Eine Ausnahme bildet der Berliner Lauftreff „Laufen für die Seele“. Da Menschen mit psychischen Erkrankungen aus eigener Kraft viel zu selten den Zugang zum regelmäßigen Aktivsein finden, wurde von engagierten Ärzten, Psychologen und Angehörigen vor 22 Jahren das Projekt „Laufen für die Seele“ als einladendes inklusives Sportangebot ins Leben gerufen: Jede Woche treffen sich Menschen mit und ohne Behinderung zu einem gemeinsamen Lauftraining an verschiedenen Orten in Berlin, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind.
Eine von ihnen ist Nicole Titschler. Seit Jahren ist sie regelmäßig beim Lauftreff in Grünau dabei. Das Laufen hilft ihr, mit ihrer psychischen Erkrankung, die nicht medikamentös behandelt wird, besser umzugehen: „Ich fühle mich danach leichter, psychisch leichter. Und jedes Mal staune ich darüber, was mein Körper schafft, ohne in Stress zu geraten.“
Sport als Therapieergänzung
Jeder weiß, wie wichtig Sport für das Herz-Kreislaufsystem, für Muskeln und Knochen ist. Regelmäßige Bewegung ist aber genauso wichtig für die psychische Gesundheit, sie verbessert die Stimmung und den Antrieb und hilft, Angstsymptome zu lindem – ist also eine gute Therapieergänzung. Die Niedrigschwelligkeit des Angebots (kein Anmeldeprozess, keine Gebühren, keine besondere Sportkleidung) erleichtert den Zugang auch für Menschen mit Angst-Erkrankungen.
Um eine versicherungsrechtliche Absicherung der Teilnehmenden zu gewährleisten, ist „Laufen für die Seele“ seit einigen Jahren dem gemeinnützigen Sportverein USE-SOWAS e.V. zugeordnet. Dieser Verein wiederum wird von dem Sozialunternehmen USE gGmbH getragen. Über 1000 Menschen mit einer meist psychischen Behinderung sind hier beschäftigt. In über 30 Berufsfelderm wird ihnen eine Teilhabe am Arbeitsleben ermöglicht. Allein das gibt ihnen schon einen stabilisierenden Rahmen. Darüber hinaus unterstützt das breite Sportangebot die berufliche Rehabilitation. Für die Werkstattbeschäftigten gibt es 22 Sportkurse in zehn Sportarten, von Laufen über Fußball bis Paddeln.
Unterstützung der beruflichen Rehabilitation
Auch hier hat man die Erfahrung gemacht, dass Sport positive Auswirkungen auf den Rehabilitationsprozess hat. Er hilft, Stress abzubauen, stärkt das Selbstwertgefühl und trägt zur Stabilisierung bei. Und er fördert die soziale Teilhabe. Die Teilnehmenden erfahren sich als Teil einer Gruppe, können in Interaktion gehen. Zudem ist das regelmäßige Training ein probates Medium, um Selbstwirksamkeit zu vermitteln.
Wie individuell und zugleich wirksam dieses Angebot sein kann, zeigt das Beispiel von Maximilian Imhof. Er wurde mit dem Leigh-Syndrom geboren, einer seltenen Energiestoffwechselerkrankung mit eingeschränkter Lebenserwartung. Bewegung ist für ihn nicht nur Wunsch, sondern medizinische Notwendigkeit – und lange Zeit hätte der 19-Jährige sich dennoch nicht vorstellen können, regelmäßig Sport zu treiben oder gar an Wettkämpfen teilzunehmen. Im geschützten Rahmen des Vereinssports konnte er nach und nach eigene Fähigkeiten entdecken, sich kontinuierlich weiterentwickeln und neues Selbstvertrauen aufbauen. Heute trainiert er mit großem Ehrgeiz, schätzt die sozialen Kontakte in der Gruppe und erlebt Sport als wichtigen Bestandteil von Lebensqualität, Teilhabe und persönlichem Wachstum: „Sport ist eine wichtige Konstante in meinem Leben. Erst durch den Sport in der USE habe ich meine Lebensfreude zurückgefunden. Heute versuche ich mich jährlich zu steigern und die Zeit zu genießen.“
Teilnahme an Laufveranstaltungen
Seit vielen Jahren startet die inklusive Laufgruppe für den gemeinnützigen Sportverein USE-SOWAS e.V. zudem bei großen Laufveranstaltungen in Berlin. Unter dem Motto „Wir leben laufend Inklusion“, begleitet von ehrenamtlichen Übungsleitern und mit ideeller Unterstützung der Schirmherren des Lauftreffs, dem „Marathonvater“ Horst Milde und Prof. Dr. Andreas Ströhle, werden Menschen mit Behinderung so beispielgebend in das organisierte Berliner Wettkampfgeschehen integriert.
Auch hier kann das positive Erleben im Team die Stabilisierung unterstützen. Hinzu kommt der Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen. Viele dieser Menschen haben das Gefühl, im Leben versagt zu haben. Hier können sie Erfolgserlebnisse sammeln, Niederlagen lassen sich gemeinsam besser verarbeiten. Die Erfahrung, dass der Körper funktioniert, stärkt zudem das Selbstwertgefühl.
Ein barrierearmer Zugang zu Sportangeboten kann psychisch erkrankte Menschen stabilisieren und als hilfreiche Ergänzung einer Therapie wirken.
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