Delegierte der baden-württembergischen Kreisverbände der Sudetendeutschen Landsmannschaft folgten der Einladung zur diesjährigen Landesversammlung ins Haus der Heimat Baden-Württemberg in Stuttgart um neben den anstehenden Regularien turnusmäßig auch Neuwahlen durchzuführen.

Die Sitzungsleitung der diesjährigen wieder in Präsenz durchgeführten Versammlung lag in den bewährten Händen des langjährigen Vorsitzenden der Landesversammlung, Jürgen Ginzel. Er begrüßte die Anwesenden und führte in die Tagung ein. Beim Totengedenken erinnerte er an die seit der letzten Versammlung verstorbenen Landsleute. Daran anschließend übergab er das Wort an Landesobmann Klaus Hoffmann. Dieser gab einen Rückblick über die Geschehnisse der vergangenen beiden Jahre, erwähnte die im Umlaufverfahren Ende 2020 gefassten Beschlüsse der Delegierten und ging insbesondere auf die Gedenkfeier zum 4. März 1919 ein, die im Frühjahr per Videokonferenz übertragen wurde. Durch die Übertragung der Gedenkfeier im Internet sei es gelungen auch außerhalb Baden-Württembergs wohnende Interessierte für die Feier zu begeistern. So sei dies eine der wenigen Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des 4. März 1919 im Sudetenland gewesen, die mit technischer Unterstützung des Heiligenhofes, der sudetendeutschen Bildungsstätte in Bad Kissingen, durchgeführt wurde. Das Gedenken an diejenigen, die für das Selbstbestimmungsrecht ihr Leben ließen, gehört zu den zentralen Veranstaltungen der Sudetendeutschen.

Mit Spannung wurden nach der Bundestagswahl die Wahlergebnisse aus der Tschechischen Republik erwartet. Die Regierung sei abgewählt, nun müsse der tschechische Präsident verfassungskonform die nächsten Schritte einleiten. Auf Grund der Krankheit Zemans sei aber genau dieses weitere Geschehen zum Zeitpunkt der Versammlung doch noch unklar. Hierzu wird aus Prag aktuell berichtet, dass Staatspräsident Zeman die Gewinner der Wahl mit der Regierungsbildung beauftragt habe. Landesobmann Hoffmann zeigte sich optimistisch, dass eine neue Regierung zukünftig Verantwortung tragen werde und damit auch die offene Sudetendeutsche Frage eine neue Chance auf eine Antwort erhielte.

"Die Sudetendeutschen sind nach wie vor eine starke, eine agile Volksgruppe" wie er betonte. Sie sei auch nicht rückwärtsgewandt. Denn die lange gemeinsame Geschichte in Böhmen, Mähren und Schlesien wird immer zu den tragenden Säulen der Landsmannschaft gehören, diese sei das Fundament auf dem die Zukunft errichtet würde. Diese Zukunft spiegle sich insbesondere in der Grundsatzerklärung der Sudetendeutschen Landsmannschaft aus 2015 wieder, die er in seiner Rede immer wieder als Richtschnur zitierte. Die Erklärung sieht die Stärkung der sudetendeutschen Gemeinschaft und der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte sowie deren Weitergabe an jüngere Generationen an erster Stelle. Danach geht es aber um die Frage nach einer Anerkennung des gegenseitig zugefügten Unrechts und einer Heilung im "Rahmen des Möglichen". Der Pflege und Weiterentwicklung der reichhaltigen sudetendeutschen Kultur wird in der Grundsatzerklärung ebenfalls ein eigener Punkt gewidmet. Hier geht es den Sudetendeutschen darum, dass sich auf Grundlage des vorhandenen neue gemeinsame Initiativen entwickeln, die weit über den Erhalt der sudetendeutschen Kultur hinausgehen und damit diese "für die Zukunft erhalten und fruchtbar machen". Schließlich geht es der Landsmannschaft auch darum, dass Minderheiterechte geschützt und Verbrechen gegen Minderheiten und Menschenrechte weltweit geächtet werden.

Nach Feststellung der Anwesenheit und Delegiertenzahl erläuterte Vermögensverwalterin Regine Löffler-Klemsche die Haushaltszahlen des Jahres 2020. Sie bedankte sich ausdrücklich beim baden-württembergischen Innenministerium für die Coronaunterstützung, die jedoch nicht ausreichten um eine Unterdeckung im Haushalt auszugleichen. Nach Bericht der Kassenprüfer und Entlastung des Vorstands folgten Wahlen.

In geheimer Wahl wurde Landesobmann Klaus Hoffmann einstimmig in seinem Amt bestätigt. Die Delegierten bestätigten auch Stellvertreterin Waltraud Illner und wählten neu als weiteren Stellvertreter Christoph Zalder. Neu als Schriftführer wurde auch Christian Lueger gewählt. Zu Beisitzern wählten die Delegierten Ilse von Freyburg, Peter Kainz, Bruno Klemsche und Franz Longin. Regine Klemsche-Löffler wird auch in den nächsten Jahren die Kasse führen und Jürgen Ginzel als Vorsitzender der Landesversammlung fungieren. Mit Vinzenz Sliwka (Nürtingen) wurde von der Versammlung das mit Abstand jüngste Mitglied in den Vorstand aufgenommen. Mit der Wahl von Otfried Janik, Michael A. Bauer und Roland Liebl als Kassenprüfer wurde die letzten Wahlämter vergeben." Der Vorstand ist eine gute Mischung aus jungen und aus erfahrenen Landsleuten. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit in den nächsten Jahren", so der wiedergewählte Landesobmann.

Klaus Hoffmann dankte den aus ihren Ämtern ausgeschiedenen Landsleuten herzlich für deren zum Teil jahrzehntelange Mitarbeit. Zur Überraschung hatte er Ehrungen des Bundesverbandes mitgebracht. So bekamen Johann Jungbauer, Roland Liebl, Walter Heinisch, Elfriede Glassl, Marianne Bayreuther, Christoph Zalder sowie Jürgen Ginzel das Große Ehrenzeichen der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Waltraud Illner, Stadträtin Iris Ripsam MdB a.D., Regine Löffler-Klemsche sowie Bruno Klemsche die Dankurkunde des Sprechers aus seinen Händen überreicht.

Nach Verabschiedung des Haushalts 2022 stimmten die Delegierten noch einer Satzungsänderung zu. Unter Allfälliges wurde insbesondere über das Projekt Friedensglocken des Bistums Rottenburg/Stuttgart diskutiert. Man war sich einig, dass das Projekt gut gemeint sei, aber auf Seiten der deutschen Heimatvertriebenen kritisch aufgenommen würde. Die Delegierten empfahlen das Gespräch mit Bischof Dr. Fürst zu suchen.

Die Landesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft 2021 endete mit einem Dank für den regen Austausch des Vorsitzenden der Landesversammlung Jürgen Ginzel sowie einem Hinweis auf die bevorstehenden Veranstaltungen im Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg.

Über Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesgruppe e. V

Sudetendeutsche Landsmannschaft Landesverband Baden-Württemberg e.V.

Wir vertreten die im Land Baden-Württemberg wohnenden Sudetendeutschen.

Die Nachfahren jener Deutschen, die vor mehr als 800 Jahren in den sogenannten "Böhmischen Ländern", nämlich in Böhmen, Mähren und dem südlichen Teil Schlesiens (diese Länder bilden heute die "Tschechische Republik") ansässig geworden sind, wurden in diesem Jahrhundert unter dem Sammelnamen "Sudetendeutsche" bekannt.

1945/46 wurden 3,2 Millionen von den insgesamt 3,5 Millionen Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben, ihr Eigentum wurde entschädigungslos konfisziert. Konfiskation und Vertreibung waren begleitet von blutigen Exzessen. Grundlage dieser gegen Menschen- und Völkerrecht verstoßenden "ethnischen Säuberung" bildeten Dekrete, die vom damaligen tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Beneš erlassen worden waren und die heute noch gültig sind.

Rund 600 000 dieser vertriebenen Sudetendeutschen kamen nach Baden-Württemberg, wo sie sich eine neue Existenz aufbauten und in das wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben eingegliedert wurden. Sie fanden sich in zahlreichen Vereinigungen zusammen, deren Grundlage ganz verschiedenartig war: Herkunftsgebiete, politische oder kulturelle Interessen, Freizeitgestaltung, berufliche Gemeinsamkeiten und manches mehr.

Jeder 15. Einwohner Baden-Württembergs ist Sudetendeutscher. Heute gibt es in Europa und Übersee insgesamt rund 3,8 Millionen Sudetendeutsche. Rund 600 000 von ihnen kamen im Zuge der Vertreibung aus ihrer Heimat nach dem 2.Weltkrieg nach Baden-Württemberg. Gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung trugen sie in der Nachkriegszeit zum Wiederaufbau des Landes bei. Durch ihre Stimmabgabe bei der Volksabstimmung 1952 waren sie wesentlich am Zustandekommen des "Südweststaates" beteiligt. Die für Baden-Württemberg kennzeichnende Ausgewogenheit zwischen großen Weltfirmen, Mittel- und Kleinbetrieben hat die wirtschaftliche Eingliederung der Sudetendeutschen und die Gründung neuer Werke und Fabriken durch sudetendeutsche Unternehmer in besonderem Maße erleichtert. Stellvertretend dafür seien genannt die Autofirma Porsche in Stuttgart, die Wiesenthal-Glashütte in Schwäbisch Gmünd, die Aluminium-Hütte Grohmann in Bisingen,die Maschinenfabrik Panhans in Sigmaringen, die Papierwerke Zechel in Reilingen,das Pharmawerk Merckle in Blaubeuren, dazu zahlreiche weitere mittlere und kleinere Betriebe.

27 Städte und Gemeinden Baden-Württembergs übernahmen Patenschaften über sudetendeutsche Kreise, Gemeinden und Landschaften. Insgesamt 24 kulturelle sudetendeutsche Einrichtungen – wissenschaftliche Gesellschaften, Archive, Büchereien, Sammlungen, Heimatstuben – wurden durch eigene Kraft der Sudetendeutschen und mit Hilfe öffentlicher Stellen in Baden-Württemberg aufgebaut.

Aus dem kulturellen Leben des Landes sind manche Namen von Sudetendeutschen nicht mehr wegzudenken, wie z. B. der Bildhauer Prof. Otto H. Hajek, die Tänzerin Birgit Keil, die Komponisten Karl-Michael Komma und Widmar Hader, der weltbekannte Posaunist Armin Rosin, die Dirigenten Wolfgang G. Hofmann und Emmerich Smola, die Malerin Traude Teodorescu-Klein oder der Dichter und Schriftsteller Josef Mühlberger – um nur einige wenige stellvertretend zu nennen.

Das Sudetenland im Vergleich zur Fläche einzelner deutscher Bundesländer

Bayern 70550 km2
Baden-Württemberg 35750 km2
Sudetenland 26500 km2
Hessen 21100 km2
Schleswig-Holstein 15700 km2
Saarland 2600 km2

Die kulturelle Verflechtung der Sudetendeutschen mit den übrigen deutschen Ländern und Landschaften ist seit Jahrhunderten eng und vielgestaltig.

Beispiele sind: Der schwäbische Baumeister Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd, der im 14. Jahrhundert u. a. den Veitsdom in Prag erbaute, oder der aus dem Egerland kommende Barockbaumeister Balthasar Neumann, der nicht nur die Würzburger Residenz, sondern z. B. auch berühmte Treppenhäuser in Brühl und Bruchsal schuf. Auch andere Namen, herausgegriffen aus einer großen Zahl, beweisen den lebendigen Anteil, den die Deutschen aus den böhmischen Ländern am geistigen Leben des gesamten deutschen Volkes hatten und haben: Der Komponist Johann Wenzel Stamitz aus Deutsch-Brod beispielsweise, der später in Mannheim wirkte, Vinzenz Prießnitz und Johann Schroth, die großen Naturheiler, der Brünner Abt Gregor Mendel, dessen Vererbungslehre zur Grundlage moderner Genetik wurde, die Friedensnobelpreis-Trägerin Bertha von Suttner, die Dichter Rainer Maria Rilke, Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, die Maler Alfred Kubin oder Ferdinand Staeger, aber auch die Bamberger Symphoniker, die nach der Vertreibung aus den "Prager Deutschen Philharmonikern" hervorgegangen waren, oder auch der Schriftsteller Otfried Preußler aus Reichenberg, dessen "Räuber Hotzenplotz" und "Kleine Hexe" heute Millionen Kinder und Erwachsene erfreuen.

Die Organisationen der Sudetendeutschen spiegeln in ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit das Leben und die Interessen der Angehörigen dieser Volksgruppe wider. Im politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, beruflichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich gibt es sudetendeutsche Zusammenschlüsse, aber auch auf Generationsebene und im Bereich der Freizeitgestaltung.

In Baden-Württemberg gibt es heute 27 größere sudetendeutsche Vereinigungen, von denen viele noch Untergliederungen auf Orts- und Kreisebene haben.

Mehrere sudetendeutsche Zeitschriften werden in Baden-Württemberg herausgegeben, ebenso haben verschiedene sudetendeutsche Stiftungen, Institute und Gesellschaften ihren Sitz in diesem Lande.

Die Sudetendeutschen im Vergleich zur Einwohnerzahl verschiedener Staaten

Norwegen 4,1 Mio
Sudetendeutsche 3,8 Mio
Irland 3,3 Mio
Albanien 2,7 Mio
Luxemburg 0,36 Mio
Island 0,23 Mio

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