, braucht wenig Platz und verursacht weder Lärm noch Abgase. Außerdem lassen sich die meisten Ziele innerhalb Rostocks schneller mit dem Fahrrad erreichen. Fahrradfahren macht einfach Spaß, wenn die Radwege breit genug, hindernisfrei und sicher sind. Deshalb fordert der Radentscheid die Politik dazu auf, kinder- und seniorengerechte Radinfrastruktur zu schaffen.

Die Initiator*innen des Radentscheids haben zehn Ziele für eine fahrradfreundliche Stadt erarbeitet. Diese umfassen den Bau von sicheren Radwegen und Kreuzungen nach niederländischem Vorbild. Auch zusätzliche Fahrradabstellanlagen und ein Verleihsystem für elektrisch betriebene Lastenräder. Außerdem fordert die Initiative, dass Rad- und Gehwege konsequent von Hindernissen und Falschparkern befreit werden.

Die Initiative sammelte von April bis Oktober 2019 Unterschriften von 8366 Rostockern, die diese Forderungen unterstützen. Das benötigte Quorum von 4000 Unterschriften hatte das Bürgerbegehren bereits wenige Monate nach Start der Unterschriftensammlung erreicht. Am 6. November beschloss die Rostocker Bürgerschaft, dass die Stadt Rostock die Ziele des Radentscheids übernimmt. Seitdem verhandelt der Radentscheid mit der Stadtverwaltung über die konkreten Schritte zur Fahrradstadt Rostock.

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