Schätzungen gehen davon aus, dass zehn bis 30 Prozent aller Menschen mit wiederkehrender Depression nicht auf die bisher zugelassenen Therapien wie Medikation und Psychotherapie ansprechen. Für einige von ihnen könnte die Tiefe Hirnstimulation eine Therapieoption darstellen. Am Universitätsklinikum Freiburg haben Prof. Dr. Volker A. Coenen, Leiter der Abteilung Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie an der Klinik für Neurochirurgie, und sein Kollege Prof. Dr. Thomas Schläpfer, Leiter der Abteilung für Interventionelle Biologische Psychiatrie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, im August gemeinsam die 70. Tiefe Hirnstimulation bei einer schwer depressiven Patientin durchgeführt. Damit verfügen die beiden Experten bei dieser Therapieform über die meiste Erfahrung in Deutschland.

Schnelle, anhaltende Linderung nach vielen gescheiterten Therapieversuchen

„Unsere Patient*innen kämpfen jahrelang mit starken depressiven Erkrankungen. Die Tiefe Hirnstimulation führte beim Großteil der Behandelten innerhalb weniger Tage zu einer deutlichen Linderung. Während andere Therapieformen wie Medikamente oder Psychotherapie oft im Laufe der Zeit ihre Wirksamkeit verlieren, zeigen unsere Daten, dass der positive Effekt der Tiefen Hirnstimulation über Jahre anzuhalten scheint“, sagt Schläpfer. „Die Wirksamkeit und Sicherheit der Therapie hat sich in den letzten Jahren immer mehr bestätigt“, betont Coenen. „Für schwer depressive Menschen kann eine solche Tiefe Hirnstimulation in einigen Jahren auch außerhalb von Studien eine wirksame Behandlungsoption sein.“

Die Tiefe Hirnstimulation ist ein auf leichten elektrischen Reizen basierendes Verfahren, mit dem präzise gewählte Bereiche des Gehirns beeinflusst werden können. Dieses Verfahren gilt als Standard bei Bewegungsstörungen wie Morbus Parkinson und Tremor. Bei schwerer Depression werden den Patient*innen Elektroden ins mediale Vorderhirnbündel gesetzt. Diese werden dann mit einem Hirnschrittmacher verbunden. Ein schwacher, von den Patient*innen nicht wahrnehmbarer elektrischer Strom stimuliert die Nervenzellverbände. Viele der von den klinischen Forschern im Rahmen klinischer Studien behandelten Patien*innen litten zuvor zwischen drei und elf Jahren durchgehend an schweren Depressionen, bei denen weder medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlungen noch Stimulationsverfahren wie die Elektrokrampftherapie Besserung brachten.

Enge Zusammenarbeit zwischen Neurochirurgie und Psychiatrie bringt Forschung voran

Schläpfer und Coenen arbeiten seit mehr als zehn Jahren und in mehreren klinischen Studien gemeinsam an der Stimulation einer speziellen Zielregion: Das Mediale Vorderhirnbündel (Englisch “medial forebrain bundle“, slMFB) gilt als der Hauptregulator des Belohnungssystems und scheint bei der schweren Depression dysfunktional zu sein. Das Universitätsklinikum Freiburg hat zur Erforschung der Stimulation dieser Region mit der Tiefen Hirnstimulation bei Depression bereits vor Jahren eine eigene Abteilung geschaffen. Die enge Zusammenarbeit zwischen Neurochirurgie und Psychiatrie darf europaweit als einzigartig bezeichnet werden. International arbeiten auch andere renommierte Forscher*innen, wie beispielsweise die Gruppe um Helen Mayberg am New Yorker Mount Sinai Institut, an der Tiefen Hirnstimulation bei Depression.

Was die Stimulation in den Nervenzellen genau bewirkt, ist noch nicht bekannt. Offensichtlich verändert sie die Aktivität in verschiedenen Gehirnzentren und pathologische Schwingkreise werden unterbrochen. Das Verfahren gibt Anlass zur Hoffnung für Menschen, die an schwersten Formen der Depression leiden. Es wird aber vermutlich noch einige Zeit dauern, bis die Tiefe Hirnstimulation als Therapieverfahren auch außerhalb von Studien zugelassen wird. Um die Forschung auf diesem Gebiet weiter voranzutreiben, wurde am Universitätsklinikum Freiburg das „Wissenschaftliche Zentrum Tiefe Hirnstimulation“ etabliert. Die FORESEE III-Studie, die seit 2018 am Universitätsklinikum durchgeführt wird, ist ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg zur Zulassung als Standardtherapie.

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