Verliert die Europäische Zentralbank (EZB) ihre politische Unabhängigkeit? Dass auf diese Gefahr einiges hindeutet, davon ist Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch überzeugt: „Die Pandemie hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass viele Akteure mehr Regulierung und mehr Bürokratie mit Problemlösung verwechseln. Vorläufige Höhepunkte sind beispielsweise Forderungen nach einer Vergemeinschaftung von Impfpatenten, faktische Verbote ganzer Geschäftsmodelle sowie die Erklärung des Klimaschutzes zum erweiterten Ziel der EZB.“

Die politische Unabhängigkeit der Notenbank ist ein wichtiges Wesensmerkmal der Währungsunion, die jüngsten geldpolitischen Aktivitäten und der Ausbau der Ziele im Sinne von mehr „Finanzstabilität“ hingegen könnte die EZB mittel- bis langfristig in einen unangenehmen Spagat zwingen. Die EU-Finanzminister basteln bereits an einem neuen Rahmenwerk für eine Währungsunion, in dem die originären Stabilitätskriterien (bekannt als Maastricht-Kriterien, die aktuell nur Luxemburg als einziges Land erfüllt) wohl als anachronistisch betrachtet und eine geringere Rolle spielen werden. „Die EZB, mittlerweile größter Kreditgeber ihrer Eigentümer – der Eurostaaten –, droht nachhaltig zum Selbstbedienungsladen zu werden. Die jüngst erfolgte Ausweitung der Inflationsziele hat bereits einen faden Beigeschmack – so lassen sich trotz Preissteigerungen die negativen Zinsen weiter rechtfertigen“, stellt Böckelmann fest. Kritiker sehen darin nicht zuletzt die Beibehaltung günstigster Finanzierungsbedingungen für bereits heute völlig überschuldete Eurostaaten. Der Portfoliomanager weiß jedoch auch: „Bei aller Kritik darf aber nicht übersehen werden, dass es im Sinne eines Bestandsschutzes der europäischen Staatengemeinschaft wenig Handlungsalternativen gibt – trotz mehr als 20 Jahren Währungsunion sind die Wirtschaftsphilosophien und Wettbewerbsfähigkeiten der Länder zu unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund ist die aktuell panikartig anmutende Drohung der EU-Kommission, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland zu eröffnen, nur weil sich das Bundesverfassungsgericht kritisch gegenüber EU-Gerichtshof und EZB geäußert hat, zugleich befremdlich wie verständlich.“

Markteingriffe in USA

Die Abkehr von marktwirtschaftlichen Prämissen hat selbst die USA erreicht. „Natürlich war es richtig, sich als Staat im Höhepunkt der Pandemie spendabel zu zeigen und auch Geld zu drucken“, sagt Böckelmann. Die aktuell verabschiedeten historisch hohen Konjunkturhilfen über Infrastrukturprogramme könnten aber zu einer langfristigen Belastung werden, zumal die Folgen vor allem des amerikanisch-chinesischen Konfliktes auf globale Lieferketten noch nicht absehbar sind. „Die Biden-Regierung scheint vor Inflationssteigerungen, die möglicherweise zu einem strukturellen Problem werden, keine Angst zu haben, und auch die US-Notenbank FED zeigt sich gezielt entspannt“, beobachtet Böckelmann. Er kommt zu dem Schluss: „Jede anderslautende Äußerung könnte tatsächlich den Markt schocken, der angesichts historisch hoher Bewertungen bei Aktien wie Anleihen weiterhin niedrige Zinsen zur Rechtfertigung der Kursniveaus und für weiteres Aufwärtspotential benötigt. Insofern beobachten wir das Paradoxon, dass der Kapitalmarkt darauf angewiesen ist, dass sich gewisse Akteure eben nicht marktwirtschaftlich verhalten – eine unkomfortable Situation, die erfahrungsgemäß zu höheren Kursschwankungen in der Zukunft führen wird.“

Marktregulierung in China

Auch China, seit 40 Jahren erfolgreich auf eine Art Staatskapitalismus setzend, hat im letzten Monat seine Markteingriffe weiter verstärkt. In der Folge hat der chinesische Aktienmarkt 1.000 Mrd. US-Dollar an Wert verloren. „Ursache für die Kursverluste sind aber nicht nur die staatlichen Eingriffe, sondern vor allem die vorschnellen Reaktionen nicht-chinesischer Investoren auf die Nachrichten. Wenig hilfreich war auch die Entscheidung der US-Regierung, einigen US-Investoren faktisch den Kauf chinesischer Aktien zu verbieten“, so Böckelmann.

Die heftigen Marktreaktionen erscheinen übertrieben. Der US-Aktienmarkt liegt seit Jahresbeginn bei etwa +20 Prozent, der chinesische bei -8 Prozent. Der US-Markt hat mit +100 Prozent Gewinn die schnellste Erholung seit dem 2. Weltkrieg hingelegt, China befindet sich nach den starken Kurseinbrüchen von mehr als 20 Prozent von den Höchstständen in einem Bärenmarkt. „Alles in allem eine ökonomisch kaum nachvollziehbare Anomalie, wenn man berücksichtigt, dass USA und China gemeinsam ca. 40 Prozent der Weltwirtschaftsleistung erbringen und von Lieferketten wie Absatzmärken durch gegenseitige Abhängigkeiten geprägt sind“, wundert sich der Portfoliomanager.

Blick in die Zukunft

Im abgelaufenen Monat wurde die Berichtssaison der Unternehmen zu mehr als 90 Prozent abgeschlossen. Die ursprünglich erhoffte schnelle V-förmige Erholung der Unternehmensergebnisse nach den Pandemieeinbrüchen ist in vielen Branchen erfreuliche Realität geworden. „Die weiterhin niedrigen Zinsen lassen Aktien zwar absolut teuer, aber weiterhin relativ attraktiv erscheinen – wenn auch zunehmend selektiv. Auch jüngste Inflationsentwicklungen sprechen eher für Sachwerte wie Aktien. Hingegen dürfte das Leben für Anleiheinvestoren herausfordernd bleiben, Renditen werden auf absehbare Zeit real negativ sein – und dies in den meisten Regionen der Welt“, fasst Böckelmann zusammen.

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