Sexualität und sexuelle Gesundheit tragen maßgeblich zur Lebensqualität bei. Für Menschen mit Multipler Sklerose (MS) können sexuelle Funktionsstörungen jedoch eine zusätzliche Belastung innerhalb ihrer MS-Symptomatik darstellen. Eine aktuelle Auswertung von Daten des MS-Registers der DMSG über einen Zeitraum von zehn Jahren zeigt, dass sexuelle Funktionsstörungen in der Versorgung häufig nicht dokumentiert und vergleichsweise selten behandelt werden. Besonders deutlich ist die Versorgungslücke bei Frauen mit MS.

Ein häufiges, aber oft verschwiegenes Thema

Schätzungen zufolge1,2 sind sexuelle Funktionsstörungen bei Menschen mit MS weit verbreitet. Im Laufe ihres Lebens sind etwa 40 bis 80 Prozent der Frauen und 50 bis 90 Prozent der Männer mit MS davon betroffen. Die Beschwerden können unterschiedliche Ursachen haben. Sie können unmittelbar als Folge der entzündlichen Prozesse der MS entstehen, bei denen Nerven geschädigt oder zerstört werden, aber auch mit anderen MS-bedingten Beschwerden, wie Fatigue, Schmerzen oder Blasenfunktionsstörungen, zusammenhängen. Auch Depressionen, Ängste oder Belastungen in der Partnerschaft können eine Rolle spielen.

Trotz ihrer möglichen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Lebensqualität wird das Thema im medizinischen Alltag offenbar häufig nicht angesprochen. Die Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der MS und verwandter Erkrankungen empfiehlt den behandelnden Ärzten deshalb, sexuelle Funktionsstörungen regelmäßig und aktiv zu erfragen und dabei möglichst standardisierte Checklisten und Fragebögen einzusetzen.

Daten aus zehn Jahren MS-Register

Die aktuelle Auswertung des MS-Registers der DMSG basiert auf Daten der Jahre 2016 bis 2025. Einbezogen wurden alle im Register dokumentierten volljährigen Menschen mit gesicherter MS-Diagnose. Die teilnehmenden MS-Zentren dokumentieren bei Routinevisiten unter anderem, ob sexuelle Funktionsstörungen vorliegen.

Die Daten zeigen, dass sexuelle Funktionsstörungen bei Männern häufiger dokumentiert wurden als bei Frauen. Generell nahmen sie bei beiden Geschlechtern mit dem Alter zu. Bei den 18- bis 30-Jährigen lagen die Werte bei 2,1 Prozent unter den Frauen und 3,3 Prozent unter den Männern, bei den 51- bis 60-Jährigen bei 5,6 beziehungsweise 13,2 Prozent.

In der jeweils letzten erfassten Routinevisite waren sexuelle Funktionsstörungen bei 6,0 Prozent der Frauen und 12,5 Prozent der Männer dokumentiert.

Blasenfunktionsstörung könnte ein Hinweis sein

Auffällig ist außerdem der hohe Anteil der Fälle, in denen nicht bekannt ist, ob eine sexuelle Funktionsstörung vorliegt. Über die Dauer der Auswertung lag dieser Anteil bei Frauen je nach Jahr zwischen 23,6 und 31,2 Prozent, bei Männern zwischen 24,7 und 31,9 Prozent. Damit blieb bei etwa einem Viertel der im Register erfassten Menschen mit MS unklar, ob eine sexuelle Funktionsstörung vorgelegen hat. Dies deutet daraufhin, dass das Thema im Rahmen der Versorgung nicht regelmäßig erfasst wird.

Gleichzeitig zeigt die Auswertung einen Zusammenhang mit Blasenfunktionsstörungen: Bei 73,3 Prozent der Frauen und 69,6 Prozent der Männer mit dokumentierter sexueller Funktionsstörung lag auch eine Blasenfunktionsstörung vor. Das spricht dafür, sexuelle Beschwerden und Blasenprobleme bei der ärztlichen Betreuung gemeinsam zu betrachten.

Frauen erhalten seltener eine Behandlung

Auch bei der Behandlung zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Über den gesamten Beobachtungszeitraum erhielten 30,9 bis 37,5 Prozent der Männer mit dokumentierter sexueller Funktionsstörung eine symptomatische Behandlung. Bei Frauen lag der Anteil bei gerade mal 7,9 bis 18,1 Prozent.

Auch die Art der Behandlung unterschied sich. Bei Frauen kamen häufiger nicht-medikamentöse Maßnahmen, wie Physiotherapie, Psychotherapie oder Beratung, zum Einsatz, bei Männern häufiger Medikamente, wie Sildenafil (z.B. Viagra®)oder Tadalafil. Die Unterschiede zeigten sich in allen untersuchten Altersgruppen. Bei Frauen blieb der Anteil der behandelten Personen auch mit zunehmendem Alter niedrig. Bei Männern sank die Behandlungsrate dagegen trotz der häufigeren auftretenden sexuellen Funktionsstörungen im höheren Alter wieder.

Sexuelle Gesundheit sollte Teil der MS-Versorgung sein

Die Ergebnisse zeigen, dass sexuelle Funktionsstörungen in der MS-Versorgung stärker berücksichtigt werden sollten. Eine aktive und regelmäßige Nachfrage durch das medizinische Fachpersonal kann helfen, bisher nicht erfasste Beschwerden sichtbar zu machen.

Doch auch Menschen mit MS können selbst dazu beitragen, dass sexuelle Gesundheit stärker berücksichtigt wird, indem sie Beschwerden im ärztlichen Gespräch ansprechen. „Sexualität oder sexuelle Störungen sind privat schon schwer zu benennen. Aber nur wer es beim Facharzt anspricht, kann eine Behandlung erhalte”, sagt Frau Sengstock vom BBMSE.

Dabei muss nicht von vornherein klar sein, ob die Beschwerden tatsächlich mit der MS zusammenhängen. Gerade wenn gleichzeitig Blasenfunktionsstörungen, Schmerzen, Fatigue oder psychische Belastungen bestehen, kann es sinnvoll sein, das Thema anzusprechen.

Für sexuelle Funktionsstörungen stehen verschiedene Unterstützungs- und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Frau Sengstock ermutigt außerdem, die vielfältigen Informations- und Beratungsangebote der DMSG zu nutzen: „Wer mehr weiß, kann mehr erreichen und zu einer Verbesserung beitragen.“

Registerdaten und Austausch auf der MSToronto2026

Das MS-Register der DMSG ist vom 21. bis 23. Oktober 2026 beim ECTRIMS-Kongress in Toronto vertreten. Im Rahmen der Veranstaltung werden unter anderem Poster zu aktuellen Auswertungen des Registers präsentiert.

Am 23. Oktober 2026 findet außerdem der ECTRIMS Patient Community Day statt. Die kostenlose Veranstaltung bietet Menschen mit MS aktuelle Forschungserkenntnisse, verständlich aufbereitet und online sowie vor Ort. Informationen zu Programm und Anmeldung gibt es auf der offiziellen Veranstaltungswebsite.

Redaktion:  DMSG-Bundesverband – 21.10.2026
Quelle: MS-Register der DMSG
Abbildungen: Copyright MS-Register

Das MS-Register der DMSG 

Das MS-Register der DMSG wurde 2001 initiiert. Die DMSG-ausgezeichneten MS-Zentren erfassen pseudonymisiert Daten zur Versorgung von Menschen mit MS in Deutschland. Die Daten ermöglichen es, Entwicklungen der Erkrankung, Behandlungen und der Versorgungssituation über längere Zeiträume zu untersuchen und Versorgungslücken sichtbar zu machen.

Die aktuelle Auswertung zeigt beispielhaft, welchen Beitrag die Registerdaten leisten können, um bislang weniger beachtete Aspekte der MS-Versorgung zu untersuchen. Weitere Informationen zum MS-Register gibt es unter www.msregister.de.

1. Kessler TM, Fowler CJ, Panicker JN. Sexual dysfunction in multiple sclerosis. Expert Rev Neurother 2009; 9: 341–350.  

2. Dastoorpoor M, Zamanian M, Moradzadeh R, et al. Prevalence of sexual dysfunction in men with multiple sclerosis: a systematic review and meta-analysis. Syst Rev 2021; 10: 10.

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