Die Handwerkskammer Reutlingen sieht den bekannt gewordenen Referentenentwurf zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes kritisch und fordert mehr Flexibilität für kleine und mittlere Betriebe. Denn aus Sicht des Handwerks bleibt der Entwurf deutlich hinter den Erwartungen zurück. Statt die im Koalitionsvertrag angekündigte Flexibilisierung der Arbeitszeit spürbar voranzubringen, drohten zusätzliche Hürden und neue bürokratische Belastungen.

„Unsere Betriebe brauchen Regelungen, die zur betrieblichen Realität passen“, sagt Alexander Wälde, Präsident der Handwerkskammer Reutlingen und Friseurmeister mit eigenem Salon in Freudenstadt. „Wer selbst einen Handwerksbetrieb führt, weiß: Arbeit lässt sich nicht immer starr nach Schema F organisieren.“

Wälde verweist auf die Praxis in einem Friseursalon. Dort gebe es Tage mit hoher Kundennachfrage, etwa vor Feiertagen, an Samstagen oder in der Hochzeitssaison. Gleichzeitig wünschten sich viele Beschäftigte flexible Arbeitszeiten, um Beruf und Familie besser miteinander vereinbaren zu können. „Wenn eine Mitarbeiterin an einem Tag etwas länger arbeiten möchte, um an einem anderen früher gehen zu können, sollte das möglich sein – selbstverständlich im Rahmen des Arbeitsschutzes“, so Wälde. „Starre tägliche Grenzen helfen weder den Betrieben noch den Beschäftigten.“

Der Koalitionsvertrag hatte eine stärkere Orientierung an einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit in Aussicht gestellt. Der vorliegende Entwurf knüpft mögliche Abweichungen jedoch an tarifvertragliche Regelungen. Damit würden viele kleine und mittlere Handwerksbetriebe von vornherein nicht erreicht. „Gerade im Handwerk haben wir viele inhabergeführte Betriebe, die sehr verantwortungsvoll mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgehen“, betont Wälde. „Diese Betriebe brauchen keine zusätzlichen bürokratischen Hürden, sondern rechtssichere und praxistaugliche Lösungen.“

Auch bei der Arbeitszeiterfassung fordert die Handwerkskammer Reutlingen Augenmaß. Eine verlässliche Dokumentation sei wichtig, dürfe aber nicht zu einem unverhältnismäßigen Aufwand führen. „In kleinen Teams kennt man sich, spricht miteinander und findet gemeinsam Lösungen“, sagt Wälde. „Dieses Vertrauensverhältnis darf nicht durch immer neue Nachweispflichten belastet werden.“

Die Handwerkskammer Reutlingen fordert deshalb eine Reform des Arbeitszeitgesetzes, die Flexibilität ermöglicht, Beschäftigte schützt und Betriebe nicht zusätzlich belastet. Entscheidend seien klare, einfache und praxisnahe Regeln, die den Alltag im Handwerk tatsächlich berücksichtigen.

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