In diesem Artikel beschreibt der an der Hochschule Friedensau lehrende Kirchenhistoriker Dr. theol. Johannes Hartlapp den Protest von Rudolf Stein gegen das zwischenzeitliche Verbot der Siebenten-Tags-Adventisten im nationalsozialistischen Deutschland im Jahr 1933.

Deutlich formulierte Protestbriefe an Ministerien

Am 28. Dezember 1933 ordnete die Gestapo in Berlin das Verbot der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten im Freistaat Preußen an; sämtliche adventistische Druckschriften sollten beschlagnahmt werden. Im Freistaat Braunschweig reagierten die Behörden noch schneller: Bereits am 29. November 1933 erschien die Politische Polizei beim Braunschweiger Prediger Rudolf Stein und eröffnete ihm die Auflösung der Gemeinschaft sowie die Beschlagnahmung des Vermögens.

Die adventistische Kirchenleitung in Mitteleuropa suchte Kirchenmitglieder mit Kontakten zu einflussreichen NSDAP-Mitgliedern, um durch deren Fürsprache eine Rücknahme des Verbots zu erwirken. Rudolf Stein – ein 1908/1909 in Friedensau ausgebildeter Prediger (Pastor) und späterer Missionar in Deutsch-Ostafrika – ging einen anderen, für die damalige Zeit ungewöhnlichen Weg. Er schrieb einen offenen Protestbrief an das Innenministerium des Freistaates Braunschweig. Darin fragte er, ob im Freistaat die Glaubens- und Gewissensfreiheit aufgehoben worden sei und ob den Adventisten eine politische Betätigung gegen die Regierung vorgeworfen werden könne. In ungewöhnlich deutlichen Worten erklärte er, im Namen Jesu sowie aller Glaubensmärtyrer, Martin Luthers, der Confessio Augustana (Artikel 28) sowie Reichspräsident Hindenburgs und Reichskanzler Hitlers Protest einzulegen. Zum Beleg der Staatstreue der Adventisten legte er zwei Broschüren über deren Wohlfahrtsarbeit bei (Wilhelm Mueller, Was man von den Adventisten wissen muss; und Hulda Jost, Was tun die Adventisten in der Wohlfahrtspflege?) und verwies auf eine Äußerung von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, der Gewissensfreiheit als Standpunkt der Partei bezeichnet hatte.

In einem zweiten Schreiben am gleichen Tag beschwerte sich Stein über das Vorgehen einzelner Beamter beim Schließen des Versammlungsraums der Helmstedter Adventisten, bei dem die private Bücherei des Gemeindeältesten beschlagnahmt worden war.

Aufhebung des Verbots in Preußen und daraufhin auch in Braunschweig

Am 7. Dezember 1933 teilte Stein dann in einem handschriftlich verfassten Brief an die Braunschweiger Regierung mit, dass das Verbot der Siebenten-Tags-Adventisten in Preußen aufgehoben worden sei. Noch am selben Tag zog auch die Braunschweiger Regierung ihr Verbot zurück; am folgenden Samstag, dem 9. Dezember 1933, fand in der Adventgemeinde Braunschweig wieder ein Gottesdienst statt. In einem weiteren Schreiben vom 13. Dezember 1933 an den Braunschweiger Innenminister mahnte Rudolf Stein an, dass den Adventgemeinden in Königslutter, Helmstedt, Schöningen und Wolfenbüttel auch wieder eine pastorale Betreuung gestattet werden solle.

Eine direkte Antwort des Ministers ist nicht überliefert. Ein Schreiben des Reichsministeriums des Innern vom 27. Dezember 1933 verweist jedoch auf zwölf Orte, an denen adventistisches Eigentum noch nicht zurückgegeben worden war – elf davon lagen im Freistaat Braunschweig. Laut der Gemeindechronik von Blankenburg und Hasselfelde wurden die dortigen Einschränkungen erst im März 1934 aufgehoben – mutmaßlich aufgrund des Protests von Rudolf Stein.

Einer der wenigen Unerschrockenen

Der Kirchenhistoriker Dr. Johannes Hartlapp würdigt Rudolf Stein als einen der wenigen Vertreter der Adventisten, die während der NS-Zeit öffentlich und unerschrocken für Glaubens- und Gewissensfreiheit eintraten. Die vollständige Fassung seines Artikels ist auch online zu lesen: https://www.thh-friedensau.de/blogartikel/ein-mutiger-protest-gegen-das-verbot-der-adventgemeinde-1933-prediger-rudolf-stein/

Über Friedensau

Der Ort Friedensau wurde 1899 gegründet und besteht nunmehr seit 127 Jahren. Hier befindet sich neben einem Seniorenheim und einem Zeltplatz die staatlich anerkannte Theologische Hochschule Friedensau, eine Hochschule in Trägerschaft der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. In den Fachbereichen Christliches Sozialwesen und Theologie können zehn B.A.- und M.A.-Studiengänge – zum Teil berufsbegleitend oder online – belegt werden: www.thh-friedensau.de.

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