Erst standen Gurken im Verdacht, am Ende waren es Sprossen: Vor zehn Jahren hielt der weltweit größte EHEC-Ausbruch auch Deutschland in Atem. Verbraucher waren verunsichert, die Medien berichteten kritisch über die lange Suche nach der Ursache, während Patienten schwer erkrankten, mehr als 50 starben. Am Institut für Hygiene des UKM konnte damals nicht nur der Erreger entschlüsselt, sondern auch ein Schnelltest entwickelt werden.

Insgesamt 2.987 Patienten mit teils blutigem Durchfall meldet das Robert Koch Institut (RKI), 855 Patienten mit Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) und 53 Tote – im Mai 2011 sorgte der weltweit größte durch EHEC-Bakterien verursachte HUS-Ausbruch für eine Welle der Verunsicherung in der Bevölkerung. Prof. Alexander Mellmann, früherer Oberarzt und heutiger Direktor des Instituts für Hygiene am UKM (Universitätsklinikum Münster), sind neben diesen Zahlen vor allem die vielen Kameras, Mikrofone und Interviews im Kopf geblieben, die Übertragungswagen und Journalisten, die teils wochenlang vor dem UKM campierten. „Das war für damalige Verhältnisse ein extremes Medienaufkommen“, sagt er rückblickend. Dennoch wirken Ausmaß und Zahlen zehn Jahre später, inmitten der Corona-Pandemie, verhältnismäßig klein. Doch sie haben Wirkung hinterlassen. „Es gab damals eine große Diskussion über das Meldesystem in Deutschland, Übermittlungen dauerten viele Tage und wurden noch auf Papier mit dem Fax getätigt“, erzählt Mellmann von der Herausforderung, wenn sich Erreger (zu) schnell verbreiten und keine Kontrolle gewonnen werden kann. „Heute ist das unter anderem durch den Ausbau der IT-Infrastruktur und elektronische Meldewege deutlich verkürzt – definitiv etwas, was man aus der damaligen Situation gelernt und auch verbessert hat.“

Es ist der 08. Mai 2011, als Patienten wegen blutigen Durchfalls in mehreren norddeutschen Krankenhäusern behandelt werden, sie entwickeln teilweise die schwere Verlaufsform eines Hämolytisch-Urämischen Syndroms. Kurze Zeit später warnt das RKI vor dem Verzehr roher Tomaten, Gurken und Salat, da Befragungen zufolge die meisten Patienten Salat gegessen hatten. Auch am UKM werden mittlerweile 30 Patienten behandelt, darunter 15 Kinder. Parallel wird im dort ansässigen Institut für Hygiene, wo sich das Nationale Konsiliarlabor für HUS befindet, auf Hochtouren gearbeitet. Am 25. Mai gelingt der entscheidende Durchbruch: Der Erreger wird als EHEC 0104:H4 entschlüsselt. Nur fünf Tage später, am 30. Mai, veröffentlicht das Institut für Hygiene des UKM einen eigens entwickelten Schnelltest. Anfang Juni werden verdächtigte Sprossen als Quelle identifiziert, die Situation gelangt unter Kontrolle. Ende Juli 2011 wird die EHEC-Epidemie vom RKI für beendet erklärt.*

„EHEC-Kühlschrank“: Weltweit größte Probensammlung in Münster

Eine tragende Säule in Münster war damals vor allem Prof. Helge Karch. Und das gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen brachte der mittlerweile emeritierte Institutsdirektor über 20 Jahre Erfahrung in der EHEC-Forschung mit, eine „wandelnde EHEC-Enzyklopädie“, sagt Mellmann über seinen ehemaligen Chef. Die Bild-Zeitung betitelte ihn im Verlauf der Epidemie gar als „EHEC-Papst“ – allerdings war in den vorangegangenen Wochen der Tenor in den Medien deutlich kritischer. „Aber gerade das Vorwissen und seine Erfahrung als einer der weltweit führenden Wissenschaftler in diesem Bereich, der auch wusste, wie es ist, unter diesem enormen Druck der Presse und Öffentlichkeit zu arbeiten, waren extrem hilfreich“, erinnert sich Mellmann. Nicht zuletzt ein von Karch lange vorher angelegter „EHEC-Kühlschrank“, vermutlich die größte vorhandene Probensammlung, für die er immer wieder Isolate anforderte, wenn er von dem Auftreten des EHEC-Erregers irgendwo auf der Welt hörte, war ein entscheidender Faktor bei der damaligen Entschlüsselung.

Auch heute ist das nationale Konsiliarlabor für HUS noch in Münster verortet, seit 2019 unter der Leitung von Alexander Mellmann. Eine eigene Arbeitsgruppe mit Medizinern und Naturwissenschaftlern beschäftigt sich weiter intensiv mit den EHEC-Bakterien. „Wir können heutzutage dank neuer Technologien deutlich schneller Erreger identifizieren und charakterisieren. Wir haben zudem Netzwerke gebildet, um uns besser unter den verschiedenen Laboratorien auszutauschen und Ausbrüche schneller zu erkennen, und wir lernen immer weiter dazu, wieso der Erreger damals, der immer noch Teil unserer Forschung ist, so besonders krankmachend war.“ In dem streng abgeriegelten Labor steht dafür auch noch der von Helge Karch angelegte Kühlschrank. „Diese Sammlung der verschiedenen Erreger und die dazugehörige Datenbank sind weiter gewachsen“, erzählt Mellmann. „Wir pflegen das tagtäglich weiter, denn es ist ein großer Schatz, quasi unser Gedächtnis, sodass wir bei einem erneuten Ausbruch ganz schnell darauf zurückgreifen können.“

*Weitere Details: Chronik EHEC-Ausbruch 2011: Zahlen und Fakten

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