Kuba und Revolution – das waren lange Zeit zwei Worte, die untrennbar zusammengehörten und die bei fortschriftlichen Menschen in aller Welt Hoffnung und Solidarität auslösten. Aber wie war es eigentlich damals, ganz Anfang, als die kubanische Revolution nach jung war? Authentische Antworten darauf gibt das vierte der fünf aktuellen Sonderangebote des heutigen Newsletters, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 15.10. 21 – Freitag, 22.10. 21) zu haben sind. Gemeinsam mit einem Fotografen hatte der Schriftsteller Heinz Kruschel Mitte der 1960er Jahre eine „Winterreise in den Sommer“ unternommen. Eine spannende Lektüre.

Ein Leipziger Journalist kommt in „Die Leiche im Affenbrotbaum“ von Steffen Mohr kurz nach der Wende in Afrika in lebensgefährliche Schwierigkeiten und – erlebt eine neue Liebe.

In „Bennys Bluff oder Ein unheimlicher Fall. Krimi für Kinder, Eltern und Großeltern“ nimmt uns Klaus Möckel mit in das Berlin kurz nach dem Mauerfall. Der zwölfjährige Benny findet, als er eines Tages vom Spielen heimkommt, seine Mutter tot in ihrem Bett. War es Mord?

Annäherungen an einen berühmten Maler unternimmt Renate Krüger in „Der Tanz von Avignon. Ein Roman über den Maler Hans Holbein d. J.“.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Die Anfänge der Bewegungen für Natur- und Umweltschutz reichen bis zu DDR-Zeiten zurück. Allerdings waren derartige Ideen damals nicht immer unbedingt willkommen, um es freundlich auszudrücken. Es gab Streit und Widerstand, aber auch immer wieder Leute, die sich von ihren Vorhaben nicht abbringen ließen – und schienen sie anfangs auch noch so utopisch. Und manche Berge sind gar keine …

Erstmals 1977 veröffentlichte Wolf Spillner im Kinderbuchverlag Berlin „Gänse überm Reiherberg“: „Was ist das schon, so’n Hund, gar nichts ist das. Der rennt dir bloß hinterher, weil er Kohldampf hat und Fleisch haben will. Gar nichts ist das! … Eine Wildgans ziehe ich mir auf, dass ihr’s wisst. Und die wird zahm und fliegen. Hinter mir her. Die kommt sogar wieder, im nächsten Jahr wieder, verlasst euch drauf! Und nicht weil sie Kohldampf hat.“

Knuppe lässt diese Idee nicht los, eine Idee, für die er nur bei wenigen Verständnis findet. Er lebt in einem Dorf am See, und dieser See ist einer der selten gewordenen Brutplätze der Graugänse. Aber bis alle im Dorf das begriffen haben, gibt es Streit zwischen den LPG-Bauern und den Naturschützern, bei den Jägern und Anglern, Krach mit Freund Kalle und – tatsächlich Ohrfeigen vom Vater. Hier das 2. Kapitel:

„Der Reiherberg ist gar kein Berg. Bei uns gibt es keine Berge. Der Reiherberg ist eine Viehkoppel, eine Halbinsel mit Gras, auf der unsere Kühe weiden. Sie sind den ganzen Sommer draußen, so ungefähr zweihundert Stück. Nicht nur auf dem Reiherberg. Die Koppeln ziehen sich fast um den ganzen See rum. Nur bei Baudin nicht, da ist Ellernbruch und viel Schilf und Weidendickicht. Dort ist auch die Ellernbucht, in der wir angelten, Kalle und ich und Paul Kowaltschik.

Hinter dem Reiherberg fängt der große Luzerneschlag an, die Felder liegen ein bisschen höher, und von oben hat man einen freien Blick über den See bis zu unserem Dorf. Der See ist wie eine große, flache Wanne. Aber baden kann man da nicht, ist viel zu flach und krautig und das Wasser voller Wasserflöhe. Sind wohl Millionen – eine richtige, rotbraune Suppe aus Wasserflöhen. Fische sind massenhaft im See: Ganz große Karauschen vom Kilo, die gibt es woanders nie! Und Hechte natürlich und Rotfedern und Barsche auch. Ich kenn mich da ziemlich aus.

Heute müssten die Rotfedern wieder gut beißen. Warmes Frühjahrswetter mögen sie!

Der Himmel ist ganz blau. Keine Wolken. Der Wind macht die Luft klar. Wenn es heiß wird – ohne Wind -, dann flimmert die Luft.

Über dem See fliegen die Rohrweihen. Sie sind erst ein paar Tage hier. Unheimlich, wie die fliegen können! Sie überschlagen sich im Sturzflug, legen die Flügel an und rauschen runter, man glaubt, gleich klatschen sie ins Wasser. Aber dann reißen sie die langen Flügel auseinander und fegen in steilen Bögen wieder hoch. Da kann einem die Luft wegbleiben.

Viele Graugänse sind schon gekommen. Von Baudin her fliegt ein Trupp über den Ellernwald. Sie schreien und halten die Flügel still. Wie an Fallschirmen hängen sie. Jetzt kippeln sie von einer Seite auf die andere und fallen zum See herunter.

Wenn ich das sehe, könnte ich heulen.

Komisch ist das, wenn man so eine Idee hat. Die wächst und wächst und lässt einen nicht wieder los. Auch wenn die anderen darüber lachen, gerade dann willst du es beweisen. Aber wann fängt so was an?

Wenn ich damals mit Kalle auf Rotfedern gegangen wäre, hätte bestimmt alles einen anderen Verlauf genommen. Dann würde ich jetzt sicher nicht hier am Reiherberg sitzen.

Ich war mit Ach und Krach mit meinen Matheaufgaben fertig geworden. Ich stopfte die Hefte und Bücher in die Tasche und schob sie in die Verandaecke. Die Schwalben flatterten.

Ich wollte jetzt zum See. Raus aus der Tür, über den Hof, in den Schuppen und aufs Fahrrad, noch im Laufen, dann im Bogen durch die Hofpforte. Den Bogen hatte ich raus, tägliche Übung!

Kalle war schon ein paarmal hängen geblieben, als er’s nachmachen wollte. Ich flitzte zum Kirchberg hoch, um die alte Feldsteinmauer und die Trauereschen und an der Scheune vorbei. Dort oben standen schon die Störche auf dem alten Rohrdach in ihrem Nest. Sie waren ziemlich früh gekommen, schon am zweiten April. Das lag wohl am warmen Wetter. Hinter der Scheune ging es wieder bergab. Da lag der See. Die Räder pfiffen auf dem glatten Pfad neben dem zerwühlten Feldweg. Hier hätte auch der GAS nicht fahren können! Aber dieser Weg zur Schlehenhecke war kürzer.

Hinter dem Zaun von Schülers Hof stürzte Purzel heraus. Er kläffte und jaulte. Kalles weißer Spitz lag immer auf der Lauer, um die Radfahrer zu erwischen, die hier zu den Koppeln fahren mussten. Purzel ist sonst ein prima Hund, aber das kann Kalle ihm nicht abgewöhnen.

„He, Knuppe“, schrie Kalle. Er stand mit einem Spaten im Garten. Ich bremste, und Purzel trollte sich befriedigt vom Zaun weg.

„Was ist denn los“, schrie Kalle, „wolln wir nicht angeln?“ Er stieß den Spaten in die Erde und kam zum Zaun.

„Nee“, sagte ich, „heute nicht, morgen vielleicht!“

„Ich kann sowieso nicht“, knurrte er. Mit dem Daumen zeigte er über die Schulter auf das Beet. Da war noch eine ganze Menge umzuwerfen. „Dann hau mal rein, tief stechen – weit schmeißen!“ Ich sah, wie er sich ärgerte. Er zuckte die Schultern. „Kann man nichts machen – wir wollen Bohnen legen. Wo haste denn deine Peitsche?“ Er wunderte sich, dass ich meine Angel nicht ans Rad gebunden hatte.

Aber ich hatte es eilig und sagte nur: „Gänsefänger sind am See, da will ich hin.“ Ich trat in die Pedale und fragte noch: „Wartest du morgen?“, und sah, wie Kalle nickte und ein ziemlich bedeppertes Gesicht machte. Er wäre wohl gern mitgekommen.

Der Schlehenweg stand in voller Blüte. Ich fuhr wie durch dichtes Schneegestöber. Im nassen Lehmweg fand ich die frischen Spuren des GAS, mit dem die drei Gänsefänger von der anderen Seite an den Hohlweg herangekommen waren. Und da stand dann das dunkelgrüne Auto, halb von den mächtigen Büschen verdeckt. Von den Gänsefängern war nichts zu sehen. Ich schob mein Fahrrad in die Hecke. Das Auto war verschlossen, aber durch die Scheiben konnte ich alles genau erkennen. Hatten die das Auto vollgestopft! Als ob sie nach Afrika fahren wollten. Zeltrollen und große, stabile Holzkisten. Hinter dem Fahrersitz war ein Propangaskocher montiert. Töpfe und Pfannen darunter in ein Regal gebunden. Ein zusammengerolltes großes Schlauchboot an der Hecktür, Rucksäcke, Paddel, drei Rollen mit elektrischen Kabeln, Akkus, zwei Spaten und Stricke und ein großer Kasten mit Knöpfen und Schaltern. Und dann waren da noch merkwürdige Dinger aus Stahl, mit Lederriemen in einem schmalen Holzregal festgeschnürt. Die sahen wie kleine Bomben aus oder wie Raketen vielleicht.

Ich drückte mir die Nase an den Fenstern platt und rätselte herum, was das sein mochte.

Ich ließ mein Fahrrad in den Schlehenbüschen und ging los. Der Blütentunnel war gleich zu Ende. Dann begann schon die erste große Koppel vor der Luzerne. Als ich aus den Büschen kam und den Weg über die Koppel laufen wollte, auf dem die Bahnwärter von unserem Dorf zu ihrer Schranke fahren, flog eine Menge wilder Gänse hoch. Sie hatten da gestanden und das Gras gefressen, und ich hatte sie nicht gesehen.

Ich ärgerte mich, dass ich die Gänse hochgejagt hatte. Vielleicht war Dr. Häublein in der Nähe und wollte sie gerade beobachten?

Der Gänsedoktor war tatsächlich in der Nähe. Die Gänsefänger saßen auf dem Hügel, oben auf dem Luzerneacker hinter den Betonringen der Berieselungsanlage. Ich hätte links von der Hecke hinter dem Hügel bleiben müssen, um die Gänse nicht zu verscheuchen!

Nun war es passiert. Ich ging geradewegs zu den Gänsefängern hoch.

Das erste, was ich da oben sah, war ein großes Fernrohr auf einem massigen Holzstativ. Dann erst sah ich mir die Leute an.

„Das ist meine Frau, und das ist Herr Fraedrich“, stellte mir der Doktor seine Begleiter vor. Ich gab ihnen die Hand und sagte, dass ich die Gänse nicht verscheuchen wollte und dass es mir leid täte.

„Halb so schlimm“, sagte die Frau, „ganz gut, dass du gekommen bist. Du kennst dich doch aus hier?“

Ich nickte. „Aber von Gänsen habe ich keine Ahnung!“´ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters.

Erstmals 1992 erschien im Wilhelm Heyne Verlag München als Nr. 02/2368 (HEYNE BLAUE REIHE) der Kriminalroman „Die Leiche im Affenbrotbaum“ von Steffen Mohr, dem der Autor eine spannende Vorbemerkung vorangestellt hat – „Figuren und Orte in diesem Buch sind reine Erfindungen zugunsten einer fantastischen Geschichte. Trotzdem gilt, was mir der Polizist Maguye Sall sagte: ‚… dass der Erzähler der unglaublichsten Märchen nie anders kann, als ein paar Funken Wahrheit in seine Lügen zu mischen.‘ Allah möge mir verzeihen.

St. M.“

Und darum geht es in diesem Krimi: Dem Leipziger Journalist Karl Bondel ist nach der Wende seine Frau mit einem westdeutschen Arzt durchgebrannt, seine Arbeit ist auch gefährdet. Er will einfach ausspannen und bucht einen teuren Urlaub im fernen Senegal. Dort holt ihn seine DDR-Vergangenheit ein und er lernt seine Stasispitzel kennen. Er verliebt sich neu und gerät in äußerst lebensgefährliche Abenteuer. Beginnen wir mit dem 1. Kapitel, an dessen Anfang der Besucher aus Sachsen zu einem Verhör geladen wird:

„1. Kapitel

Die ganze Nacht hatten mich die Moskitos geplagt. Auch die Klimaanlage hatte mit ihrem Schnaufen und Fiepen ihren Anteil zum Verschleiß meiner Nerven beigetragen. Schaltete ich sie jedoch aus, wurde mir unter der Bettdecke glutheiß. Zweimal war ich auf die Terrasse gegangen und hatte eine verfälschte Marlboro geraucht.

Fieber? Nein, Fieber fühlte ich Gott sei Dank nicht. Das würde dann kommen, wenn mir eine der Mücken von heute Nacht die Malaria tropica injiziert hatte. Das jetzt noch zu verhindern, war sowieso zu spät.

In meiner Kaffeetasse rührte ich herum wie ein eingeschlafener Roboter. Blickte lustlos schräg hoch in die Fächerpalmen, wo jetzt nach Sonnenaufgang die Fledermäuse in Reih und Glied wie taube Nüsse hingen. Fand weder eine Beziehung zu Butter noch Marmelade noch zu den knusprig heißen Baguettes. Frühstücken oder Kotzen, das war hier die Frage. Ganz nebenbei hatte ich zur Abwehr der Moskitos eine Literflasche gepanschten Weißwein geleert.

Einer der schwarzen Kellner lächelte mir vom Buffet aus aufmunternd zu. Wie alle Kellner trug er eine Art grünen Schlafanzug und schien so weit entfernt von mir, wie ich selbst von meinem Heimatland. Ich entwickelte einen Energiestoß von Charme und lächelte zurück. Rundum an den herrlich weißen Plastetischen mampften schwarze und weiße Leute ihr im Hotelpreis einbegriffenes Frühstück. Auch an meinem Tisch kauten zwei müde, kaffeebraune Huren, die mit Mannsbildern nichts mehr im Sinn hatten, nach getaner Nachtschicht ihre knackigen Brötchen. Das war beruhigend. Und so schlief ich, das Messer in der erhobenen Hand, ein bisschen.

Um so mehr erschreckte mich die Frage, von einem plötzlich neben mir aufpostierten Herrn gestellt. Er trug die Uniform der senegalesischen Polizeibeamten, hatte unglaublich viele Silberfäden in seinem dunklen Kräuselhaar und beugte sich bei seiner in tadellosem Deutsch gestellten Frage geradezu sklavisch an mein linkes Ohr herunter. Maguye Sall fragte: „Darf ich Sie an die Rezeption bitten, Herr Bondel?“ Als ich ihn aus meinen eben erwachenden Augen dummblau ansah, lächelte Monsieur Sall verbindlich, nicht so servil wie die Kellner, sondern eher mit delikatem Verständnis für meinen Kater. Er erklärte mir, ohne dass es die Huren hören sollten: „Mein Name ist Maguye Sall. Ich bin der Gendarm im Ort.“

In meinem Tran fragte ich zurück: „Woher können Sie so gut Deutsch, Monsieur Sall?“ Das war sicher die blödeste Frage, die ich stellen konnte.

Er musterte rasch mein marmeladenbeflecktes Messer, meine für eine Gewalttat viel zu feinen und kleinen Hände, die vor der Abreise bei Hertie eben schnell noch gekauften weißen Sandalen, mit rasch hochwärts fliegendem Blick mein schlecht gekämmtes blondes Haar, etwas bedauernd das hinter mir auf der Lehne hängende weinrote Leineweber-Jackett, in dessen leger geschnittene Brusttasche jeder der hunderttausend Meisterdiebe hierzulande leichten Zugang hatte und danach, wieder plötzlich und diesmal fordernd meine germanisch blaugrauen Augen. „Bitte folgen Sie mir unauffällig“, befahl er leise.

Die Wendung mochte Monsieur Maguye Sall vielleicht in einem deutschen Polizeikrimi gelesen haben. Aber obwohl ich mich innerlich empörte – ein Weißer empört sich immer, wenn ihm ein Schwarzer etwas befiehlt, das ist phylogenetisch völlig normal -, stand ich sofort auf. Bevor ich dem Gendarmen nachtrabte, warf ich einen Seitenblick auf die Huren. Die jedoch schienen nichts gehört und gesehen zu haben. Jedenfalls zeigten sie mir bei meinem Abgang nur ihre von einer vielversprechenden Sonne beglänzten, bis in den jugendlichen Busen hinein nackten Schultern. Es musste jedem hier so vorkommen, als hätte mich jemand bloß ans Telefon gerufen.

Aus dem Radio an der Rezeption gellten die Schreie eines Fußballreporters. Gestern Abend hatte Marseille im Europacup irgendwelche Russen geschlagen, und nun lief die Wiederholung der wichtigsten Torszenen. Der etwa sechzigjährige Boy hinter dem Tresen blickte uns mit leuchtenden Augen entgegen. Zwei an den Hochtisch gelehnte Buschtaxifahrer hörten begeistert mit. Im Rahmen der Eingangstür streckten ein Dutzend oder mehr kraushaarige Tagediebe ihre Ohren in die faszinierenden Ätherwellen, übertraten jedoch nicht die Schwelle des feinen Hotels. Mein Begleiter, der mir mit wiegendem Schritt voranschlurfte, knurrte nur einmal etwas in der Landessprache und vollführte dazu eine eindeutige Handbewegung.

Die Burschen am Eingang verschwanden, als hätte sie Monsieur Sall mit einem unsichtbaren Fetisch entmaterialisiert. Ihnen nach hinkte eilends der Portier, nachdem er den Stecker herausgezogen und das Hotelradio unter den Arm geklemmt hatte. Wie alle anderen verschwand er hinter der hohen weißen Mauer zur Stadt hin. Nun suchten sicherlich alle mit vereinten Kräften nach der nächsten Steckdose.

Wie wir uns so mutterseelenallein vor dem gemütlichen Schlüsselbrett auf zwei Rohrstühlen gegenübersaßen, schlug der Gendarm einen verbindlichen Ton an. Er schnorrte eine meiner Marlboro, vente au Senegal, und erklärte: „Ich habe am Germanistischen Institut von Dakar einen längeren Kurs abgeschlossen. Leider klappte es später nicht mit einem Einsatz als Lehrer oder gar einem Ausflug nach Deutschland.“ Vor dem Begriff Deutschland setzte er eine Pause und sprach ihn aus, wie viele meiner Landsleute von Nordamerika bloß noch verklärt reden als ‚Den Staaten‘. Er liebte die Deutschen also, das war ja nun nicht das Schlechteste.

„Wo liegt Ihre Heimatstadt Leipzig, Herr Bondel?“, fragte er. „In Rheinland-Pfalz oder Schleswig?“

„Können Sie mir zunächst erklären, weshalb Sie mich vom Frühstückstisch aus hierher …“ Ich kriegte mit jedem weiteren Wort etwas mehr beleidigte Courage in meine Stimme.

Monsieur Gendarm riss mit einem Ruck beide Arme hoch und zeigte mir das Weiße in seinen Handflächen. „Keine Aufregung, mein Herr. Bitte bloß das nicht. Es handelt sich lediglich um ein paar Routinefragen. Von Ihren Antworten hängt ab, ob ich Sie daraufhin laufen lasse oder leider mit mir nehmen muss.“´

Erstmals 1991 veröffentlichte Klaus Möckel im Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek „Bennys Bluff oder Ein unheimlicher Fall. Krimi für Kinder, Eltern und Großeltern“:

Berlin, wenige Wochen nach der Maueröffnung 1989. Benny, zwölf Jahre alt, findet, als er eines Tages vom Spielen heimkommt, seine Mutter tot in ihrem Bett. War es Mord? Das Tatwerkzeug deutet darauf hin und bringt Ralf in Verdacht, einen ihrer Freunde. Für den Jungen ein doppelter Schlag, denn er hätte sich diesen Mann gut als einen Ersatzvater vorstellen können.

Verzweifelt macht sich Benny auf die Suche nach Ralf, der sich in den Westteil der Stadt abgesetzt hat. Dabei muss er Hindernisse aller Art überwinden, erlebt tiefe Enttäuschung, findet aber auch unerwartete Hilfe. Die Spur verzweigt sich, und es bedarf eines besonderen Bluffs, um den Täter schließlich zu entlarven.

Das Buch, vor nunmehr drei Jahrzehnten beim Rowohlt-Verlag erschienen und längst vergriffen, lenkt in seiner spannenden Handlung den Blick auf eine bereits historisch gewordene Zeit, auf die zugleich aufregende und verworrene Situation in den Monaten nach der Wende. Das Buch beginnt mit einem Schock:

1. Kapitel

Benny Wetzmann, auch Ben, Benno oder, wenn seine Mutter wütend ist, Ben-ja-min genannt, biegt in die Stargarder Straße ein, wechselt vor einem langsam dahintuckernden Trabi auf die andere Seite und setzt sich auf den Stapel Bretter, der hier liegt, seit sie die Hausdächer reparieren – seit Monaten also.

Benny ist zufrieden mit dem Tag. In der Schule gab es heute nur das halbe Programm, weil ein paar Lehrer ausgefallen sind, und auch später lief es gut. Die Stunden vergingen, er wusste nicht wie. Benny überlegt, ob er jetzt schon auf „Mellas Bude“ gehen soll oder noch ein bisschen herumziehen. Es ist zwar Abendbrotzeit, doch oben gibt es vielleicht bloß wieder Krach.

Mella ist Bennys Mutter und Mellas Bude sein Zuhause; irgendein Kerl, der sich vor einem halben Jahr öfter bei ihr sehen ließ, hat den Ausdruck geprägt, und Benny hat ihn übernommen.

Das ist das Einzige, was von dem Macker damals geblieben ist, das heißt nein, es gibt im Küchenschrank noch eine grüne Blechbüchse mit goldenen Punkten drauf, in der mal Bonbons waren. Die hat der Mann bei einem seiner Besuche mitgebracht.

Benny hätte sie längst weggeschmissen, er konnte den Macker nicht leiden, wie überhaupt die wenigsten von Mutters Bekannten, er steht bloß auf Ralf, aber Mella hängt an dem Kram.

Sie hängt an Blechbüchsen, geflochtenen Körbchen, aber auch an großen Glitzerohrringen, an jeglichem Klimperzeug, eben ein Weib.

Selbst Jessika, die zwölf ist, ein halbes Jahr jünger als Benny, liebt rote Teebüchsen, Armreifen aus buntem Plast und Blechketten um den Hals.

Mit Jessika war er heute nach der Schule an der S-Bahnbrücke bei der Kaufhalle. Sie sind den Hang hinuntergeklettert, haben gequatscht, sich was zusammengesponnen. Wo sie hinfahren würden, wenn sie Westknete hätten und so. Obwohl Jessika ein Kaninchen ist und am liebsten mit ihren Kassetten im Bau hockt.

Mit Jessika würde Benny schon mal was losmachen, wenn sie nur wollte, einen Fahrradtrip oder per Anhalter an die See. Was ganz anderes aber ist es mit Ralf, denn für den würde er sich eine Kerbe ins Bein schneiden lassen. War das eine Freude gewesen, als Ralf nach einem halben Jahr Abwesenheit wieder in Mellas Bude auftauchte, nach einem halben Jahr, als wäre er nie weggeblieben. „Na, Benny, wie wär’s, wenn wir beide uns ’ne Kerbe ins Bein schneiden?“

„Können wir“, hat Benny da ganz ernsthaft erwidert, „sofort, wenn du willst.“ Damals, als Ralf bei ihnen wohnte, hat er nämlich immer behauptet, so richtige Freunde sollten sich ’ne Kerbe ins Bein schneiden, damit sie einander nie vergessen.

Mella hat gegrient und gesagt: „Erzähl Benny nicht solchen Blödsinn, der ist so dumm und glaubt’s.“

„Das verstehst du nicht, das ist Männersache, was Benny?“

Er hat genickt, glücklich genickt. Natürlich wusste er, dass es Blödsinn war, aber Ralf ist eben Ralf. Der einzige, der eine Ahnung vom Segeln hat, alles über Schiffe weiß, über Autos, über Computerspiele, der sich Zeit für ihn nimmt. Nicht genügend Zeit, aber immerhin.

Seinetwegen hat sich Benny mit Hering verkracht, seinem besten Kumpel, es tut ihm nicht leid.

Hering hat Ralf beleidigt und Mella und ihn, vor allem aber Ralf. „Du gehst mir auf den Senkel mit deinem Onkel, er kommt, weil er deine Mutter bocken will, genau wie alle andern, bloß dass er ihr mehr Geschenke macht.“

„Du Schwein, feiges Aas, deine Mutter lässt sich selber bocken.“ Sie sind mit Fäusten aufeinander losgegangen.

In Wirklichkeit ist Herings Mutter (mit richtigem Namen heißt er Gilbert Herzring) anders als Mella, nämlich eine richtige Ehefrau. Benny weiß es durchaus, und er weiß auch, dass seine Mama wegen ihres Lebenswandels im Haus und überall schlecht angesehen ist. Selbst die Großmutter, die in Erkner wohnt, am Rande von Berlin, stöhnt über die vielen Kerle und den Leichtsinn der Tochter, wenn sie Benny gegenüber auch den Mund hält. Er bekommt es auf andere Art mit, durch Gespräche der Oma mit ihrer Freundin, Anspielungen im Haus und nicht zuletzt durch Mella selbst. Sie schickt ihn weg, wenn die Macker da sind, sie bleibt abends aus und kommt mitten in der Nacht mit einem wildfremden Mann heim.

Manchmal ist für einen Monat Ruhe, gibt es keine Kerle, dann wieder tauchen innerhalb einer Woche gleich zwei Bekannte auf. Einmal hat er sie sogar beim Bocken überrascht, splitternackt sie und der Mann, später dann hat er durchs Schlüsselloch gespäht. Bis sie ihn erwischte und windelweich klopfte. Doch was geht das Hering an und was hat es mit Ralf zu tun, mit seinem großen einzigen Freund.

Benny erhebt sich vom Bretterstapel, er hat sich überlegt, dass es nicht immer Streit gibt, wenn Ralf kommt, dass er jetzt oben sein kann und ihn nicht wegschicken wird. Später vielleicht ins Bett, aber das ist was anderes. Außerdem hat Benny Hunger. Er steuert das Haus an, in dem sie wohnen.

Ein Altbau in einer alten Straße des Stadtbezirks Prenzlauer Berg, von vorn sieht er ganz passabel aus, wurde vor zwei Jahren neu verputzt, im Hinterhof aber ist er abgewrackt. Rußige Wände, Müllcontainer, die überquellen, Hundedreck, in der Mitte des Hofes ein kümmerliches Bäumchen. Benny sieht das jeden Tag, Benny denkt sich nichts dabei.

Obwohl es schon dunkel ist, schaut die alte Frau Kent aus dem Fenster im linken Seitenflügel, als er vorbeigeht, und ihm entgegen kommt vom Seitengebäude rechts Familie Blettner. Er, Herr Blettner, steif aufgerichtet wie ein Stock – so läuft er immer – sie blässlich und krumm. Sie gehen aus, möglicherweise rüber nach Westberlin, sie hat da ihre Schwester, sagt Mutter. Sie konnte schon früher rüber, weil sie behindert ist, nur er durfte nicht, aber jetzt hat sich das ja geändert.

Benny grüßt so höflich er kann, denn das ist ihm von Mella eingeschärft worden. Die Blettners sind wichtig, von ihnen borgt Mutter mitunter Geld.

Frau Blettner grüßt freundlich zurück, Herr Blettner nickt nur kurz, wie er es immer tut. Heute sogar noch kürzer als sonst, er schaut Benny nicht an. Mächtig eingebildet ist er, arbeitet bei einer hohen Verwaltung und hält sich für was ganz Besonderes.

Hoffentlich ist Ralf da, und hoffentlich streiten sie sich nicht wieder, denkt Benny erneut. Am Abend zuvor oder schon halb in der Nacht ist er von dem Krawall aufgewacht, den die beiden machten. Geschrei, Geschimpfe und vielleicht sogar Schläge. Jedenfalls hatte Mella am Morgen ein blaues Auge. Kaum aber saßen sie beim Frühstück, blafften sie sich schon wieder an.

Weshalb nur können sich die beiden nicht vertragen. Eine Weile geht es gut, und plötzlich herrschen Mord und Totschlag. Dabei sind die anderen Kerle in den letzten Wochen weggeblieben, und überhaupt ist das eine Zeit nach dem Geschmack von Mella und Ralf. Behaupten sie ja selber. Die Grenze offen, Möglichkeiten, die man nie erhofft hätte. Demos, die Laune machen, alles ganz aufregend, da könnten sie doch zusammenhalten. Aber nein, sie brüllen sich an.

Mella schmeißt mit Gegenständen, Geschirr, Topfdeckeln, er scheuert ihr eine.

Sie braust schnell auf, pocht immer auf ihre Freiheit, er aber ist jähzornig, und Benny klemmt zwischen den beiden. Wenn er sich dann nicht doch lieber verdrückt.

Der Junge steht jetzt vor der Wohnungstür, er hat das Hinterhaus betreten, ohne sich an dem Schummerlicht unten, an der zerbrochenen Lampe im ersten Stock zu stören. Er ist die Treppen zur zweiten Etage hochgestiegen, nun drückt er auf den Klingelknopf. Ein durchdringendes Schnarren, doch drinnen rührt sich nichts. Nochmals geklingelt, kein Schritt oder Ruf, dunkel ist’s auch hinter der Tür, man sieht es durch das Schlüsselloch. Also ist keiner da.

Ein wenig Enttäuschung bei Benny, aber sie hält sich in Grenzen. Nach dem Krach gestern und heute Morgen wäre es wohl zuviel verlangt, wenn Ralf gleich wiederkäme. Kann auch sein, dass sie bei ihm zu Hause sind oder ausgegangen, um Versöhnung zu feiern. Das ist schon ein paar Mal passiert, Benny weiß es.

Er kramt den Schlüssel hervor, schaltet die Treppenhausbeleuchtung wieder ein, die erloschen ist, öffnet. Weiterhin Stille in der Wohnung, im Flur aber stehen Mellas Stiefel, und auch ihr Mantel hängt an der Garderobe. Die Türen zur Küche und zum Wohnzimmer sind zu, das ist ungewöhnlich, meist bleiben sie angelehnt, wenn die Mutter weggeht und die Gasheizung ausdreht.

Benny inspiziert zuerst die Küche: schmutziges Geschirr im Abwaschbecken, aber nichts für ihn zum Abendbrot. Nichts vorbereitet, weder auf dem Tisch, noch auf der Anrichte, noch im Kühlschrank.

Na ja, ganz ungewöhnlich ist das nicht, manchmal vergisst sie’s, wenn sie ausgeht, doch meist sind ein paar Stullen geschmiert, liegt ein Zettel neben der Teekanne: Komme dann und dann wieder, nimm dir das, mach jenes. Auch wenn sie sich nicht daran hält, irgendwie ist man informiert.

Im Brotfach Fettsemmeln. Benny greift sich eine, öffnet eine Flasche Citrus, trinkt. Plötzlich kommt ihm der Gedanke, Mella könne einfach im Bett liegen und schlafen. Vielleicht war sie heute nicht zur Arbeit, hat auf ihren Kummer hin einen gepichelt. Das wäre gleichfalls nicht neu.

Er wirft seine Jacke auf einen Küchenstuhl, geht, nun leiser, durch den Flur bis zur Schlafzimmertür. Horcht, hört aber nichts. Drückt die Klinke nieder. Fahles Mondlicht erhellt den schmalen Raum mit dem großen Fenster. Natürlich, da liegt sie, auf dem Rücken und halb angezogen. Benny will die Tür schon wieder schließen, irgendwie stört, beschämt es ihn, wenn seine Mutter besoffen ist, aber da fällt ihm der unnatürlich zur Seite gedrehte Kopf auf und auch, dass man keinerlei Atemzüge hört. Er erschrickt, lauscht erneut, öffnet schließlich weit die Tür und betritt das Zimmer.

Benny macht kein Licht, er kommt gar nicht auf den Gedanken, Licht zu machen, aber der Schein vom Flur dringt breit durch die Türöffnung, fällt auf die Frau im Bett.

Da sieht er die starren Augen Mellas, das Blut an ihrem Kopf, die leblose Hand, die herunterhängt, und ein Schauer erfasst ihn. Er sieht seine Mutter, und er begreift, dass ihr etwas Schreckliches, etwas ungeheuer Schreckliches zugestoßen ist.“

Erstmals 1967 veröffentlichte Heinz Kruschel im Deutschen Militärverlag Berlin „Winterreise in den Sommer“: 1966, sieben Jahre nach der kubanischen Revolution, reist Heinz Kruschel mit einem Fotografen nach Kuba. Nach einer stürmischen Seereise mit dem DDR-Schiff „Fichte“ gehen sie am 25. November in Havanna an Land. Kruschel besucht Bildungs- und Kultureinrichtungen, trifft sich mit Künstlern, Technikern und Politikern, lässt sich von einfachen Menschen die Lebensgeschichten erzählen, besucht das Hemingway-Museum. Die daraus entstandene Reportage von 1967 gibt ein interessantes – und wegen der vielen Einzelschicksale – auch spannend zu lesendes Bild der Anfangsjahre der kubanischen Revolution.

Wir kannten ihn alle gut …

Wir schlafen nur noch wenig, meistens vier Stunden in der Nacht, und dann auch noch unruhig. Es ist nicht warm, das Zimmer hat eine Klimaanlage, aber die Tage sind so voll von Ereignissen, Begegnungen, immer neuen Bildern, dass sie sich im Halbschlaf tummeln und wieder verschieben, neue Situationen und Ereignisse konstruieren, wieder zerfallen. Der Psychologe würde sagen: Die Grundstimmung des Traumes wird prinzipiell von der funktionellen Einstellung des Vegetativums, der Innenwelt, bestimmt, und der Trauminhalt lehnt sich meist an ein Ereignis des Vortages oder der jüngeren Vergangenheit an.

Und wenn ich aufwache, dann höre ich die Maschinen an der Ecke der 23. Straße rattern, wo bis zur Tricontinental ein neuer Park entstehen soll, und in aller Herrgottsfrühe schon kommandiert eine Lautsprecherstimme vom Dach der Eingangshalle aus: „Weiter nach rechts, ihr Burschen, recht so, und nun vom Balkon des zwanzigsten Zimmers im vierundzwanzigsten Stock aus in die Höhe, vorsichtig, noch eine Fußbreite vielleicht … An der riesigen Fassade unseres Hotels wird seit acht Tagen eine Leuchtreklame befestigt.

La Habana schmückt sich. Über der „Rampa“ schaukeln zehn Meter große Glocken und Sterne. An den Verkehrsknotenpunkten werden Weihnachtsbäume, die landesüblichen Pinien, aufgestellt. Auf den Dächern der Universität brennen tausend Birnen. Transparente und Leuchtschriften werden an den Fassaden der dreißigstöckigen Häuser befestigt. Über Straßenecken springen Papphirsche mit Glühbirnchengeweih. La Habana schmückt sich für das Weihnachtsfest, das hier lärmender und heftiger als bei uns gefeiert wird – auf der Straße, mit Mozambique und mitreißenden politischen Schlagern. Und La Habana schmückt sich zum Empfang der Delegierten aus drei Kontinenten.

In der Floridita-Bar. Hier soll von einem geschäftstüchtigen Amerikaner der Daiquiri kreiert worden sein. Aber hier soll auch Hemingway verkehrt haben.

An den Wänden hängen Fotos. Hemingway sitzt auf einem Barhocker, breit, lächelnd, das Glas in der Hand. Hemingway in einem saloppen Anzug, die Hände in den Hosentaschen. Hemingway ernst und abweisend, das Gesicht alt und verschlossen, vielleicht eine Aufnahme aus der letzten Zeit.

„Bringen Sie uns das, was Hemingway immer gern gegessen hat“, bitte ich den weiß befrackten Oberkellner.

Der kratzt sich hinter dem Ohr, lächelt verlegen, ruft seine Kollegen heran. Das Mädchen Yvonne, das uns heute als Dolmetscherin begleitet, hört zu, wie sie beratschlagen.

„Was ist denn, Yvonne?“

„Wissen Sie nicht mehr, was er gegessen hat?“

„Nanu, hier hat er doch verkehrt, er ist oft hier gewesen.“

Sie übersetzt. Der Oberkellner sagt: „Natürlich, er war oft hier, aber, bitte, verstehen Sie richtig, er hat immer mehr getrunken als gegessen, an einem Tisch hat er eigentlich selten gesessen.“

„So. Erzählen Sie von ihm, por favor.“

Während drei Ober uns drei Gäste bedienen, erzählt der Kellner: „Er war so, wie er sich selber in seinen Büchern beschrieb. Es gab immer Spaß, wenn er hier war, er wusste spannend zu erzählen und zu unterhalten, ein wunderbarer Mensch, wir kannten ihn alle gut. Nur in den letzten Jahren wurde seine Kondition immer schwächer, seine Krankheiten bereiteten ihm Beschwerden, das Leben machte ihm wohl keinen Spaß mehr, denke ich …“

In Hemingways Wohnhaus, ein paar Kilometer vor Habana, kommen täglich Besucher, besonders viele Ausländer. In diesem Dorfe San Francisco de Paula kennt man den Dichter gut. Ein vierzigjähriger Mann sagte: „Er hatte viel Geld, aber er war immer einer von uns. Oft ist er in eine Hütte gegangen und hat geholfen, wo er nur konnte. Hier nannten ihn alle ‚Papa‘. Wenn er auch oft in den Staaten war, hierher kam er am liebsten, er war einer von uns …“

Das Haus liegt in einer parkähnlichen Anlage auf einer sanften Anhöhe, von der man über Habana blicken kann: über die Wolkenkratzer, das Marti-Monument, die Gebäude der Ministerien, die Morro-Festung, das Meer hinter dem Malecon. Die Hemingway-Villa ist flach, lang gestreckt. Der Verwalter, seit 1939 im Dienste des Dichters, begrüßt uns. Ich richte ihm den Gruß eines deutschen Professors aus, den er gut kennt. Und schon beginnt er zu erzählen und zu erklären. Es ist, als lausche er manchmal, als hätte er einen Ruf Hemingways aus dem Hause gehört, aus dem Arbeitszimmer, wo noch die Brille des Schriftstellers liegt, gleich neben dem dicken Buch, auf dem die Schreibmaschine steht; denn Hemingway schrieb stehend und gleich in die Maschine …

Das Haus ist ein Museum. Arbeits- und Wohnräume blieben unverändert. Sogar der Whisky soll, wie der Verwalter versichert, noch in den vielen Flaschen sein, die herumstehen. Nur-Stiefel und Schuhe und Andenken hat man ausgebreitet …

„Wann arbeitete er?"

„Jeden Morgen von fünf bis elf Uhr, dann trieb er Sport, aß, fuhr zur Jagd oder zum Angeln, badete in seinem Swimmingpool, und abends las er, wenn er keine Gäste hatte. Er las viel, Sie sehen ja, sogar in der Toilette steht eine kleine Bibliothek. Nun ja. Wir sehen uns ein bisschen belustigt an, vielleicht ein wenig verlegen, wie jemand, der zu persönlich geworden ist und dem es nun leid tut.

„Niemand durfte ihn morgens stören, nicht einmal seine Frau. Nur bei mir war das etwas anderes, ich durfte zu ihm“, sagt der Verwalter stolz und selbstgefällig (Tenor: Ich und der Dichter)

„Hier sehen Sie ein Löwenfell. Es gehörte einem Löwen, der drei Eingeborene eines afrikanischen. Dorfes zerriss, bis Hemingway kam und das Untier tötete …“

Geschichten, Geschichten, der Verwalter ist ein Museumsführer geworden und hat alles auswendig gelernt und bringt seine eigene Rolle erhöht in den Sprüchen unter. Hemingway schien alles gesammelt zu haben. Masken. Waffen. Felle. Spielzeug, Darstellungen aus dem spanischen Volksleben, Plastiken, Stierkampfplakate, Nazidolche, Porträts, Porzellanfiguren, Puppen, Abzeichen, Keramik – Kunst neben Kitsch, wundervolle Schnitzereien aus dem schwarzen Erdteil neben wertlosem Tand aus dem Basar ,,.

„Später hat Hemingway im Katzenturm arbeiten wollen. Hier in diesem unteren Raum, in dem jetzt die Miliz untergebracht ist, züchtete er Katzen, er hatte Dutzende von Katzen und kannte jede bein Namen. Darüber liegt sein Arbeitszimmer.“

Wieder Waffen. Indianische Mokassins, weiche Fellstiefel, Schuhe aus dem hoben Norden. Jagduniformen, Sombreros, Pelzkappen, Gewehre, Dolche, Spieße.

Im Raum darüber: Schreibtisch, Fernrohr, wieder eine Bibliothek, etwa aus zweitausend Bänden bestehend. „Alles Kriegsliteratur“, erklärt der Verwalter. „Hemingway arbeitete zuletzt an einem großen Roman über den zweiten Weltkrieg, ich glaube, es sollte ein mehrbändiger Roman werden, vielleicht wird eines Tages sein Verlag das Fragment veröffentlichen.“ Bücher über römische Feldzüge, die Kriege der Weißen Rose, über den amerikanischen Unabhängigkeitskampf, den Burenkrieg, über den ersten und zweiten Weltkrieg. Bücher in vielen Sprachen der Welt.

Hier, in diesem idyllischen Anwesen, hat Hemingway die berühmte Geschichte vom Kampfe des alten Fischers Santiago geschrieben. Durch diese Anlagen ist er gegangen. Auf diesen weißen Schaukelstühlen hat er gesessen und Whisky getrunken (bei Hemingway kommt einem gar nicht in den Sinn, dass er etwas anderes getrunken haben könnte, „Monsieur a tsoif –    rnoi aussi“ … (Der Herr hat Durst — ich auch)

Hier hat ein ungewöhnlicher Mensch gelebt, er ist immer gern in seiner Finca auf der Zuckerinsel gewesen. War er glücklich mit seinem Leben? Hemingway war viermal verheiratet. Er hat drei Söhne. Zu welchen Zeiten war er glücklich? Wir wissen es nicht. Der Verwaltet weiß es auch nicht. Hemingway sprach nicht über sich selbst.

Dort steht noch eine Sesselwanne, bis zum Rande gefüllt mit Briefen, Paketen, Einladungen. Buchsendungen aus allen Kontinenten – er hat sie nicht mehr öffnen können.

„Ich konnte es nicht fassen, dass er tot sein soll“, sagt der Verwalter und wieder scheint es so, als lausche er zu den geöffneten Fenstern des Arbeitszimmers hinüber. „Es kam unerwartet? Nein, das kann man nicht sagen, er hat große Schmerzen, in der letzten Zeit gehabt, seine Gesundheit verschlechterte sich. Sein Vater hatte sich auch das Leben genommen.“

„Und seine Kinder?“

Sie sind irgendwo in der Welt. Ein Sohn ist Flieger, einer ist Safari-Leiter, einer soll im Dienste eines amerikanischen Ministeriums stehen. Hemingway war verheiratet, viermal, seine letzte Frau war Journalistin, aber vielleicht, vielleicht war er im Grunde allein, denke ich mir …“

Ich sitze noch eine halbe Stunde auf einer Steinbark im Park, unweit der aufgestellten Jacht, und ringsum blüht und grünt der botanische Zauber, kleine Echsen huschen über die weißen Wege, und bunte Vögel zwitschern vor einem strahlenden Himmel.“

Erstmals 1969 erschien im Leipziger Prisma-Verlag Zenner und Gürchott „Der Tanz von Avignon. Ein Roman über den Maler Hans Holbein d. J.“ von Renate Krüger: Hans Holbein d. Jüngere (geb. um 1497 in Augsburg, gest. 1543 in London) war einer der bedeutendsten deutschen Maler aus der Zeit der Renaissance und des Humanismus, einer nachhaltigen Blütezeit der Kunst. Die Autorin hat aus dem Leben Holbeins jene Jahre ausgewählt, in denen der Maler nach neuen Wegen sucht, nicht nur in seiner Kunst, sondern auch im Alltag. Ein Buch, das eine kulturhistorische Zeitreise durch wichtige europäische Zentren wie Augsburg, Basel, Lyon, Avignon und London anbietet und somit  zum Verständnis der Bilder Holbeins auf einprägsame Art beiträgt. Gleich am Anfang des Buches bekommt Holbein unerwarteten Besuch:

Jakob Meyer zum Hasen

Es ist Abend geworden, ein milder, blauer Sommerabend. Meister Hans Holbein streicht bedächtig seine Pinsel in einem buntscheckigen Lappen aus und stellt sie in einen Topf mit verdünntem Öl, damit sie nicht hart werden. Den guten Maler erkennt man auch am gepflegten Handwerkszeug. Er reibt sich die schmerzenden Augen und freut sich auf den Feierabend. Jetzt wird er seinen leichten Hausrock anziehen, die Kinder sind schon im Bett, und er kann seinen Landwein in aller Ruhe trinken. Noch eine Woche angespannter Arbeit, und das große Bild wird vollendet sein.

Da fällt der eiserne Klopfer gegen die Haustür. Wer kommt jetzt noch? Holbein lauscht ärgerlich nach draußen. Seine Frau lässt den späten Besucher herein. Holbein hört eine tiefe dröhnende Stimme und erschrickt: Herr Jakob Meyer zum Hasen! Was in aller Welt will er hier? „Hans, es ist Besuch für dich da, wo soll ich ihn hinführen?“, ruft Frau Elisabeth in die Werkstatt.

„Lasst mich nur immer in die Werkstatt“, bittet der Gast. „Ich möchte mein Bild sehen, ich kann es nicht mehr aushalten ohne dieses Bild. Wo ist es? Zündet bitte die Kerzen an, in Eurer Werkstatt ist es recht finster.“

„Guten Abend, Euer Gestrengen“, sagt Holbein. „Ich heiße Euch willkommen, wenn mich Euer Besuch auch überrascht. Hier ist Euer Bild!“ Meyer zum Hasen verschränkt die Arme. Er sieht auf das Bild, als prüfe er die Reihen der Stadtsoldaten, die er zu befehligen hat. Jakob Meyer zum Hasen – nomen est omen! Ein Jahr ist es nun her, seit Basels streitbares Stadtoberhaupt mit zweihundert Bewaffneten nach Lyon aufbrach, um sich dort dem französischen Heer anzuschließen. Gemeinsam wollten sie gegen die Mailänder zu Felde ziehen. Jakob Meyer zum Hasen – ein Feldherr in der Schlacht! Aber kurz hinter Basel wartete ein französischer Bote auf die Schweizer. „Wir brauchen eure Hilfe nicht mehr, Bürger von Basel. Wir haben jetzt einen anderen Schlachtplan.“ Der Bote stieg vom Pferde und führte es am Zügel hin und her. Meyer zum Hasen aber blieb auf seinem Pferde sitzen, das unruhig weiterdrängte. „Irrt Ihr Euch auch nicht, Monsieur? Gilt Eure Botschaft wirklich mir, Jakob Meyer zum Hasen, dem Bürgermeister von Basel?“

Der Franzose strich lächelnd seinen schwarzen Bart. „Nein, ich irre mich nicht. Euren Namen kann wohl niemand verwechseln. Er ist einmalig. Warum glaubt Ihr mir nicht? Warum freut Ihr Euch nicht? Ihr könnt dem Krieg und dem Tod entgehen! Meine Landsleute gäben viel darum, wenn man ihnen diesen Feldzug erließe!“

„Ja, ihr Franzosen! Ihr habt eben keine Freude am edlen Waffenhandwerk.“

Meyer zum Hasen blickte die Reihen seiner bewaffneten Schweizer Bürger entlang. Alle standen mit unbewegten Gesichtern da und ärgerten sich über den lächelnden Franzosen. Der Bote erwiderte: „Wenn ihr unbedingt kämpfen wollt, so geht doch zu den Mailändern und zum Kaiser.“

„Was liegt uns am Kaiser? Und die Italiener sind uns ganz und gar zuwider.“

Der Franzose zuckte mit den Schultern und ritt davon.

Die Schweizer lagerten bis zum späten Nachmittag in der Nähe einer einsamen Wassermühle. Die Müllersleute hatten sich versteckt, sie trauten den bewaffneten Schweizern nicht. Als die Sonne hinter dem Horizont versank, kehrte Meyer zum Hasen um. Langsam und in guter Ordnung zogen die Eidgenossen nach Basel zurück. Die zurückgebliebenen Stadtsoldaten aber ließen sofort die Tore schließen, als sie in der Ferne die Rüstungen glänzen sahen. Feinde vor der Stadt! Zornig pochte der Bürgermeister an sein eigenes Stadttor. Hinfort nannte man ihn Herrn Meyer zum Hasenpanier. Selbst der Stadtrat glaubte nicht, dass man ihn zurückgeschickt hatte. Die ehrsamen Räte saßen auf langen Bänken um ihren Bürgermeister und lächelten. Der Stadtschreiber hockte auf seinem bequemen Sessel am Tisch und schrieb auf, was der in Schweiß geratene Bürgermeister vorbrachte. Auch er lächelte und blinzelte in die Sonne, die durch die hohen Fenster schien. Grünlich schimmerten die Butzenscheiben. Das Weltgerichtsbild an der Stirnwand des Ratssaales leuchtete in tiefem Rot und Blau. An diesem schönen Nachmittag wurde Jakob Meyer zum Hasen als Bürgermeister abgesetzt. Zu allen seinen Verteidigungsreden schüttelten die Stadtväter den Kopf. Aber er wusste, woher der Wind wehte: aufsässig waren sie, widerspenstig gegen die alte Ordnung und den alten Glauben.

Kein Wunder, dass die gute alte Zeit zerbrach. Die Bauern streiften ihre Geduld ab wie ein lästiges Kleid. Sie versammelten sich unter den Fahnen der Stürmer, deren Namen plötzlich überall bekannt wurden und Entscheidungen verlangten. In Franken zog Florian Geyer vor den Bauern her, in Thüringen gar ein abtrünniger Priester, Thomas Müntzer. Was half es schon, wenn das Haupt der Baseler Gelehrten, Erasmus von Rotterdam, den Hauptketzer in Wittenberg, Martin Luther, mit scharfen Worten angriff. Auch des Erasmus Gedanken waren nicht mehr auf die alte Ordnung gerichtet. Im benachbarten Zürich war diese Ordnung schon ganz zu Fall gekommen. Der Ketzerführer Ulrich Zwingli hatte die rechtgläubigen Priester verjagt. Die Ketzer hatten alle Kirchen der Stadt erobert. Und die Bürger? Die gingen weiterhin hinein, als sei nichts geschehen. Waren sie denn wirklich von allen Heiligen verlassen? Hingen auch die Baseler Räte dem neuen Glauben an? Er aber, Meyer zum Hasen, wollte standhaft bleiben. Gerade jetzt, da er sich so gedemütigt fühlte. Er wollte mit seiner Familie unter den schützenden Mantel unser Lieben Frau flüchten. Alle sollten es sehen und ein Vorbild darin finden. Ein Bild wollte er malen lassen, so schön und fromm, dass seine Mitbürger sich daran erbauen konnten. Dem besten Maler der Stadt wollte er diesen Auftrag geben, dem jungen Augsburger Hans Holbein. Schon mehrfach hatte er ihm zu Diensten gestanden.“

Es macht Spaß durch die Zeiten zu reisen und ganz unterschiedliche Menschen treffen zu können, darunter auch solche berühmte wie eben den Maler Hans Holbein oder den Schriftsteller Ernest Hemingway. Es macht Spaß, sie und ihre Lebensumstände kennenzulernen. Und es macht Spaß, mehr über die jeweiligen Zeiten zu erfahren. Genau das ist ein Spezialgebiet von Literatur.

Viel Vergnügen beim Lesen, weiter einen schönen Herbst, bleiben Sie auch künftig weiter vorsichtig, vor allem aber schön gesund und munter und bis demnächst.

Und was Kuba angeht, da bleibt abzuwarten, wie sich die Revolution weiterentwickelt und was das heute eigentlich genau heißt: Kubanische Revolution. Und welche Hoffnung gibt es noch?

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