Kaum ist eine Bestellung eingegangen, machen sich Fahrerinnen und Fahrer von Lieferdiensten auf den Weg. Meist auf E-Bikes, aber auch normalen Fahrrädern sind sie im dichten Stadtverkehr unterwegs, passieren Kreuzungen, fahren entlang parkender Fahrzeuge und bewegen sich zwischen Autos, Bussen, Radfahrenden und Fußgängern. Wechselnde Verkehrsbedingungen, hohe Verkehrsdichte, unterschiedlichste Witterungsverhältnisse, vor allem aber hoher Zeitdruck gehören zum Arbeitsalltag. Dass diese Kombination das Unfallrisiko erheblich erhöht, hat jetzt die Studie „Sicher unterwegs auf zwei Rädern. Verkehrsunfälle und Präventionspotenziale im Arbeitsalltag von Rider*innen“ der TU Dresden, die im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) durchgeführt wurde, bestätigt.
Hohe Unfallquote
Anhand der berichteten Unfälle waren innerhalb eines Jahres 1.000 Fahrerinnen und Fahrer in 910 Unfälle verwickelt, was einer Ereignisrate von 0,91 Unfällen pro Person entspricht. Anders ausgedrückt hat im Schnitt jeder Fahrer knapp einen Radunfall während der Arbeit. Auffällig dabei ist, dass die Unfallrate mit der Tätigkeitsdauer deutlich abnimmt: Im ersten Tätigkeitsjahr haben die Riderinnen und Rider durchschnittlich rund fünf Unfälle pro Jahr, ab dem dritten Jahr im Job reduziert sich die Rate auf etwa einen Unfall pro Jahr. Dennoch: Die Unfallraten in der Branche bleiben viel zu hoch. Noch alarmierender erscheinen die Zahlen, wenn man sie mit anderen Branchen vergleicht. Dazu berechneten die Studienersteller die Tausend-Mann-Quote, die angibt, wie viele von 1.000 Vollzeitbeschäftigten pro Jahr einen meldepflichtigen Arbeitsunfall erleiden. In der Verkehrswirtschaft, Postlogistik und Telekommunikation lag die Unfallquote 2024 im Durchschnitt bei rund 34 Betroffenen. Unter den Lieferdienst-Fahrerinnen und -Fahrern lag die Unfallquote hingegen bei rund 298 Betroffenen, also fast zehnmal höher als in anderen Wirtschaftszweigen. „Wenn man jetzt noch dazunimmt – auch das hat die Studie der TU Dresden herausgefunden –, dass 26 Prozent der Rider ihrem Arbeitgeber keinen Unfall gemeldet haben und nur 12 Prozent alle Unfälle angeben, dürfte die Dunkelziffer der Unfälle nochmals deutlich höher liegen“, erläutert Isabella Finsterwalder, Pressesprecherin des Automobilclub KS e.V.
Mangelnde Infrastruktur und Witterung häufige Unfallursachen
Dabei ist es jedoch keineswegs so, dass die Rider bei jedem Unfall mit einem Auto kollidieren. Die meisten (71 Prozent) der Unfälle sind Alleinunfälle, die zu 87 Prozent auf Umwelt- oder Infrastrukturfaktoren zurückzuführen sind, allen voran rutschiger Untergrund (Laub, Nässe, Eis), Unebenheiten (Schlaglöcher, Baumwurzeln) oder Tramschienen und Bordsteinkanten. Besonders häufig passieren diese Alleinunfälle während der Stoßzeiten zwischen 18 und 21 Uhr, wenn (beginnende) Dunkelheit und vor allem hoher Zeitdruck hinzukommen. Kam es jedoch zu Zusammenstößen mit anderen Verkehrsteilnehmern – meist Autofahrerinnen und -fahrer sowie Fußgängern –, waren am häufigsten Abbiegekonflikte, zu enges Überholen und Dooring, sprich Unfälle durch plötzlich geöffnete Autotüren parkender Fahrzeuge, die Ursachen.
Sicherheit statt Zeitdruck
„Die Studie belegt, dass der Straßenraum für Riderinnen und Rider mit besonderen Risiken verbunden ist“, sagt Manfred Wirsch, Präsident des DVR. „Wenn neue, fahrradbasierte Geschäftsmodelle unsere Städte verändern, darf dieser Wandel nicht zulasten der Menschen gehen, die ihn ermöglichen. Der Schutz der Gesundheit von Lieferdienst-Fahrerinnen und -Fahrern muss immer Vorrang haben.“ Auch aus Sicht des Automobilclub KS e.V. zeigen die Studienergebnisse deutlichen Handlungsbedarf. Dabei gehe es nicht nur um mehr Sicherheit für die Beschäftigten, sondern auch um die Zukunft einer Mobilitätsform, die für viele Menschen einen wichtigen Mehrwert bietet. „Gerade für mobilitätseingeschränkte Menschen können Lieferdienste den Alltag erheblich erleichtern und einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe leisten“, fügt Finsterwalder an. „Damit dieses Angebot aber nicht auf Kosten der im Straßenverkehr gefährdeten Fahrerinnen und Fahrer geht, braucht es faire Arbeitsbedingungen ohne permanenten Zeitdruck. Zudem sollten gute Präventionsangebote, Schulungen und entsprechende Schutzausrüstung für die Rider, wie Helme, Reflektorkleidung etc. zur Verfügung stehen. Gleichzeitig müssen Städte ihre Infrastruktur konsequent an den wachsenden Radverkehr anpassen. Und schließlich tragen vor allem Autofahrerinnen und Autofahrer als stärkste Gruppe der Verkehrsteilnehmenden eine besondere Verantwortung: Rücksicht, ausreichend Abstand und eine defensive Fahrweise können entscheidend dazu beitragen, Unfälle zu vermeiden“, resümiert die Pressesprecherin des Automobilclub KS e.V.
Der Automobilclub KS e.V. ist mit rund 660.000 Mitgliedern der zweitgrößte Automobilclub in Deutschland. Er ist seit Jahrzehnten Mitglied der Deutschen Verkehrswacht (DVW) und zählt zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR). Auf europäischer Ebene ist der KS zudem Gründungsmitglied des EAC (European Automobile Clubs). Das Ziel ist eine europaweit sichere und nachhaltige Verkehrspolitik. Darüber hinaus engagiert sich der KS seit mehr als 40 Jahren für mehr Umweltschutz und Energiesparen im gesamten Bereich des automobilen Verkehrs. Um den Stellenwert der Automobilbranche für Energiesparen sowie Klima- und Umweltschutz zu unterstreichen, beschloss der KS, ab 1981 jährlich den KS Energie- und Umweltpreis zu vergeben. Mit seinen Töchtern AUXILIA Rechtsschutz-Versicherungs-AG und KS Versicherungs-AG bietet er eine umfassende Palette an Club- und Versicherungsleistungen – von der Wildschadenbeihilfe über den KS-Notfall-Service bis hin zu preiswerten Rechtsschutz- und Schutzbriefversicherungen –, die aufgrund von Leistung und Preis in den vergangenen Jahren viele Rankings gewonnen haben. In der Münchner Zentrale und in acht Bezirksgeschäftsstellen sind rund 250 Mitarbeiter beschäftigt. Der Jahresumsatz der KS-Gruppe liegt bei rund 200 Millionen Euro.
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