Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der tätlichen Übergriffe auf Lokaljournalistinnen und Lokaljournalisten deutlich gestiegen. Insgesamt wurden zwölf physische Attacken (von 56 total) verifiziert. Das berichtet das Europäische Zentrum für Presse und Medienfreiheit (ECPMF) in seiner neuen Studie „Feindbild Journalist:in 7: Berufsrisiko Nähe”. Die Studie, die vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) unterstützt wird, analysiert die Fälle in einem eigenen Schwerpunkt zum Lokaljournalismus.

Demnach sind Lokaljournalisten einer besonderen Bedrohung ausgesetzt, weil sie nicht wie ihre Kolleginnen und Kollegen in den größeren Städten in die Anonymität abtauchen können. „Wir hatten die heftigeren Angriffe im Lokalen. Die Kollegen in München sind auch Angriffen ausgesetzt […]. Trotzdem ist man im Lokalen näher dran und man hat durch die lokale Situation eine Nähebeziehung, die die unangenehme Seite der Bedrohungen und Beleidigungen verstärkt“, beschreibt ein Lokalredakteur einer überregionalen Zeitung die Lage.

Die Bedrohungslage von Lokaljournalisten zeigt sich jedoch nicht nur anhand der erfassten Tätlichkeiten, auch Einschüchterungsversuche online wie offline sind eine Belastung für die Pressearbeit im Lokalen. Mitunter demonstrierten pressefeindliche Mitbürger direkt vor Redaktionsgebäuden. Im Jahr 2022 entstanden zudem durch die Berichterstattung von Demonstrationen besondere Risiken für Medienschaffende im Lokalen – oft handelte es sich dabei um unangemeldete „Spaziergänge”.

Sicherheitsvorkehrungen bei Demonstrationen

„Die seit Jahren anhaltenden ‚Lügenpresse’-Vorwürfe führen zum aktuellen Bedrohungsniveau. Wir haben in vielen Gesprächen gehört, dass Medienschaffende Sicherheitsvorkehrungen treffen, wenn sie von Demos berichten, oder dass sie potenziell gefährliche Situationen gleich ganz meiden”, sagt Annkathrin Pohl, Co-Autorin der Studie. „Erschreckend ist jedoch festzustellen, dass sich bei manchen durch die Anfeindungen nicht nur die Arbeitsweise geändert hat, sondern die eigene Einstellung zum Beruf: vom ehemaligen Traumjob zum Albtraum.“ 

„Lokaljournalistinnen und Lokaljournalisten sind besonders nah dran am Geschehen – und an den Menschen, über die sie berichten. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Nähe für Journalisten zur Gefahr wird und der Beruf sie zur Zielscheibe von Hatern und Feinden der Presse macht“, erklärt dazu BDZV-Hauptgeschäftsführerin Sigrun Albert. „Bedroht, beschimpft und angegriffen zu werden, ist eine beängstigende persönliche Erfahrung und ein Angriff auf die freie Berichterstattung.“ Die aktuelle Studie, führt Albert weiter aus, enthalte aus Sicht des BDZV Licht und Schatten. Während die Gesamtzahl der Angriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Zeitungs-Redaktionen erfreulicherweise zurückging, seien die Fallzahlen im Lokalen deutlich angestiegen. „Den Ursachen dafür werden wir weiter nachgehen.“

Langzeitmonitoring über drei Jahre

Mit Hilfe des Langzeitmonitorings „Feindbild Journalist – Monitoring Lokaljournalismus” soll die Bedrohungslage von Lokaljournalistinnen und -journalisten ausgeleuchtet sowie Handlungsempfehlungen erarbeitet werden.  Die Zusammenarbeit zwischen dem BDZV und dem ECPMF ist auf drei Jahre (bis 2025) angelegt. Die Autoren Martin Hoffmann, Annkathrin Pohl und Jessica Jana Dutz empfehlen in der aktuellen Studie „Feindbild Journalist:in 7: Berufsrisiko Nähe” neben einem Ausbau der Polizei-Fortbildungen zu den Rechten von Journalistinnen und Journalisten auch, Übergriffe auf Mitarbeiter in den eigenen Medien zu thematisieren. 

Die Studie verzeichnet für 2022 insgesamt 56 tätliche Angriffe auf Medienschaffende in Deutschland – ein Rückgang gegenüber dem Rekordjahr 2021. Zentrale Ursache dafür ist den Autoren zufolge die Marginalisierung der Querdenken-Bewegung.

Zentrale Ergebnisse der siebten Feindbild-Studie:

  1. Kein neuer Negativrekord: Mit 56 Angriffen gehen die Fallzahlen im Jahr 2022 wieder zurück.
  2. Demonstrationen – der gefährlichste Arbeitsplatz: 80 Prozent aller Fälle ereigneten sich auf Protesten (45 von 56 Fällen), davon 60 Prozent (27 von 45 Fällen) auf Protesten mit Bezug zu Covid.
  3. Trend gestoppt: Die Ausbreitung der Angriffe auf die westdeutschen Bundesländer ist (zunächst) unterbrochen.
  4. Schwerpunkt Sachsen: Der Freistaat ist mit elf Fällen wieder das am häufigsten betroffene Bundesland.
  5. Tätlichkeiten im Lokalen: 2022 wurden mit zwölf Übergriffen dreimal so viele Lokaljournalistinnen und -journalisten tätlich angegriffen wie 2021.
  6. Rekordmonat Januar 2022: 23 Fälle in nur einem Monat (41% der Gesamtfälle), nie wurden bisher mehr verifiziert.

Die gesamte Studie ist abrufbar unter: https://www.ecpmf.eu/feindbild-journalistin-7/

Weitere Infos zum „Feindbild Journalist”: Monitoring Lokaljournalismus unter lokaljournalismus.ecpmf.eu

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