Larissa Shpadinska lebt mit ihren drei Kindern in der Unterkunft des Unionhilfswerks für geflüchtete Menschen aus der Ukraine in Friedrichshain. Was hat die Familie erlebt? Wie sieht ihr Alltag aus? Wie geht es ihr jetzt? Larissa Shpadinska blickt auf ihr Leben, das seit dem 24. Februar nicht mehr das ist, was es mal war.

Wir kommen aus Cherson, aus Oleshki. Am 24. Februar sind wir losgefahren, als die Russen einmarschiert sind. Drei Tage waren wir unterwegs. Mein Mann hat unsere drei Kinder und mich mit dem Auto unter Beschuss bis Lwiw zum Zug gefahren. Wir fuhren auf Straßen, vor und hinter uns die Russen und du kannst nirgendwohin. In jedem Moment kann es vorbei sein. Als wir im Zug waren, wurden vor unseren Augen Brücken gesprengt, Saboteure erschossen, sahen wir die Flugzeuge am Himmel.

Innerhalb von zehn Minuten los

Wir konnten kaum persönliche Dinge mitnehmen, kamen mit einer halbleeren Tasche. Zwei der Dokumente für die Kinder habe ich vergessen. Was hätte ich jedem der Kinder auf die Schnelle einpacken sollen? Sie sind ohne persönliches Gepäck gefahren. Wir mussten ja innerhalb von zehn Minuten los – mit einer Tasche. Ich habe nicht einmal das Licht und den Fernseher ausgeschaltet, bin nur rausgerannt. Das hat meine Mutter am nächsten Tag gemacht, als die Bombardierung etwas nachließ. Meine Eltern sind in Oleshki geblieben und kümmern sich um unsere Katzen und unseren Hund.

In Deutschland geht es uns schon besser. Die Kinder besuchen die Schule und lernen Deutsch. Wir haben mittlerweile zwei Fahrräder, mit denen sie die Gegend erkunden. Sie haben Freunde gefunden hier im Wohnheim und unter den Klassenkameraden, verabreden sich für den Spielplatz oder zum Fußballspielen. Es ist leichter geworden für uns.

Ehemann und Vater kämpft an vorderster Front

Mein Mann kämpft immer noch an vorderster Front bei Charkow an der russischen Grenze. Wir können nur wenig telefonieren. Alle drei Tage meldet er sich, wenn er eine Verbindung hat – zwei, drei Minuten, um uns zu sagen, dass alles gut ist. Wenn die Kinder mit ihrem Vater kurz sprechen können, spüren sie seinen Kampfgeist. Er ist stark, überhaupt nicht gebrochen, macht sogar Späße mit ihnen. Neulich hatten wir eine gute Internetverbindung und konnten uns sogar in einem Videochat unterhalten. Hinter ihm wurde geschossen – er stand vor der Kamera und lächelte.

Zwei Kinder gehen zur Schule, das dritte ist traumatisiert

Wir schauen jeden Tag, was zu Hause los ist. Ich bin ständig unruhig, auch wenn es schon eine Struktur in unserem Alltag gibt. Ksjusha, meine kleine Tochter und Vladik, den Mittleren, bringe ich zur Schule, gleich einen Block weiter, das ist sehr schön. Sie gehen in die dritte und fünfte Klasse. Dort haben sie auch Freunde aus der Ukraine gefunden. Und es gibt noch andere russischsprachige Kinder. Kostja wäre eigentlich in der sechsten Klasse und will auch unbedingt zur Schule gehen. Aber es ist besser, wenn wir noch warten, bis er wieder gesund ist. Mit Kostja sind wir gerade bei einem Psychologen und verschiedenen Ärzten in Behandlung. Er ist traumatisiert, seit russische Soldaten das Maschinengewehr auf ihn gerichtet haben. Die anderen beiden Kinder saßen in dem Moment im Auto und haben es nicht gesehen.

Ksjusha fällt Deutsch leicht, sie kann schon ein paar Zahlen und Beispiele nennen. Die Kinder sind bis 14.00 Uhr in der Schule sehr gut versorgt. Sie haben Schultaschen und Federmappen bekommen. Das Mittagessen ist kostenlos und die Kinder sind neulich sogar ins Schwimmbad gegangen. Wenn Ksjusha nach Hause kommt, geht sie hier im Wohnheim noch zum Deutschunterricht. Den macht Anja aus St. Petersburg. Montags ist noch ein Kurs im Skaterpark. Vlad ist nicht so sportlich, er ist lieber hier im Zimmer und spielt gerne mit dem Handy. Kostja ist dagegen sehr aktiv.

Dankbar für die Unterstützung

In Deutschland fühlen wir uns sicher. Ich bin sehr dankbar für die Hilfe und all die Unterstützung, die wir bekommen. Wir wurden sehr gut aufgenommen und uns wird sehr geholfen. Ich habe immer gearbeitet und bitte nicht gerne um etwas. Zu uns kommen Menschen von sich aus und fragen, wie sie helfen können. Sie bringen einen Roller für Ksjusha und ein Fahrrad für die Jungs. Uns unterstützen sehr liebe Menschen. Manchmal nehmen Freunde Vladik mit auf die Datscha oder Kostja zum Radfahren.

Keine Pläne für die Zukunft

Die Zeit rennt. Ich achte seit dem 24. Februar nicht mehr auf das Datum. Ich kann nicht sagen, wie ich mich genau fühle. Meine Stadt ist besetzt von den Russen. Meine Verwandten sind noch dort. Als wir kürzlich zwei Tage keinen Kontakt hatten, habe ich nachts kein Auge zu gemacht, weil ich weiß, dass die Stadt beschossen wird. Die Leute löschen den Inhalt ihrer Telefone, weil sie überwacht werden.

Ich habe keine konkrete Vorstellung vom Leben, keine Pläne. Was soll ich sagen, wenn mein Mann an vorderster Front kämpft, wir die Stadt zurücklassen mussten, meine Eltern und unsere Verwandten unter Besatzern leben. Wir sind auseinandergerissen und verstreut in alle Richtungen.

Wir wollten ein Haus bauen, hatten unsere Arbeit, die Kinder gingen in die Schule. Wir haben unsere Stadt sehr geliebt. Die Natur bei uns ist sehr schön. Wir haben das Meer und eine Wüstenlandschaft. Wir sind viel in andere Länder gereist, aber leben wollte ich immer bei uns zu Hause. Ich hatte nie den Wunsch, für immer in ein anderes Land zu gehen. Mir wurde die Zukunft genommen. Jetzt ist da nur Leere.

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