Heute gibt es etwas zu feiern! Und zwar den diesjährigen Welttag des Buches – also eigentlich ist es ja erst morgen soweit – aber Sie können ja schon mal ein bisschen vorfeiern. Der seit 1995 jährlich am 23. April gefeierte Welttag des Buches geht auf einen katalanischen Brauch zurück, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg Rosen und Bücher zu verschenken.

Es ist gut, dass auch in modernen Zeiten ein Fest der Rosen, der Bücher und des Lesens gefeiert wird, denn Bücher können sehr viel zum Erwerb von Können und Wissen, zum besseren Kennenlernen eigener und fremder Kulturen, zu Menschlichkeit und Völkerfreundschaft beitragen. Zwar können Bucher keine Kriege verhindern, aber sie können vielleicht friedlichere Gedanken in die Welt tragen und neben vielen anderen Vorzügen auch zum Denken anregen. Wer liest, der versteht mehr von der Welt und wird zum Entdeckungsreisenden – auch anderer literarischer Kontinente.

Und natürlich kann man am Welttag des Buches auch E-Books lesen. Auch in diesem Newsletter sind fünf aktuelle digitale Sonderangebote im Angebot, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 22.04. 22 – Freitag, 29.04. 22) zu haben sind. Vier davon stammen von ein- und demselben Autor, dem Leipziger Schriftsteller Volker Ebersbach, der wiederum zu äußerst anregenden literarischen Reisen durch Welten und Zeiten einlädt. Die erste Reise führt in die Antike: Vier römische Autoren stellt er in seinem Essay „Rom und seine unbehausten Dichter“ näher vor.

Um eine Annäherung an einen der berühmtesten klassischen Philologen und Philosophen des 19. Jahrhunderts geht es in seiner Erzählung „Nietzsche in Turin“.

Eine spannende Spurensuche präsentiert der Essay „Lilith – oder: Wie kam die Untreue in die Welt?“, der auch als ein Kommentar zur aktuellen Diskussion zur Geschlechterfrage gelesen werden kann.

Köstliche Perlen finden sich reichlich“ ist der Titel eines Kügelgen-Breviers.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. Und leider geht es wieder einmal um das traurige Thema Krieg. Ein Thema, das uns seit ein paar Wochen wieder beschäftigt – genauer gesagt von dem Veröffentlichungsdatum dieses Newsletters aus gesehen 58 Tage – seit dem 24. Februar dieses Jahres tobt ein im 21. Jahrhundert nicht mehr für möglich gehaltener heißer Krieg in der Ukraine, der viele Gewissheiten und Grundüberzeugungen auf den Kopf und außer Dienst gestellt hat. Und wieder sind tragische Schicksale und viele Opfer zu beklagen – Geflüchtete, Verwundete und Todesopfer – auf beiden Seiten. Und mancher befürchtet wie zum Beispiel der grüne Spitzenpolitiker und Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union, Anton Hofreiter, sogar einen Dritten Weltkrieg: Je länger sich der Krieg hinziehe, desto größer werde die Gefahr, „dass weitere Länder überfallen werden und wir dann am Ende in einen erweiterten de facto Dritten Weltkrieg rutschen“, erklärte Hofreiter Mitte dieser Woche.

In diesem Zusammenhang ein Blick zurück in das vorige Jahrhundert, das auch als Jahrhundert der Katastrophen bezeichnet wird, auf den Zweiten Weltkrieg und seine Schrecken:

Erstmals 2015 veröffentlichte Liselotte Pottetz im Verlag Studio „mirwal ART“ Walbrzych „Lasst uns ihrer gedenken! Schicksale von Opfern des Zweiten Weltkrieges in Briefen und Erinnerungen von Zeitzeugen“, mit dem sie an ihr erstmals zwei Jahre zuvor erschienenes Buch „Welcher Heimat gehört unser Herz?“ anknüpfte. Zu ihrem Anliegen sagte die Autorin:

„Meine Vision

Eigentlich könnte ich mich nach diesem Erfolg zurücklehnen, nach Lust und Laune den Tag gestalten und mich nicht stundenlang am Computer mit der neuen Technik herumplagen. Aber so bin ich nun mal. Ich trage mein Herz auf der Zunge und verrate Ihnen jetzt meine Vision.

Unser historisches Mügeln könnte ein idyllisches Städtchen sein. Wenn, ja wenn … es nicht im Dornröschenschlaf versinken würde und viele Gebäude nicht dem Verfall preisgegeben wären.

Die Jugendlichen haben hier so gut wie keine Perspektive, gehen nach „drüben“, um eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz zu finden. „Wenn ich einmal reich wär‘, …“ setzte ich mich dafür ein, dass aus dem im 12. Jahrhundert erbauten Schloss „Ruhethal“, dem ehemaligen Sitz der Meißener Bischöfe, das zu DDR-Zeiten die Lehrlinge des Volkseigenen Gutes beherbergte, ein Internat für ausländische Schüler und Studenten, welche ihre Deutschkenntnisse vervollkommnen wollen, errichtet würde.

Die Intensivkurse für Deutsch könnten in der nur wenige Meter davon entfernten, aufs modernste renovierten Goetheschule stattfinden.

An Räumlichkeiten und Lehrkräften mangelte es nicht.

Das Erlernen der deutschen Sprache könnte man mit dem Bekanntmachen der Geschichte Sachsens und dem Besuch der einmaligen Gedenkstätten verbinden.

Exkursionen nach Dresden, Meißen, Leipzig, Oschatz, … böten sich an. In ferner Zukunft ließe sich ein Reiterhof realisieren. Genug geträumt!

Tatsache ist: Unsere jungen Menschen lieben ihre Heimat. Wie lange wird die Einwohnerzahl rückläufig sein?

Ich werde mich jetzt der Mühe unterziehen und das wertvolle historische Material aus dem 2.Weltkrieg (Dokumente, Briefe, Zeitzeugenberichte, Fotos, Zeichnungen …), das mir die Leser meines Buches zur Verfügung gestellt haben, für Sie sammeln und aufschreiben.

Wer aufmerksam liest, wird begreifen, dass auch Millionen Deutsche unschuldige Opfer des barbarischen Krieges wurden.

Die nachkommenden Generationen dürfen nicht ewig die Last eines „Tätervolkes“ tragen müssen.

"Geschichte ist nicht das Geschehene, sondern das von dem Geschehenen Überlieferte."

Von wem dieser Ausspruch stammt, wusste der ehemalige Pfarrer aus Breslau, Herr Lischke, jetzt wohnhaft in Zerbst, der mir als Leser meines Buches herzlich verbunden ist, nicht mehr. In ihm steckt viel Wahrheit.

Herr Pfarrer Dr. A. H. schrieb in einem gut durchdachten, für mich erfreulichen Brief u.a.: „Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen und finde es höchst beachtenswert, dass Sie dieses Thema öffentlich machen. Es gibt mittlerweile zwar reichlich wissenschaftliche Literatur über diese Ereignisse, aber für viele Menschen, die keine historischen Fachbücher lesen, ist eine solche Veröffentlichung wichtig ….

Beachtlich ist Ihr Versuch, einen Überblick über Vertriebenenschicksale aus ganz Osteuropa zu geben, auch wenn das in dieser Kürze etwas fragmentarisch bleibt ….

Ich würde dem Buch wünschen, dass es von Schulkindern im Geschichtsunterricht gelesen wird – oder von Konfirmanden im Konfirmationsunterricht …“

Verblüffend, wie haargenau Herr Dr. A. H. mein Anliegen durchschaut hat. Auch mein zweites Buch „Lasst uns ihrer gedenken!“, mit dem ich aus Anlass der 60. Wiederkehr des „Tages der Befreiung vom Hitlerfaschismus“ (8. Mai 2005) die 55 Millionen Toten ehren will, kann nur ein kleiner „fragmentarischer Versuch“ sein.

Wieder werde ich in keinen Archiven grasen oder historische Schriften wälzen.

Winzige „teure“ Andenken, mal ein Foto, mal eine Zeichnung, mal ein Feldpostbrief …, die den Angehörigen von ihren Lieben übrig geblieben sind, sollen uns einen Einblick geben, was Menschen, die ihr Leben in diesem schrecklichen Krieg opfern mussten, durchlebt, gedacht und gefühlt haben.

Mit der Sammlung „Briefe aus dem Krieg“ möchte ich beginnen.

Es bedurfte großer Überredungskunst meinerseits, bis Herr Hans-Ludwig Weidlich, der Erzähler der Geschichte "Breslau – die Stadt meiner Kindheit", bereit war, die Briefe seiner geliebten vermissten oder gefallenen Familienangehörigen zur Veröffentlichung bereitzustellen.

Beim Lesen empfand ich sie dermaßen nachhaltig beeindruckend und aufschlussreich, dass ich sie unbedingt der Nachwelt erhalten wollte.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters:

Erstmals 1985 veröffentlichte Volker Ebersbach im Mitteldeutschen Verlag Halle – Leipzig die Essay „Rom und seine unbehausten Dichter“: Wer die römische Literatur nur als eine lateinische Variante oder Nachahmung der griechischen auffasst, übersieht das Besondere an ihr: Während sie reift, gerät die antike Sklavenhalterordnung in ihre umfassendste ökonomische und gesellschaftliche Krise. Die Mythen der Griechen, ihre humanistische Dichtung und Philosophie, ihre Staatslehren prägen Begabung, Kunstsinn und Denken von Dichtern, deren Klasse die Gipfel ihrer Macht bereits überschritten hat. Republikanische Gesinnung muss sich mit zunehmend monarchischen, autoritären Machtformen auseinandersetzen. In den Essays dieses Bandes weist der Autor das detailliert nach und vermittelt ein Bild vom Leben und Wirken der Dichter Catull, Vergil, Ovid und Petronius. Eine spannende Lektüre. Hier Auszüge vom Beginn dieses lesenswerten Essay-Bandes, der zugleich eine Gesellschaftsbeschreibung des Römischen Reiches ist:

Vorbemerkung

Wer die römische Literatur nur als eine lateinische Variante oder Nachahmung der griechischen auffasst, übersieht das Besondere an ihr: Während sie reift, gerät die antike Sklavenhalterordnung in ihre umfassendste ökonomische und gesellschaftliche Krise. Die Mythen der Griechen, ihre humanistische Dichtung und Philosophie, ihre Staatslehren prägen Begabung, Kunstsinn und Denken von Dichtern, deren Klasse die Gipfel ihrer Macht bereits überschritten hat und nach „starken Männern“ ruft. Republikanische Gesinnung muss sich mit zunehmend monarchischen, autoritären Machtformen auseinandersetzen. Catull genießt die Freizügigkeit verworrener politischer Verhältnisse. Vergil hofft, die neue Herrschaftsform mit dichterischem Wort vor Willkür warnen und auf Menschlichkeit verpflichten zu können. Ovid, schon enttäuscht, scheut jede Auseinandersetzung mit ihr und endet dennoch in der Verbannung. Petronius, der erste antike Dichter mit dem Blick für soziale Verhältnisse, hat das Gespenst des Unterganges gesehen und verspottet seine Zeit einschließlich ihrer moralisierenden „Zeitkritik“.

Das gespannte Verhältnis dieser Dichter zu den Machtgaranten ihrer Klasse ist ebenso ein Stück Kulturgeschichte wie das Gebaren der Herrscher selbst, die immer brutaler werden, je mehr ihnen die sozialen und ökonomischen Spannungen ihres Weltreiches entgleiten, die ihre Vorrechte zu übersteigertem, parasitärem Lebensgenuss missbrauchen, statt sie für das Gemeinwohl einzusetzen. Diese Essays versuchen zu zeigen, wie eine Literatur tragisch auf verlorenen Posten gerät, wenn die Klasse, aus der ihre Dichter kommen, sich von ihren eigenen Werten löst und ihre Machtinstitutionen keiner Aufgabe treu bleiben außer der, sich selbst zu erhalten. Gestützt auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, bringen sie nach einer bewährten essayistischen Tradition, indem sie nur Quellen zitieren und, was die Quellen nicht hergeben, durch andere historische Befunde und glaubwürdige Vermutungen ergänzen, die dem Verfasser eigentümliche Sicht der Zusammenhänge zur Sprache.

Leipzig, im August 1984

Volker Ebersbach

Cäsaren zwischen Mars und Venus

  1. Was Jupiter erlaubt ist …

Ein geflügeltes Wort behauptet, was Jupiter erlaubt sei, sei dem Rindvieh nicht erlaubt. Zwischen dem höchsten Gott der Römer und dem Tier spart es den Menschen aus, als ließe es offen, welchem er näher stehe. Es folgt einer Rangordnung der Wesen nach Fähigkeiten und Begabungen und leitet davon ab, was sich einer herausnehmen dürfe. Jupiter darf alles, das Rindvieh nichts, der Mensch einiges. Aber von jeher waren es Menschen, die anderen Menschen vorschrieben, was sie durften. Gesellschaften, in denen die Menschen nicht gleich sind, erkennen sich in solchen Worten wieder.

Die Mythen der antiken Götterwelt lassen uns in die Herzen der Menschen spähen, die sie erdachten oder daran glaubten, sie als Spiegel oder für ihre Politik benutzten. Zeus, dem die Römer ihren Jupiter gleichsetzten, als sie sich die Kultur der Griechen aneigneten, galt in geschichtlicher Zeit als besonnener, maßvoller und gerechter Herrscher des Olymp, als „Vater der Menschen und Götter“. Sein Walten war ein Muster für irdische Herrscher. Der Mythos allerdings wusste von einer blutigen Vorgeschichte. Sein Großvater Uranos, Vater abscheulicher Wesen wie der Titanen, Giganten und Kyklopen, wurde von seinem eigenen Sohn Kronos mit scharfgezähnter Sichel entmannt. In Furcht vor einem stärkeren Nachfahren verschlang Kronos alle Kinder, die ihm seine Gattin Rheia gebar. Nur Zeus, der Jüngste, wuchs, von der Mutter verborgen, in einer Grotte am Berg Dikte auf Kreta heran. Erwachsen zwang er den Vater, die verspeisten Geschwister wieder auszuspeien. Mit ihrer Hilfe stürzte er Kronos in den Tartaros, den peinvollsten Ort der Unterwelt, und führte einen unbarmherzigen Krieg gegen die Brut des Uranos. Als er unangefochten über den Olymp und die Welt gebot, begnadigte er Kronos, den die Römer als Saturn verehrten, zu einer milden Verbannung und setzte ihn als Herrscher über ferne, glückselige Inseln. Mit seinen Geschwistern und Kindern lenkte der Göttervater fortan die Geschicke der Welt.

In seinen Liebschaften behielt er sich vor, zu tun, was er wollte. Er verführte Göttinnen und zeugte neue Götter. Verführte er Sterbliche, so zeugte er Halbgötter, die zu Eltern von Heroen und Heroinen wurden. Mit Genealogien, die bis zu ihnen zurückreichten, begründete der antike Adel seine Vorrechte. Ares, der Kriegsgott, bei den Römern Mars, war ein eheliches Kind der göttlichen Geschwister Zeus und Hera. Aber die Liebesgöttin Aphrodite, bekannter unter ihrem römischen Namen Venus, zeugte der Göttervater mit einer anderen. Vielleicht war es priesterlicher Ordnungssinn, der hier Unklarheit stiftete: Dione, Aphrodites Mutter, galt auch als eine erste Gemahlin des Zeus. Eine andere Überlieferung wollte, dass die Liebesgöttin unter dem Namen Urania aus einem der Blutstropfen stammte, die bei der Entmannung des Uranos ins Meer fielen. Daher wurde ihr nachgesagt, sie sei aus dem Schaum des Meeres geboren. Da die Götter eine ewige Jugend genossen, bedeutete es nichts, wenn man sie damit als Tante des Göttervaters ansehen musste. Aber wer den obersten Gott reinwaschen wollte, kam nicht weit: In zahlreichen Verwandlungen, die seine Schwestergemahlin Hera, bei den Römern Juno, täuschen und den Widerstand der Erwählten brechen sollten, bestand Zeus eine lange Reihe von Liebesabenteuern, und sosehr er dem Prometheus die Menschenliebe verargte – er selbst stellte gern Sterblichen nach. Als Goldregen zeugte er mit Danae den Helden Perseus, als Schwan bescherte er der Welt im Beilager mit Leda die verhängnisvoll schöne Helena, als Stier entführte er Europa, die ihm Minos, den mythischen Kreterkönig, gebar, darauf Rhadamanthys, den Richter der Unterwelt, und Sarpedon, den Helden und König, der auf den Schlachtfeldern vor Troja wütete. Hera rächte sich, indem sie die Rivalinnen verwandelte: Kallisto wurde zur Bärin, Io zur Kuh. Zeus konnte immer wieder werden, der er war; seine sterblichen Geliebten konnten es nicht.

Aphrodite wurde mit Hephaistos verheiratet, dem arbeitsamen, rußigen, hinkenden Feuergott und Waffenschmied der Olympier. Während der Feuergewaltige mit Hammer und Amboss beschäftigt war, ließ sie sich von Ares besuchen. Von ihm empfing sie den geflügelten Eros. Bei den Römern hieß das Kleeblatt Venus, Vulcanus und Mars. Der übermütige Sprössling mit Pfeil und Bogen nannte sich Amor (Liebe) oder Kupido (Liebesverlangen). Lag Mars bei Venus, ruhten auf Erden die Waffen.“

Erstmals 1994 veröffentlichte Volker Ebersbach im Hans Boldt Verlag Winse/Luhe und Weimar (Weimarer Reihe) seine Erzählung „Nietzsche in Turin“: Nahe am inneren Monolog, aber nicht in der Ich-Form, und mit eingeschmolzenem authentischem Wortmaterial werden die letzten Monate vor Nietzsches geistigem Zusammenbruch erzählt – der Abschied vom Oberengadin, sein Herbst 1888 in Turin und die ersten Verwirrungen (November 1888 bis Januar 1889). Wir erleben Nietzsches Krankheitsqualen, seine Hoffnungen auf Gesundung und seine Genugtuung über erste Anzeichen einer europäischen Anerkennung, spüren seine Erbitterung über die Beschränktheit der Mutter und den Antisemitismus der Schwester, erfahren den Rebellen gegen eine vom Christentum geprägte Geisteswelt in der Arbeit an seinen spätesten Schriften. Hier der Einstieg in diesen explodierenden Dynamit-Text:

I. ZEUS

Die Nächte blieben in seinem Kopf hell von der reinen scharfen Lichtwelt der Berge. Der September hatte Schnee zwischen die Gipfel des Oberengadin gejagt. Die firnigen Flanken stachen ans dem Luftkristall grell in seine Träume. Meist gegen zwei Uhr trieb ihn Durst ins eisige Dunkel zurück. Es war die Stunde, zu der ein Einsiedler sagt: Horch, jetzt hört die Zeit auf! Er tastete nach Karaffe und Glas. Oft hielt ihn Kopfschmerz wach, bis es grau und faulig dämmerte. Dann ging er hinunter, wärmte sich einen Kakao. Ein Gedanke, hingekritzelt, zog andere nach. Eine Stunde schrieb er oder zwei, die kurzsichtigen Augen dicht am Papier, dem Knacken im Holz nachhorchend.

Manchmal aber zog ihn ein feines Sirren in den Ohren sofort wieder in den ätherischen Glanz, in dem nichts geschah, in diese diffuse Erleuchtung, die Bilder sogleich auflöste. So zerrannen ihm Träume im Erwachen. Nur der Glanz blieb, der seinen Augen früher so wehgetan halte.

Selten haftete ein Traum. Einmal kam der Glanz durch die kreisrunde Öffnung einer gewaltigen Kuppel, die eine von Streulicht erfüllte Halle überwölbte. In den Nischen schimmerten marmorn die Götter der Alten, die sieben Hüter des Himmelsgewölbes, die Planetengötter Zeus, Kronos, Ares und Aphrodite, Hermes, Helios und Selene. Inmitten der Rotunde saß auf erhöhtem Sessel, in golddurchwirktem Gewand, auf dem Haupt nur die einfache liturgische Mitra, der Bischof von Rom, Bonifatius lV., einer der frühen Päpste. Seine Rechte ruhte auf der kostbar gebundenen, mit Edelsteinen und goldenen Spangen besetzten Heiligen Schrift, die Linke stützte sich auf einen langen Stab, der zu einem schweren, in Bronze getriebenen Kruzifix auslief. Der Träumende war angewiesen, mit seinen Bauleuten jede der heidnischen Statuen vom Sockel zu holen und vor den Füßen des Heiligen Vaters mit schweren Eisenhämmern zu zerschlagen.

So geschah es. Der Bischof rief die Götzen, denen die Bücher der Heiden sieben wandelnde Gestirne zugeordnet hatten, gleichsam vor sich bei ihren lateinischen Namen. Die Bauleute schlangen Seile um die Gliedmaßen und Hälse, deren wächsernes Weiß den einfallenden Glanz aufsaugten, und rissen die Götter von ihren Sockeln. So fiel Luna, die Mondgöttin, die den Müllern beistand, wenn die Stunde des Gebärens kam, so fiel Sol, der Lenker des Sonnenwagens, ohne den die Erde kahl und finster wäre, so fiel Merkur, der flügelfüßige Bote der Unsterblichen, der redlichen wie unredlichen Erwerb beschützte und mehrte und wahre Worte wie auch die Überredungskunst des Schmeichlers begünstigte, so fiel Venus, die den Frauen Schönheit und Fruchtbarkeil gab und die Liebenden beseelte, so fiel der waffenklirrende Mars, der den Mut zum Streit weckte und das Kriegsglück lenkte, so fiel Saturn, Jupiters Vater, der voreinst ein goldenes Zeitalter regiert hatte und seit seinem Sturz auf den Inseln der Seligen weilte.

Und immer wenn die Hämmer niedergepoltert waren, hatte der Träumende, der den Takt der Schläge vorzählte, eine sonderbare Wahrnehmung: In den Widerhall aufprallenden Eisens, der die Kuppel erfüllte, mischte sich ein fernes, feines Sirren. War es das Schwirren der Schalen, die sich, wie die Pythagoreer meinten, aneinander rieben, je ein Gestirn über das Himmelsgewölbe führend, jene geheimnisvolle Musik der Sphären, verzerrt durch die Fernen des Baumes?

Da lag das kolossale, mit Gold und Glasfluss ausgelegte Bildnis Jupiters, des allgewaltigen, wolkenballenden, blitzeschleudernden, donnergrollenden, regenbringenden Himmelsbeherrschers dem obersten Priester der Christenheit zu Füßen, die weißen Gliedmaßen sperrig und wie verkrampft, wie in verzweifeltem Ringen erstarrt, die meisterliche Arbeit des Bildhauers lächerlich preisgegeben.

Doch als die Götzenhämmer wieder trafen, unterbrach sich der Zählende und gebot Einhalt. Jener Nachhall klang wie das Stöhnen gequälter Menschen, es war ein Wimmern, die zarte Klage wehrlos hingenommener Marter. Der Bischof von Rom befahl ungeduldig, die Arbeit fortzusetzen. Erneut schwangen sehnige, behaarte Arme die Hämmer, Eisen prallte auf splitternden Marmor. Der Leib des Göttervaters barst mit trockenem Krachen, seine Gliedmaßen sprangen in Stücke, seine Insignien jagten über den steinernen Boden. Aber nun unterbrachen auch die Bauleute den Gleichklang der Schläge, horchten: Die geweiteten Augen der Lauschenden richteten sich auf den Stab des Papstes, auf den bronzenen Leib des Gekreuzigten, der mit gebreiteten Annen und geschlossenen Augen litt: Dorther kamen die Laute.

Weder der Bischof von Rom noch sein Gefolge schienen sie zu hören. Weiter! beharrte der schmallippige Mund. Bei jedem neuen Hammerschwingen zuckte der Träumende zusammen, als träfe es Ihn selbst. Das Wimmern klang immer höher, und die Wehelaute schwollen an, Klagerufe Gefolterter, Leidensschreie der Märtyrer, ein Chor des Erbarmens aus den Kehlen der Engel. Sie zerrten an seinem Herzen. Er hielt sich die Ohren zu und brüllte: Nein, nein, nein! Schon lag dieses letzte Götterbild vollkommen in Trümmern, seine leeren Augen starrten hinauf in die Öffnung der Kuppel, als schickten sie den letzten Seufzer des Gekreuzigten ins einflutende Licht. Aber der Pontifex maximus, der das Vorzählen des Taktes übernommen hatte, zählte weiter mit gebieterisch donnernder Stimme. Wurden da nicht lebendig zuckende Leiber blutig in Stücke gehauen? Der Träumende sah nichts mehr vor Tränen. Er krümmte sich in heiligem Schauder – Nietzsche erwachte in lautem Schluchzen.

Die Kerze, weit heruntergebrannt, spiegelte sich in der Nacht des Fensters. Hieß das: mit dem Hammer philosophieren? Gott ist tot. An seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben. Und was könnte ich schaffen, wenn es Götter gäbe? Woher noch frommer Gehorsam! In mir selber steckt eine Priesterseele, dachte er, während er Wasser trank, kaltes, klares Wasser aus diesen Bergen, das ihm das Salz des Schinkens aus dem geschwollenen Zahnfleisch spülte. Ich bin priesterlich durch und durch! Nur darum ist keiner so geeignet wie ich, den Priester zu entlarven, in einer Vivisektion alle Falten seiner Seele zu zerlegen und noch aus den letzten Verkippungen den Schmutz ans Licht zu befördern: Ein Judas des pfäffischen Instinkts!

Er wusste: Sein Mitleiden saß tief, eine Gefahr vom Vater her, vielleicht hereditär wie das Kränkeln des Kopfes und der Eingeweide. Solche wie ich dürften nicht leben, halte er schon gedacht. Mir fehlt nicht nur Gesundheit, sondern auch ihre Voraussetzung. Einem wie mir sollte man den Gnadentod gönnen. Warum tu ich‘s nicht selber? Warum warten auf den erlösenden Gehirnschlag? Sich selber durchstreichen! Das wäre noch achtbar. Wer sonst als ich wäre der hässlichste Mensch und der Mörder Gottes? Das Leben verachten! Kann man tiefer sinken? Mein Leben hat keine Rechtfertigung als: Lebenden die Gefahr zeigen, die ich in mir selber spüre. Ich bin der decedent und sein Gegenteil, der letzte Mensch – und seine Überwindung. Ach, die alte, leidige Doppelgängerei.

Was sollte er künftigen Geschlechtern sagen, wenn er sie bemitleidete für das, was ihnen bevorstand? Wohlan! Große Priester sind auch immer Erhalter der Menschheit. Sie lehren den Bauern, wann er säen muss, sonst vertrödelt er die beste Zeit mit einem Liebchen in der Vorratskammer. Sonst ist da nichts als Armut und Schmutz und erbärmliches Behagen. Und sie vergiften sich an ihrem eigenen Schmutz. Alte Tafeln zerbrechen, neue schaffen! Wir horchen die Götzen aus, denen wir dienen im Angesicht des Volkes.

Seit er Dostojewski gelesen hatte, die Aufzeichnung aus einem Totenhaus, sah er in dem, was er dachte, kommendes Unheil: Nicht wie irgendein Sterngucker allgemein Feuer, Seuchen, Vernichtung jeglicher Art, sondern Straflager, elend herumziehende Massen beleidigend hässlicher Menschen. Grauen war über ihn gekommen, hilfloses Grauen. Mitleid, lähmendes Mitleid. Jammer, konvulsivisch die Glieder schüttelnder Jammer. Ich muss das wollen, hatte er gestöhnt, sonst bringt es mich um! Was geht mich fremdes Elend an! Ich habe ein Chaos in mir, aus dem die Zukunft schlüpft. Meine Gedanken haben gesehen, was die Welt tun wird. Was hätte ich ihr wohl zu sagen, wenn ich das unterschlüge? Man wird mich zum Anstifter des Schrecklichen erklären. Aber es ist nicht auszuhallen, das Wissen um das, was über uns kommt, ohne seine Notwendigkeit hinauszuschreien. Der Hammer muss reden! Diamanten statt Kohle.

Er schrieb. Selige Einsamkeit des Schaffens. Wirkenwollen? Missverstandenwerden! Bestenfalls Schweigen. Unten knarrten Dielen, dann die Tür. Herr Durisch verließ das Haus. Er ging auf Gemsenjagd. Das Wetter wurde meistens schön, wenn der Vermieter, der Gemeindepräsident von Sils, frühmorgens mit dem Gewehr in den Lärchenwald stieg, unter seinem Fenster vorüber, wo bei der Ankunft im Juni noch ein Schneehaufen gelegen hatte, Rest einer Lawine. Ich jage heute auch, was über Felsspalten springt und in Schneefeldern haust. Wie die Worte zueinanderfinden! Das ist mein Leben. Das Leiden ist Abfall des Daseins. Jeder Satz des Zarathustra mit einem Tag Kopfschmerz, einer Nacht Dysenterie bezahlt! Mit Bismuth und Dowerschem Pulver. Aber der Schmerz, der heilige Schmerz! Lehrmeister des großen Verdachts! Er macht hart, und der Schaffende muss hart sein, die Hand auf Jahrhunderte drücken wie auf Wachs, auf dem Willen von Jahrtausenden schreiben wie auf Erz.

Es klopfte. Tageslicht fiel auf die braun-blaugrüne Tapete, die selbstgewählte. Adrienne brachte, bevor sie zur Schule ging, den Tee. Wie ist das Befinden, Herr Professor? Leidlich. Wie gut es ihm heute geht, weiß Soenneckens Rundschriftfeder, die ihm der Ortslehrer für seine zitternden Hände empfahl, als Der Fall Wagner von Naumann, Leipzig, zurückgekommen war mit der Bemerkung: Unleserlich. Er kennt eine Stimmung, für die andere Alkohol brauchen. Worte laufen aufs Papier, die irgendwo schon geschrieben sind, in der Ewigkeit, in jener aphoristischen Ewigkeit, die, jenseits der Zeit, kein Vorher und kein Nachher, kein Zuletzt und kein Zuerst kennt, in der alles wiederkehrt, weil es immer schon da war.“

 

Erstmals im Jahre 2000 erblickte der Essay „Lilith – oder: Wie kam die Untreue in die Welt?“ von Volker Ebersbach als Sonderdruck aus „Frauen im Mythos“, Herausgegeben von Georg Schuppener und Reiner Tetzner, Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie das Licht der Welt: Der ursprüngliche Text der biblischen Schöpfungsgeschichte kennt eine andere Frau, die vor Eva die Gattin Adams war, die ihn aber zornig verließ, weil sie die Gleichrangigkeit, die sie beanspruchte, nicht bekam. Der Essay ist ihrer Verwurzelung in altorientalischen Mythen auf der Spur und versucht ihre Dämonisierung zu erklären. Begeben wir uns auf die spannende Spurensuche:

1. Geschlecht als Schicksal

Schöpfungsmythen verschiedener Kulturkreise erzählen von einem ersten Menschenpaar. Das bekannteste ist Adam und Eva. Der Mythos über die Sintflut, die alles Leben vernichtet bis auf die Einzelexemplare, die Gott selbst auswählt, gibt Noah bereits außer seiner Frau ihre Söhne Sem, Ham und Japhet, Stammväter für die Völkergruppen der Alten Welt, und deren Ehefrauen bei. In den griechischen Mythen, die gleichfalls eine Sintflut kennen, überleben allein Deukalion, der Sohn des Gottes Prometheus aus dem Geschlecht der Titanen, der die Menschen ähnlich dem biblischen Herrgott aus Erde geformt hatte, und seine Gemahlin Pyrrha, die Tochter des Prometheus-Bruders Epimetheus, sowie ihre Kinder, von denen Hellen zum Ahnherrn der Hellenen wurde. Deukalions schwimmender Kasten landet nicht wie die Arche am Ararat, sondern am Pamassos. Deukalion und Pyrrha lassen das Menschengeschlecht auf göttliches Geheiß wiedererstehen, indem sie Steine, die Gebeine der Erde, hinter sich werfen, so dass, wie Ovid im ersten Buch seiner Metamorphosen erzählt, aus den Händen des Mannes neue Männer, aus denen der Frau neue Frauen erwachsen. Dem ließen sich weitere, meist aber weit kompliziertere Beispiele aus anderen Mythenkreisen an die Seite stellen. Sogar eine präkolumbianische Kultur Amerikas, die der Inkas, weiß von einer Sintflut und ersten geschwisterlichen Menschenpaaren. Manco Capac und seine Schwester Mama Ocllo, Kinder der Sonne, gingen aus der Pakari-Tambu, der Höhle der Werdens, mit einem anderen Geschwisterpaar hervor an dem Tag, als die Sonne zum ersten Mal schien.

Die uns geläufigste Version jedoch schildert die biblische Schöpfungsgeschichte im ersten Kapitel des Ersten Buches Mose mit der Erschaffung des ersten Menschenpaares am sechsten Tag seines Werkes: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib“ (I. Mose 1, 27). Eine Bruchstelle fällt auf: Vor dem Semikolon ist es ein Mensch, danach sind es plötzlich zwei. Allerdings spaltet sich im Fortgang der Erzählung die Erschaffung von Adam und Eva tatsächlich auf. Gott hat längst an seinem siebten Schöpfungstag geruht, und Adam müsste eigentlich schon einige Zeit allein im Paradies umhergegangen sein, ja, der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, von dem Adam bei Strafe seines Todes nicht essen darf, wirft bereits Schatten (I. Mose 2, 17) – da besinnt sich HERR und spricht: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“ (wörtlich: „ich will ihm eine Hilfe schaffen als sein Gegenüber, d.h. die zu ihm passt“ [I. Mose 2, 18]). Der Leser wird flüchtig noch einmal in den sechsten Schöpfungstag zurückgerufen, indem er abermals von der Erschaffung der Tiere und Vögel erfährt, als sollte hier der Satz mit der Bruchstelle am Semikolon präzisiert werden. Doch er kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihm die Erschaffung des Weibes zweimal vorgesetzt worden ist, dass er es entweder mit einem Widerspruch oder mit einer Lücke und einem recht auffällig und unordentlich eingefügten Nachtrag zu tun hat.

Wie dem auch sei: Der erste Mensch ist in dieser Erzählung einsam, einsam wie nur Gott selber vor seiner Schöpfung. Die Zweisamkeit des ersten Menschenpaares ist aber noch keine Aufhebung dieser Einsamkeit, sondern eine Zwei-Einsamkeit. Der Mann hat kein Gegenüber als die Frau, die Frau keins als den Mann. Sie sind einander Schicksal. Mit dem ersten Menschenpaar wird das Geschlecht eines Menschen sein Schicksal. Aber auch das andere Geschlecht wird sein Schicksal.

[*] Lilith: Küsse mit Ohrfeigen

Im mythisch-mystisch ausgelassenen, sittlich lockeren Treiben der Walpurgisnacht zeigt Goethes Mephistopheles sie dem staunenden Faust:

„Adams erste Frau.

Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren,

Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.

Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,

So lässt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“

Es ist Lilith. Die mythische Überlieferung der Juden, aus der auch der unter christlichen Aspekten zusammengestellte Kanon der Bibel, des Alten Testaments, zusammengestellt worden ist, kennt sie in einer Variante der Schöpfungsgeschichte. Das „Alphabet des Ben Sira“ vermutlich zwischen 700 und 1100 n. Chr. für die Kabbala aufgezeichnet, erzählt ihre Geschichte. Lilith verdankt ihre Erschaffung wie Eva der Einsamkeit des ersten Mannes.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, sprach der HERR, nachdem er Adam erschaffen hatte. „Und er schuf“, so heißt es weiter in der Fassung von Micha Josef bin Gorion (der die Schreibweise „Lilit“ bevorzugt), „ein Weib aus der Erde, aus der Adam gebildet war, und hieß ihren Namen Lilit. Alsbald hatten die beiden Streit miteinander, und Lilit sprach: Bist doch nur meinesgleichen, beide sind wir von der Erde genommen! – Und eins hörte nicht auf das Wort des andern“. In dieser Fassung ist der patriarchalische Gegenstand des Streites schon erkennbar: Lilith mahnt ihre Gleichrangigkeit an. Doch ohne dass es ausdrücklich erwähnt würde, sieht Adam seinen Vorrang darin, dass er zuerst geschaffen wurde. Die gleiche Herkunft ist für Adam kein Grund, seiner Gefährtin gleiche Rechte zu gewähren. Im Wortlaut der „Genesis“ wird die ersterschaffene Frau als „Gehilfin“ oder als „Hilfe“ deutlich patriarchalisch in die dienende Rolle verwiesen. „Wie nun Lilit sah, dass kein Friede war, sprach sie den wahrhaften Namen Gottes aus und flog davon in die Lüfte“.

Die Küsse des schönen Weibes, die Adam aus seiner Einsamkeit erlösen, mischen sich also, wie man sich leicht vorstellen kann, bald mit Ohrfeigen. Der Streit lässt sich nicht schlichten, denn Wort steht gegen Wort, Aussage gegen Aussage. Im Buch Sohar, dem Hauptteil der Kabbala, findet sich jedoch eine Variante, die Lilith recht gibt: Den ersten, hermaphrodisischen oder noch ganz geschlechtslosen Mensch spaltet Gott auf in Mann und Weib. Für diesen Fall wäre die Rangfrage wirklich nicht zu entscheiden. Ist sie aber erst einmal strittig geworden, kann das erste Menschenpaar – wie alle Menschenpaare – keine Mehrheitsentscheidung finden. Eine Trennung, die Rückkehr in die Einsamkeit, ist unvermeidlich. Lilith verlässt Adam. Sie lässt ihn allein, geht eigene Wege. Aber solange es nur ein Mann und eine Frau miteinander zu tun haben, gibt es nur das Verlassen, noch keine Untreue.

Lilith kommt mit ihrer Einsamkeit nach der Trennung weit schlechter zurecht als Adam. Das verwundert nicht. Wo auch immer Relikte des Matriarchats in den Mythen zu finden sind – und nichts anderes ist die Geschichte von Adam und Lilith – sind sie uns nur über eine patriarchalische Propaganda überliefert worden, die mit einer Verunglimpfung der weiblichen Sexualität arbeitet:

Bei den Griechen tötet Medea die Kinder, die Jason mit ihr gezeugt hat. Die Untreue stellt für ihre radikale Gefühlswelt die Existenzberechtigung der Kinder seiner Liebe in Frage. Phaidra versucht ihren Stiefsohn Hippolytos zu verführen, stellt ihn, da er widersteht, als den Verführer hin und macht sich schuldig am Tod des Unschuldigen. Sie ist, indirekt, auch eine Kindsmörderin. Ihre Mutter Pasiphae, die Gemahlin des Königs Minos, entbrennt in unnatürlicher Liebe zu einem Stier und gebiert ein Ungeheuer, den Minotauros. Auch was mit Lilith weiter geschieht, wird als Irrweg dargestellt, der eine Schuldzuweisung enthält und darüber hinaus eine Warnung vor der unablässigen Gefahr, die für den braven, guten Adam und seine Nachkommen von dieser Sorte Weib ausgeht: Die Offenheit, mit der Lilith gleiche Rechte anmahnt, führt sie auch in eine Hauptsünde, in der jüdischen Glaubenswelt die schwerste: „den wahrhaften Namen Gottes“ auszusprechen. Der Herrgott, selbst ein Patriarch, aber voll Erbarmen mit seinen Geschöpfen, erhörte Adams Gebet um eine Aussöhnung und „schickte drei Boten, um Lilith zurückzuholen“. Die aber machte sich zum Urbild des störrischen Weibes. Die Unversöhnliche, inzwischen eine Bewohnerin des Meeres, nahm, ähnlich Medea lieber den Fluch auf sich, „dass täglich hundert ihrer Kinder sterben werden“. Kain und Abel hatten also bereits Halbgeschwister. Über einen Knaben erhielt die Verfluchte Gewalt bis zum achten, über ein Mädchen bis zum zwanzigsten Tag. Ausgenommen waren diejenigen Neugeborenen, vor die sich Engel stellten. Die Namen dieser ersten „Schutzengel“ für Kinder, Senoi, Sansenoi und Samangelof, schrieb man lange auf Amulette für Säuglinge. Adams erste Frau wurde, wie oft sie sich auch darum bemühte, in höhere, dem Himmel nahe oder ähnliche Sphären aufzusteigen, in die untersten verbannt, erst ins Meer, dann zur „Kelippa“, dem Inbegriff des „Urbösen“, einem Medium, in dem sie als Weib Semaels, des Teufels, dem Willen Gottes und allen frommen Herzen entgegenwirkte.

Lilith ist dazu verurteilt, als unstetes, schweifendes Wesen, besonders in Nächten des abnehmenden Mondes, sich um Mitternacht, heulend, „dass die Pfeiler des Himmels erzittern und die Erde von ihrem Geheul erbebt“, aus Steppen und Wüsten den menschlichen Behausungen zu nähern, Kinder an sich zu locken und zu töten, und schließlich den alten, bußfertigen Adam in eine andere Versuchung zu führen als die unter dem Baum der Erkenntnis: „Als aber Adam hundertdreißig Jahre von Eva getrennt war und allein schlief, fand ihn Lilith und begehrte seine Schönheit. Sie legte sich zu ihm und gebar von ihm Teufel, Geister und Dämonen ohne Zahl. Wen diese befielen, der wurde geplagt und getötet“. Ihr Liebesbegehren bringt wie das der Pasiphae Ungeheuer in die Welt. Im Buch Sohar wird Lilith, nachdem sie dem Adam fortgelaufen ist, weil er sie nicht als gleichrangig behandelt, zum buhlerischen, ehebrechenden Weib schlechthin. Ihre Zunge ist „scharf wie ein Schwert“, aber sie findet auch „ölige Worte“. Sie macht sich die Männer hörig, indem sie ein Schlangengift in ihren Wein mischt. So kam nach kabbalistischer Überlieferung die Untreue in die Welt.“ Spannend, oder?

Erstmals 2002 erschien im Verlag Janos Stekovics Halle an der Saale „Köstliche Perlen finden sich reichlich. Ein Kügelgen-Brevier“ von Volker Ebersbach, in dem übrigens alle Texte auf neue Rechtschreibung umgestellt worden waren: Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) war der Sohn des bekannteren Porträtmalers Gerhard von Kügelgen (1772-1820), der in Dresden die Kunstakademie leitete und in der Neustadt das „Haus zum Gottessegen“ bewohnte. Der junge Maler merkte erst spät, dass er an einer Farbsehschwäche litt; sein Erfolg in Ballenstedt als anhalt-bernburgischer Hofmaler hielt sich in Grenzen. In einer Zeit, in der das Reisen im Vergleich zu heute beschwerlich war, entwickelte er sich zu einem leidenschaftlichen und geübten Briefschreiber. Die Briefe an Verwandte und Bekannte, die als eine Vorstufe zu seiner in früheren Zeiten berühmten Autobiografie „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von 1870 gelten können, enthalten die hier ausgewählten und gesammelten Passagen, knappe, oft aphoristische Sentenzen und Traktatartiges, Porträts und Panoramahaftes. „Köstliche Perlen finden sich reichlich“ – mit dieser Empfehlung pries Kügelgen 1854 seinem Bruder Gerhard im fernen Estland aus eigener Erfahrung die Lektüre Shakespeares an. Hier ein paar dieser Perlen – und zwar aus der Abteilung „Selbsterfahrung“:

Den Orden werde ich wahrscheinlich erhalten, werde aber auch sehr zufrieden bleiben, wenn ich ihn nicht bekomme. Ich habe nie erlebt, dass ein Dekorierter um seiner Dekoration willen von seinen Freunden und ebenso wenig vom Publikum höher geachtet worden wäre. Für mich würde der Orden insofern einen pekuniären Nachtheil haben, als ich noch einmal und zwar auf meine Kosten, nach Dessau reisen und mich bedanken müsste.

BG 632 f. (1856)

Es ist eine große Narrheit um diese Dinge, aber wer ist so weise, dass die Krankheit der Gesellschaft, in der er lebt, ihn nicht anstecken sollte.

BG 638 (1856)

Die Jugend, die Vorbereitung zum Leben, erscheint doch immer wie der Kern des Kometen, das eigentliche Leben wie der Schweif, der sich in nichts auflöst.

BG 698 (1857)

Ich bin ein bodenlos leichtsinniger Patron mit solider Maske. Ich habe mich aber endlich in meine Unnatur ergeben, da ich weiß, dass doch niemand über sich hinauskommt, keiner seiner Länge eine Elle zusetzen kann. Und auch Gott, dem man gern dienen möchte, macht Einen nicht größer sondern immer kleiner. Vor Alters mag‘s heilige Männer gegeben haben, jetzt sind sie aus der Mode. Wo man Einem, der in diesem Geruch steht, näher tritt, da verschwindet auch der Nimbus und man stößt auf Hochmut, Eitelkeit, Völlerei, Heuchelei, Alterweisheit, kolossale Dummheit oder dergleichen unangenehme Abstracta.

BG 862 f. (1863)

Am Grabe standen wir so lange, dass ich fast auch hineingefallen wäre.

BG 719 (1858)

Ich bin ein altes totes Wrack dergleichen ich zerscheitert mehrere am Strande gefunden.

BG 727 (1858)

Den Arzt habe ich noch nicht herbeigerufen aus der Besorgnis, dass er was Dummes macht.

BG 912 (1864)

Mit dem Bewusstsein Anderen, statt sie zu incommodieren, durch seine Krankheit noch zu nützen, leidet es sich noch einmal so gut.“

BG 1052 (1867)“

Und diese Texte machen doch Lust aus Weiterlesen, oder? Vielleicht nimmt der eine oder andere Abonnent dieses Newsletters in diesem Zusammenhang auch einmal die bereits erwähnte, zu früheren Zeiten berühmte Autobiografie „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ zur Hand zu nehmen.

Und um noch einmal auf den diesjährigen Welttag des Buches zurückzukommen. Für die Wahl des 23. April gibt es auch zwei biografisch-literarische Gründe – vor allem William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Shakespeare wurde wahrscheinlich am 23. April 1564 geboren (getauft am 26. April) und starb am 3. Mai 1616. Cervantes starb am 22. oder 23. April 1616. Zu beachten ist allerdings, dass Shakespeare und Cervantes zwar am gleichen Datum (23. April 1616), jedoch nicht am selben Tag starben. Zu dieser Zeit wurde in England noch mit dem julianischen Kalender gerechnet, während in Spanien schon der gregorianische Kalender galt. Somit starb Shakespeare zehn Tage später als Cervantes. Aber abgesehen von diesen kalendarischen Spitzfindigkeiten, sollte man sich erst recht am 23. April wieder einmal Shakespeare und Cervantes zuwenden – und damit, zumindest was Shakespeare betrifft, einer dringenden Empfehlung von Wilhelm von Kügelgen folgen …

Viel Vergnügen beim Perlenfischen, weiter einen schönen April, bleiben auch Sie weiter vor allem schön gesund und munter und bis demnächst.

Ach, der eingangs erwähnte katalanische Heilige ist übrigens Sant Jordi, der Heilige Georg, der Schutzpatron Kataloniens. An Sant Jordi, dem 23. April, wird in Katalonien traditionell der Tag der Verliebten und der Tag des Buches begangen. Buchhändler bieten ihre Ware zu Vorzugspreisen (rund zehn Prozent Rabatt) an Straßenständen feil. Man kauft dort Bücher für sich oder beschenkt auch seine Freunde mit einem Buch. Als Zeichen der Wertschätzung und Zuneigung schenkt der Mann an diesem Tag seiner Frau, seinen (Paten-)Kindern, seiner Freundin etc. eine rote Rose und die Frauen schenken den Männern ein Buch. Also Leute, schenkt euch was – Bücher und Rosen zum Beispiel.

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