Am 12. September 2026 wäre der Leipziger Philosoph, Kritiker der SED sowie Freund von Karola und Ernst Bloch 100 Jahre alt geworden. Er stirbt im Alter von 72 Jahren am 10. Juni 1999. Die Online-Lesung erinnert an den Leipziger Professor Dr. Jürgen Teller. Trotz Bedrängung und Verfolgung durch den DDR-Staatssicherheitsdienst behält der blochkundige Jürgen Teller seinen eigenständig unabhängigen Kopf. Jürgen Tellers Denken und Handeln lässt sich nicht nur anhand seines fachlich-wissenschaftlichen Wirkens als Germanist und Lektor umreißen. Deutlich wird seine aufrechte Haltung gegen das DDR-Regime gerade auch in dem zeitgeschichtlich außerordentlichen Briefwechsel-Band unter dem Titel „Briefe durch die Mauer“, der zehn Jahre nach Jürgen Tellers Tod erscheint.
In der Zeit, als Ernst und Karola Bloch in Leipzig leben und Ernst Bloch an der dortigen Universität bis zu seinem Rauswurf lehrt, beginnt eine enge Freundschaft zu Jürgen Teller, dem Bloch-Schüler, sowie zu Johanna Teller. Nachdem die Blochs 1961 kurz vor der Schließung der Mauer bei einem Aufenthalt im Westen entscheiden, nicht mehr in die DDR zurückkehren, setzt sich die Freundschaft in einem jahrzehntelangen deutsch-deutschen Briefwechsel fort.
Eine oft verschlüsselte, über Jahrzehnte andauernde Korrespondenz zwischen DDR-Kritikern in Leipzig und BRD-Kritikern in Tübingen offenbart eine besondere Facette deutsch-deutscher Geschichte. Unter dem Titel „Briefe durch die Mauer“ haben Jan Robert Bloch, Anne Frommann, Irene Scherer und Welf Schröter den teilweise chiffrierten Briefwechsel zwischen dem Philosophen Ernst Bloch, der Architektin Karola Bloch, beide Tübingen, sowie dem Philosophen und Blochschüler Jürgen Teller und der Galeristin Johanna Teller, beide Leipzig, im Talheimer Verlag veröffentlicht. Unter den Decknamen „Marcion“, „Polonia“, „Major Tellheim“ und „Minna von Barnhelm“ senden die Oppositionellen-Ost über Jahrzehnte heimliche Botschaften an die Oppositionellen-West und umgekehrt.
Mit der Veröffentlichung des Briefwechsels entsteht ein Impuls für eine Erweiterung der Rezeption der Werke Jürgen Tellers, der in Leipzig als früherer Assistent Blochs unter der Drangsalierung der DDR-Staatssicherheit leidet. In diesem außergewöhnlichen Buch trifft sich die „andere“ DDR mit der „anderen“ BRD: Ein Dialog jener, die in ihren jeweils verschiedenen Gesellschaften zu oppositionellen Andersdenkenden werden. Die Lesung zeigt auch die bittere Ironie Tellers über das SED-Reich „Pachulkistan“ auf.
Aus mehr als zweihundert Briefen mit mehr als eintausend erklärenden Fußnoten entfalten sich die enttäuschten Hoffnungen zweier Generationen wie auch die Freude über den Sturz der SED. In den Kassibern werden viele Köpfe wieder lebendig: Hans Mayer, der in den Briefen an Bloch als „Literaturfreund“ benannt wird und bei dem Jürgen Teller nach dem Weggang Ernst Blochs promovieren will, Bertolt Brecht, Eberhardt Klemm, Uwe Johnson, Siegfried Unseld, HAP Grieshaber u.a.m.
Jahre später finden sich in Verstecken weitere Korrespondenzen. Sie sind vor den Hausdurchsuchungen der StaSi verborgen geblieben und erscheinen 2015 im Band „,Etwas, das in die Phantasie greift‘. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller.“
Ausgewählte Literaturempfehlungen zum Weiterlesen
Jan Robert Bloch, Anne Frommann, Welf Schröter (Hg.): Briefe durch die Mauer. Briefwechsel 1954–1998 zwischen Ernst und Karola Bloch sowie Jürgen und Johanna Teller. 2009, 344 Seiten, ISBN 978-3-89376-113-5.
Irene Scherer, Welf Schröter (Hg.): „Etwas, das in die Phantasie greift“. Briefe von Karola Bloch an Siegfried Unseld und an Jürgen Teller. 2015, 392 Seiten, ISBN 978-3-89376-156-2.
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