Wie war es eigentlich damals? Wie haben die Menschen damals gelebt und gearbeitet, geliebt und gelitten? Was waren ihre Wünsche und Träume, ihre Sorgen und Nöte? Antworten auf solche und ähnliche Fragen können Erinnerungen geben. Und wenn sie dann noch so gut, so detailliert und farbig erzählt sind, wie im dritten und vierten der insgesamt fünf aktuellen digitalen Sonderangebote dieses Newsletters, die wie immer eine Woche lang zum Sonderpreis im E-Book-Shop www.edition-digital.de (Freitag, 09.09. 22 – Freitag, 16.09. 22) zu haben sind, dann macht es umso mehr Spaß, ihre Lektüre zu empfehlen. Der Autor beider Sonderangebote ist ein- und derselbe: C.U. Wiesner. In „Machs gut Schneewittchen“ präsentiert er „Zehn Geschichten aus der Kinderzeit“, in dem Folgeband „Leb wohl, Rapunzel“ sind es „Elf Kapitel aus der Jugendzeit“.

In „Die Wildgrube“ von Bernd Wolff bringt ein Verkehrsunfall das Leben eines 13-jährigen Jungen völlig durcheinander.

Die spannenden Ergebnisse einer intensiven Recherche nach der Durchsicht des Familiennachlasses kann man in „Mein Besuch bei den Ahnen. Fast 200 Jahre Familiengeschichte(n) aus Sachsen, Böhmen/Mähren, Niederschlesien und Bayern“ von Werner Müller nachlesen.

Und damit sind wir wieder beim aktuellen Beitrag der Rubrik Fridays for Future angelangt. Jede Woche wird an dieser Stelle jeweils ein Buch vorgestellt, das im weitesten Sinne mit den Themen Klima, Umwelt und Frieden zu tun hat – also mit den ganz großen Themen der Erde und dieser Zeit. In dieser Woche geht es wieder einmal um das Thema Natur- und Umweltschutz. Das sind große, oft schnell dahingesagte Worte. Doch was genau bedeuten Natur- und Umweltschutz? Und wie muss sich der Mensch verhalten, wenn er Natur und Umwelt wirklich schützen und bewahren will? Fragen, die immer drängender nach Antworten verlangen. Denn ansonsten …

Erstmals 1968 erschien im Kinderbuchverlag Berlin „Manne Forschtrat“ von Bernd Wolff: In Möncherode, einem kleinen Ort im Harz, geht der Sommer zu Ende und mit ihm die Ferien. Manfred Witteweg, von Lehrer Hüttenrauch „Forschtrat“ genannt, weil er sich so gut in der Natur auskennt und allerhand Tiere hält, freut sich auf den Neubeginn. Doch dann begeht er einen verhängnisvollen Fehler: gegenüber seinem Mitschüler Peeke Siemer prahlt er damit, einen von den Waschbären fangen zu können, die sich erst kürzlich in der Gegend angesiedelt haben, und setzt seine sprechende Krähe als Wetteinsatz ein. Von dem Kuhhirten Papa Palm entwendet er dazu eine alte Kastenfalle, die dieser sowieso nicht mehr braucht. Fast gelingt sein Vorhaben, doch da wird er von Fremden gestört. Von nun an geht vieles schief, und Manne muß seine ganze Erfindungsgabe aufbringen, um sich, seine Freundschaften und seinen Tierbestand zu erhalten. Weil aber in Möncherode einer auf den anderen angewiesen ist, findet sich immer wieder eine Lösung, wenn auch mitunter auf Umwegen.

Eine lustige Schulgeschichte aus den sechziger Jahren, in der manches drunter und drüber geht, aber letztlich doch immer weiter. So aber fängst sie erst einmal an:

Erstes Kapitel

Der August hat einen solchen Sommer zustande gebracht, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, und Möncherode schon gar nicht. „Können Sie sich wohl mal erinnern, Herr Kanter“, fragt die alte Mutter Marten den noch älteren Lehrer Neunzig, der an seinem Krückstock vorbeihumpelt und über das Rheuma ächzt, „dass wir je solchen Sommer hatten?“

„Neun Monate Winter, die restliche Zeit kalt, anders kenne ich die Berge nicht, woher hätt ich denn sonst das Reißen, woher? Aber in der heutigen Zeit gelten wohl die alten Regeln nicht mehr, tjaja.“

Und der alte Lehrer Neunzig hinkt stöhnend weiter, hofft auf ein leeres schattiges Bankplätzchen im Kurpark, und Mutter Marten renkt sich wieder beim Fremdenstübchenfensterputzen die kurzen Arme aus und schimpft in Gedanken auf den Staub, den die Autos alle so machen, man hat immer nur Arbeit davon, immer nur Arbeit.

„Aber das sage ich dir, Hildchen“, zetert auch Frau Siemer im Selbstbedienungsladen und kramt den letzten Zehnmarkschein aus dem Portemonnaie, „wenn das nicht bald anders wird mit der Hitze, dann musst du uns wohl oder übel noch die Margarine anschreiben, mein Alter versäuft mir den letzten Groschen! Er sagt: ,Hau du erst mal bei diesen Temperaturen dicke Bäume um!‘, und er braucht das für seine Malaria, sein Magen kriegt sonst Sprünge. Auf die Sprünge will ich ihm schon selber helfen, aber denkst du, er macht sich was draus? Die Männer sind ja alle so unvernünftig heutzutage! Gib mal noch drei Flaschen Harzer Brunnen, ist ja auch egal jetzt …“

In der Forstsiedlung Hirschbraake blickt die kleine Frau Witteweg währenddessen sorgenvoll zum Himmel auf und beginnt das Wasser für die Nerze einzuteilen.

„Wie wird das bloß der Oskar aushalten da unten im Süden?“, seufzt sie dabei und sucht den Hohlweg ab, ob nicht bald der Briefträger kommt, doch der sitzt unterwegs unter einem Baum, die Hosenbeine hochgekrempelt, kühlt die rot gescheuerten Füße im Quellbach und liest erst mal Zeitung.

Auch Förster Paschek hat so seine Bedenken.

„Die Kulturen stehen gut, der Mairegen war Gold wert, aber die Bestände! Hoffentlich macht uns nicht noch letzten Endes der Borkenkäfer zu schaffen, wie damals, achtundvierzig! Arbeitet mir bloß schleunigst den Windbruch auf, müsste schon lange fertig sein, verdammt noch eins!“

„Von wegen!“, brummt Opa Witteweg, der Brigadier. „Die Gnitzen lauern in der Braake, und wehe, du wagst dich einen Schritt hinein! Bei lebendigem Leibe fressen sie dich auf, dies Viehzeug. Wenn das so weitergeht, müssen meine Leute woanders eingeteilt werden nämlich, oder wir lassen uns allesamt krankschreiben und fahren an die Ostsee hoch, so!“

Den August kümmern die Sorgen der Erwachsenen nicht. Tagtäglich schickt er seine Sonne über den Himmel, rund und reif und saftig wie ein Goldparmänenapfel, und die Dächer der alten Fachwerkhäuser von Möncherode biegen sich wie trockene Brotschnitten, das Kasekenhai und das Bielshai, der Wurzelbrink und das Kunstbachtal weiter oben leuchten feurig rot von dem Gepluster der Weidenröschen, und wenn man Glück hat und ist nicht Forstimker Heidetraus Arbeitsbienen in den Weg gerannt, dann kann man mittendrin die braune Kuhherde läuten hören und weiden sehen, und man unterhält sich ein bisschen mit Papa Palm, der dasteht, als ginge ihn das alles nichts an, den breitkrempigen Hirtenhut auf und an der dicken schwarzen Hirtenjacke man gerade den obersten Knopf aufgemacht, und darüber noch den schwarzen Lederrucksack und das Bandelier mit den glänzenden Messingbeschlägen, und er spricht unerschütterlich und weise: „Disse Bärenhitze, de gaht ook wedder, un wie schwinne de wedder gaht! Ek lat man vorsichtshalwer min Senndachstüg anne, denn bruuk ek mek öwer nischt te wunnern. Sett, Lux!“

Papa Palm wundert sich auch über nichts, noch nicht einmal darüber, dass sein Freund Manne heute noch nicht gekommen ist. Und auch an den anderen Stellen ist Manne nicht aufzutreiben, weder bei der Mutter in der Nerzfarm noch beim Opa im Walde, und schon gar nicht drückt sich Manne etwa unter Mutter Martens Fenster oder gar im Selbstbedienungsladen herum. Manne steht im Hof und weiß nicht recht, was er machen soll.

Au wei, denkt er darum, ich möcht jetzt lieber nicht der Vater sein da im Donaudelta, den Baustaub zwischen den Lippen, pui! Und Hütte, er krebselt sich bei dieser Glut im Tatragebirge ab, schlimm, schlimm!

Er lockt Boiko. Der hockt in der allerhintersten, allerschattigsten Käfigecke, lässt die schwarzen Schwingen herabhängen und japst in kurzen Atemstößen durch den weit geöffneten Schnabel. Er hat keine Lust, sich von Manne abrichten zu lassen.

„Du kriegst was Besonderes, mein Schöner, sollst mal sehen!“, redet ihm Manne zu und beschließt, zu Fleischer Immerling zu gehen die drei Kilometer. „Wie wär’s mit Hackus?“

Schon weiß Manne wieder, was er machen kann.

„Soso, hundert Gramm Gehacktes also?“. wiederholt Fleischer Immerling und verschränkt die behaarten Arme vor der blau gestreiften Fleischerschürze. „Hundert Gramm Gehacktes, wenn ich recht gehört habe? Soll dann vielleicht noch etwas dazukommen, ein Viertelchen Elefantenkeule zum Beispiel oder fünfzig Gramm Eisbärenschinken unter Umständen?“ Dabei rührt er sich nicht vom Fleck.

„Sie haben wohl so was nicht?“, fragt Manne entgeistert, steht missmutig vor dem Fleischerladen und überlegt: Sechs Kilometer für umsonst, was machen wir denn nun? Und da, gerade in dem Moment, läuft ihm Peeke Siemer in die Quere, Peeke der Lange, der Kapitän der 2. Schulfußballmannschaft, der Pionierkreismeister im Skispringen und – leider, leider – der drittschlechteste Schüler des vergangenen Jahres, aber noch sind ja Ferien, da braucht man an so etwas nicht gleich zu denken.“ Und damit zu den ausführlicheren Vorstellungen der anderen vier Sonderangebote dieses Newsletters:

Auch von Bernd Wolff stammt das Buch „Die Wildgrube“, das erstmals 1988 ebenfalls vom Kinderbuchverlag Berlin gedruckt wurde: Es gibt unvorhergesehene Ereignisse, die einen aus der Bahn werfen können; für den 13jährigen Frederic Funcke war das der Zusammenstoß von Vaters Auto mit einem Stück Wild, kurz vor der Haustür, am Ende eines schönen Sommerurlaubes in den Beskiden. Plötzlich ist er, vorübergehend, auf sich allein gestellt; die Eltern und die jüngere Schwester liegen im Krankenhaus. Alles muss er nun allein entscheiden, sich um die Wohnung und das beim Unfall verstreute Urlaubsgepäck kümmern; zugleich beginnt das neue Schuljahr mit einem neuen Klassenlehrer – manchmal wird es dem Jungen fast zu viel. Die Schuld an dem Unfall schreibt er dem Tier zu. In der Nähe der Stelle, wo es über die Straße wollte, beginnt er, wie die Urmenschen aus dem Geschichtsunterricht, eine Wildgrube zu schachten, um sich an dem Wesen, das er als einziges unversehrt glaubt, zu rächen. Doch er wird beobachtet …

Erzählt wird die spannende Geschichte des Jungen Frederic, der sich selbst aus der seelischen Grube, in die er abzurutschen drohte, herausrettet, seiner Freunde und Widersacher, der Menschen um ihn, die er auf besondere Weise neu kennenlernt. Das alles in den achtziger Jahren in der wunderschönen Natur des Harzes rund um eine Stadt, die mittlerweile zu den Hauptanziehungspunkten dieser Gegend geworden ist. Und schon sitzen wir mit in einem Auto:

„1. Kapitel

Das Auto rauschte die lange kurvenreiche Bergstraße hinab. Es war, als blähe der warme Fahrtwind es auf, sodass man schlucken musste, um den Druck auf den Ohren loszuwerden.

„Eine Lust ist das, wie der Wagen läuft. Er wittert seinen Stall, unser Rolleken“, sagte der Vater gut gelaunt. Er sang: „Müde kehrt ein Wandersmann zurück nach der Heimat, seiner Liebe Glück …“ Er dehnte sich. „Massiere mir mal den Nacken, Frederic, das Kreuz bricht mir durch. Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.“

Eigentlich war der Junge zu faul. Zwölf Stunden endloser Fahrt fast ohne Pausen in dieser Hitze, warten am Zoll, warten an der Raststätte, warten an Tankstellen – das hatte ihn mitgenommen. Er fühlte sich verschwitzt und müde und hätte sich gern in die Ecke gekuschelt und gedöst wie die Schwester. Aber er begriff auch, dass es der Vater ungleich schwerer hatte. Seufzend rappelte er sich hoch und begann, die Schultern da vor sich zu knurpeln. Es waren knochige Schultern, die Muskelstränge wie harter Gummi, und Frederic walkte und kniff und verzog das Gesicht dabei. Er spürte, wie der Vater wohlig ächzend mitging. Der Hals, sonnenverbrannt und voller weicher blonder Härchen im Genick, rollte mit, der Kopf wiegte sich im Takt, mit Inbrunst schmetterte der Fahrer: „Und die Gärtnersfrau, so hold und bleich …“

Frederic sah nah vor sich die Stelle am Wirbel, wo das Haar schon dünn wurde, sie war ihm noch nie zuvor aufgefallen, und es rührte ihn eigentümlich, so etwas wie Altern an dem Mann zu bemerken, der im Urlaub in den Beskiden so unverwüstlich mit ihnen gewandert war, getobt und getollt und herumgealbert und gebadet hatte. Es war der schönste Urlaub bisher gewesen, jetzt aber näherten sie sich ihrem Zuhause. Frederic kannte die Straße, jede Kurve zwischen den Bergflanken hinab, jedes Waldstück. Von hier konnten es nur noch sechs oder sieben Kilometer sein, ein Katzensprung.

„Lasst doch den Unsinn jetzt während der Fahrt“, tadelte die Mutter, „du gehst dann gleich unter die Dusche, Werner, da wirst du wieder frisch, achte lieber auf die Straße.“

Der Vater wandte den Kopf und blickte sie schmachtend an. Er sang: „… doch bei jeder Rose, die sie bricht, rollt eine Träne ihr vom -“

„Werner! Gib acht! Das Tier!“, schrie die Mutter. Frederic fuhr auf. Rechts im Jungwuchs, dreißig Meter vor ihnen, undeutlich im Gefleck von Licht und Schatten, stand groß und rot ein Stück Wild hart an der Fahrbahnkante. Der Vater trat so heftig auf die Bremse, dass es alle nach vorn riss. In dem Moment sprang das Tier. Es traf genau gegen die Frontscheibe. Ein Hagel von Glas überschüttete sie. Frederics Kopf prallte gegen den Nacken des Vaters. Der Wagen brach aus, schlingerte, schüttelte, bockte. Als der Vater ihn fast zum Stehen gebracht hatte, rutschte er seitwärts in den Graben und knallte gegen einen Baum. Krachen, Klirren, Knirschen. Stille.

Frederic hob den Kopf, unwillkürlich fuhr die Hand zum Mund, der schmerzte wild. Da begriff er. Dort hingen die Eltern, die Schwester unbeweglich. Gepäckstücke waren durcheinandergepoltert. Er riss und stemmte an seiner Tür, die sofort nachgab, fast wäre er hinausgestürzt. Der Boden war hier tief und schräg, sodass er kaum festen Halt fand. Er zerrte Susanne heraus, die schlaff und schwer in seinen Armen hing, schleifte sie ein Stück den Graben hinauf, bettete sie dort. Hastete zurück, versuchte die Fahrertür zu öffnen, schaffte es mit großer Anstrengung, riss den Vater hinter dem Lenkrad hervor, das so dicht an ihn herangerückt war. Wie ein Sack legte sich der Körper auf ihn, hing dann im Haltegurt fest, den er so schnell nicht lösen konnte, er heulte vor Verzweiflung. Er wusste nicht, wie es gelang, doch dann rutschte der Vater auf ihn, und er plagte sich mit ihm ab. Schon griffen helfende Hände zu, jemand musste inzwischen angehalten haben. „Mutti ist noch drin“, keuchte er, dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Er kam zu sich, lange Zeit oder wenige Augenblicke später, weil ihm jemand in den Mund blies. Unwirsch schob er das Gesicht beiseite, richtete sich auf. „Liegen bleiben!“, herrschte ihn eine tiefe Stimme an. „Der Rettungswagen kommt gleich.“ Das Gesicht hatte er noch nie gesehen, Schnurrbart, Glatze. Es bedeutete ihm nichts.

„Ist Mutti raus?“, brachte er mühsam hervor. Die Lippe war ihm unförmig angeschwollen, es schmeckte nach Blut. Im Kiefer puckerte es.

„Ja, ja. Gib Ruhe!“ Das Gesicht verschwand, stattdessen öffnete sich über ihm der Himmel. Er war hoch und weit, die Wolken, die in großer Höhe dahinschwammen, hatten rötliche Säume von Abendlicht, und in einer Esche, die ihre Fiederblätter unbeweglich spreizte, sang, als wäre nichts geschehen, ein Amselhahn. Voll und rund tropften die Töne herab, und immer, wenn er später an diese Stunde dachte, verband sich ihm alles mit dem Abendlied der Schwarzdrossel. Er lag und dachte an nichts, außer dass er auf seltsame Art davongekommen war. Noch drang das Geschehen nicht mit aller Härte in sein Bewusstsein. Er war erleichtert und fand es beruhigend, einfach so dazuliegen und den Gesang in sich fließen zu lassen. Wenn nur der Schmerz in den Zähnen nicht wäre!

Dann neben ihm das tiefe Knurren einer schweren Maschine, so nah, dass es peinvoll den Schädel zu sprengen drohte, es ging auch nicht fort. Als es endlich erstarb, war auch von der Amsel nichts mehr zu hören. „Kann ich helfen?“ Eine fremde Männerstimme.

„Bist du Arzt?“ Das war der Glatzkopf.

„Nein. Aber manchmal ein bisschen Zauberer. Sie leben doch wohl alle?“ Schritte knirschten, näherten sich schließlich Frederic. Wieder beugte sich ein Gesicht über den Jungen, ein schmales Oval mit vom Sturzhelm angedrückten feuchtdunklen Haaren. Eindringlich forschende, fast schwarze Augen, leicht gebogener Nasenrücken, ein Mund, der überrascht lächelte. „Hier ist ja einer voll da. Halt durch, Junge, Hilfe naht. Beiß die Zähne zusammen.“

„Geht nicht“, es kam Frederic vor, als habe er eine Kartoffel im Mund, „die sind raus.“

Der junge Mann strich ihm über den Kopf. „Bist ein tapferer Bursche. Wirst auch wieder küssen können.“

„Was – was ist mit Mutti? Und Vati, sag!“

„Gleich ist der Arzt da. Reg dich jetzt nicht auf. Alles okay.“

Der Fremde erhob sich, nun war wieder der Himmel über Frederic. Undeutlich hörte er Gemurmel. „Wie ist das passiert?“ – „Dem muss was reingerannt sein, ein Reh oder was.“ – „Am hellerlichten Nachmittag?“

„Abend, Kamerad. Hast du mal eine Zigarette? Nichtraucher? Das ist dumm, mir zittern richtig die Knie. Als ich die Frau geborgen habe, ist mir bald schlecht geworden, das blutige Gesicht. Und leicht war die auch nicht gerade. Herrgott, wann kommen denn nun die Brüder?“ – „Ein Jammer, dass es auch immer wieder Kinder erwischt. Wie es aussieht, kamen die aus dem Urlaub, morgen geht die Schule an.“ – „Die Schule? Die kannst du vergessen, vorläufig.“ – „Hauptsache, es bleibt kein Dauerschaden.“ – „Sieh dir mal das Knie von dem Mann an, ganz verdreht. Und kein Aas von Arzt in Sicht. Ich muss weiter, Mensch.“

Frederic vernahm das alles, aber es gab keinen Sinn für ihn. Hatte da jemand den Fernseher laufen? Und was könnte das mit der Amsel zu tun haben, die ein paar Bäume weiter wieder sang und sang?“

Erstmals 1982 veröffentlichte C. U. Wiesner im Eulenspiegel Verlag Berlin „Machs gut Schneewittchen. Zehn Geschichten aus der Kinderzeit“. Dazu schrieb der Autor selbst: Auf  den folgenden  Seiten tauchen die Gestalten meiner Kindheit aus dem Nebel der Vergangenheit auf: der böse Kaufmann Sumpf, dessen Weib ich in ohnmächtiger Rachsucht beinahe umgebracht hätte, der furzende Lehrer Buchhorn, dem ich einen Spitznamen verpasste, der ihm bis zum Lebensende anhing, die Kinder des Reichspropagandaministers auf der Insel Schwanenwerder, der Feldmarschall von Mackensen in der Uniform der Totenkopfhusaren, welcher schmählich im Katzendreck erstickte, und viele andere.

Meine Heimatstadt nannte ich 1982 nicht beim Namen, aber sie ist unschwer als Brandenburg an der Havel zu erkennen. Auch die meisten Personen verschlüsselte ich, denn man weiß ja nie. Trotzdem wäre es einmal beinahe schiefgegangen. 1986 veranstaltete die größte Buchhandlung der Stadt eine Signierstunde. Mehr als zweihundert Leser standen Schlange, aber so was war im Leseland DeDeDingsda keineswegs ungewöhnlich. Bei der anschließenden Lesung saß in der ersten Reihe ein Mann, der mir durch seine Schnapsfahne und seinen finsteren Blick auffiel. Leicht verunsichert überlegte ich: Woher kennste denn den Kerl? Nachdem der Beifall verrauscht war, zischte mir der Mann zu: „Det is ne Schweinerei von dir, dette jeschrieben hast, wie dolle mein Vadder jeschielt hat. Komm du mir nachher hier raus, sag ick dir!“

Nun erst erkannte ich meinen ehemaligen Jungenschaftsführer Günter, der in dem Kapitel Als ich ein Großdeutscher Pimpf war zu Recht nicht sehr schmeichelhaft weggekommen ist. Ich verließ die Buchhandlung durch die Hintertür. Wie lange können Ressentiments noch weiterglimmen? Er war damals dreizehn, ich zwölf Jahre alt.

Eigentlich sollte der Schutzumschlag ein Mädchen und einen Jungen in der Kinderuniform des Tausendjährigen Reiches zeigen. Dies verhinderte der Leiter des Eulenspiegel Verlages: „Solange ich was zu sagen habe, kommen mir keine Nazisymbole auf die Umschläge!“

Die beiden Kindlein, die auf der damaligen Auflage zu sehen waren, trugen neckisches Zivil. So fragten auf den Buchbasaren viele Käufer: „Das ist doch wohl ein Kinderbuch?“ Dann musste ich sie immer warnend darauf hinweisen, dass in dem Buch viele unanständiger Sprüche vorkämen.

Auch die Titelfigur, mit der ich ja aus reiner Pointensucht nicht durchweg liebevoll umgegangen bin, ist mir noch einmal leibhaftig begegnet. Nach einer Lesung 1989 in der Freien Universität Berlin stand eine ansehnliche Dame vor mir: „Kennst du mich nicht mehr? Ich bin doch dein Schneewittchen.“ Sie hat mir nichts nachgetragen, und solange wir nicht gestorben sind, reden wir ab und an noch gerne miteinander.

Wer wissen möchte, wie es dem Erzähler fürderhin ergangen ist, der greife bittschön zu seinem Buche „Lebwohl, Rapunzel!“, empfahl C.U. Wiesner seinen Leserinnen und Lesern. Aber hier erstmal ein Auszug aus „Schneewittchen“:

„Wie ich beinahe TERRORIST wurde

Kein Mensch wird als Gewalttäter geboren. So war auch ich zunächst ein braver, etwas moppelhaft anzusehender Knabe, bevor mich das Gefühl jäh angetanen Unrechts um ein Haar zu einer mordgierigen Bestie werden ließ. Dabei zählte ich nicht viel mehr als sieben Lenze und lebte vorwiegend bei meiner Großmutter, die sich redlich mühte, mich zu einem Prachtexemplar von deutschem Jungen zu erziehen. So prangte an unserer einzigen Stubentür eine bunte Europakarte. Darauf durfte ich nach den täglichen Wehrmachtsberichten aus den Reichsrundfunksendern mit selbst gebastelten Stecknadelfähnchen den jeweiligen Frontverlauf markieren. Im ersten Kriegsjahr war das noch eine aufregende Beschäftigung. Später, als die Fähnchen immer häufiger nach links zurückgesteckt werden mussten, hat meine Großmutter die Landkarte abgenommen und eines Tages trotz des warmen Frühlingswetters in unserem einzigen Kachelofen verbrannt. Als wir jedoch das Jahr 1940 schrieben, musste ich noch jeden Abend mein Kindergebetchen sprechen: „Lieber Gott, ich bitte dich: Ein gutes Kind lass werden mich! Gib mir Gesundheit und Verstand und schütze unser Vaterland! Schütz auch den Führer jeden Tag, dass ihm kein Leid geschehen mag! Amen!“

Dieses ersprießliche Gebet geriet erst aus der Mode, als uns die Sirenen des Fliegeralarms zur Schlafenszeit immer häufiger in den Luftschutzraum trieben.

Für mich stand felsenfest, dass ich einmal Jagdflieger, zumindest aber U-Boot-Kommandant werden würde. Dazu waren zwei Voraussetzungen nötig. Einmal durfte der Krieg nicht zu schnell beendet werden, indem sich etwa die feige Feindesbrut gar zu eilig ergeben sollte. Zum anderen musste man selber Mumm in den Knochen haben, ein ganzer Kerl sein, eben ein mutiger deutscher Junge. Selbst Siebenjährige ließen keine Gelegenheit aus, ihre Heldenneigung zu beweisen.

In der Nähe des Hauptbahnhofs befand sich eine Fußgängerbrücke. Man hatte sie errichtet, damit die Kleingärtner und Siedler zu ihren Grundstücken gelangen konnten und nicht ewig vor den Schranken warten mussten, die wegen rangierender Güterzüge fast immer geschlossen blieben. Vor Jahren hat man übrigens – ich vermute, auf Wunsch der heutigen Kleingärtner und Siedler – besagte Brücke abgerissen, und als ich dort neulich den Motor ausschaltete und mir eine Zigarette anzündete, ist mir das alles wieder eingefallen. Kam damals eine Lokomotive angefahren, so bestand die erste Mutprobe darin, unerschrocken auf der Brücke stehen zu bleiben und sich den schwarzen Qualm nebst den Funken um die Nase wehen zu lassen. Höherer Mut gehörte schon dazu, auch dann nicht fortzulaufen, wenn das schwarze, fauchende Ungetüm genau unter der Brücke anhielt. Rußgeschwärzte Gesichter, schmerzende Brandflecken und Brandlöcher im Pullover waren der sichtbare Beweis für unsere Kühnheit, die erst dann kläglich dahinschwand, wenn verständnislose Eltern zum unwürdigen, doch bewährten Rohrstock griffen.

Die höchste Mutprobe aber bestand darin, sich von einem rangierenden Güterzug überfahren zu lassen. Das war ganz einfach. Man brauchte nur ein paar Handvoll Schotter zwischen zwei Schwellen herauszuklauben und sich vor dem Herannahen des Zuges flach zwischen die Schienen zu pressen. Hier nun, fast stocke ich beim Berichten, gebrach es mir an jener letzten Kühnheit. Auch nach mehreren, immer höhnischer werdenden Aufforderungen der älteren Jungen machte ich Ausflüchte und traute mich schon gar nicht mehr recht auf die Straße. Bis mir ein Einfall kam, mit dem ich mich zum Helden des gesamten Bahnhofsviertels aufzuschwingen gedachte.

Ich hatte irgendwo läuten gehört, dass es zu ungeheuren Explosionen käme, wenn man Feuer und Wasser vermischt. Mein erster Laborversuch schien das zu bestätigen. Sobald ich gegen die rot glühende Tür des Kachelofens spuckte, ertönte ein warnendes Zischen. Ich wurde kühner, heizte heimlich unsere elektrische Kochplatte auf der dritten Stufe an und goss ein Viertellitermaß kalten Wasses in einem Zug darüber. Ich erschrak fast zu Tode, als das gemarterte Eisen förmlich aufkreischte und sich mit einer heißen Dampfwolke zur Wehr setzte.

Nun war ich mir meiner Sache sicher. Sollte ich nach dem heldenhaften Wagnis noch am Leben sein, so würde ich mich umgehend an die Westfront melden, um alle noch nicht in deutscher Hand befindlichen französischen Eisenbahnzüge umgehend in die Luft zu sprengen. Ich krakelte auf die ausgerissene Seite eines Schulheftes: „Wenn ich fale, fale ich für Deutschland. Weint nicht um mir. Meine Spilsachen sol mein kleiner bruder haben. Euer lieber Ulrich.“

In das Vorhaben hatte ich nur meinen besten Freund, den Malermeistersohn Hansi eingeweiht. Er sollte unterhalb der Brücke Zeuge der großen Tat werden und im Falle eines Opfertodes meinen Ruhm der Nachwelt künden.

Wir warteten lange vergeblich. Die Abenddämmerung zog herauf. Hansi wurde immer kleinlauter, denn sein strenger Vater pflegte die Hausaufgaben zu kontrollieren. Endlich zeigte sich eine Rangierlok willig und blieb mit dem nur schwach dampfenden Schlot genau vor dem Brückengeländer stehen. Die Ausführung fiel mir ungeahnt leicht, denn meine Blase drückte mich nach stundenlanger opferbereiter Enthaltsamkeit gehörig. Schon der erste Strahl fand sein Ziel, genauer gesagt, er traf ins Schwarze.

Der Gegner indessen zeigte nicht die geringste Wirkung. Er schnaubte heftig auf und fuhr unbeeindruckt dem Rangierberg zu. In namenloser Enttäuschung knöpfte ich den Hosenlatz zu. Ich war so sehr in finstere Gedanken versunken, dass ich den neuen Feind, der mir unerwartet in der Gestalt des Schrankenwärters Hampke erwuchs, beim Abstieg gar nicht bemerkte. Statt meines Freundes Hansi, der sich längst verkrümelt hatte, nahm mich am Fuße der Treppe der kräftige Mann mit der Bahnermütze in Empfang, zog mich an den Ohren in die Höhe, beschimpfte mich als Regimentsschwein und Pullerferkel und kündigte mir an, mich bei der Polizei zu melden. Ich heulte ein wenig, nicht so sehr aus Angst oder vor Schmerzen, mehr aus dem ohnmächtigen Gefühl heraus, diesem groben Unhold gegenüber nicht die durchaus edlen Motive meines Tuns artikulieren zu können.

Seitdem mied ich für längere Zeit die Bahnbrücke und ging fortan fast jeden Nachmittag brav an Großmutters Hand zur Tante Meta. Sie war eine gütige , immer bleiche Matrone, die selber kinderlos, dazu neigte, mich mit Süßigkeiten, Zinnsoldaten und selbst erdachten Märchen zu verwöhnen. Manchmal, noch nach vierzig Jahren, träume ich von ihr. Ich bin sehr krank, liege im fast abgedunkelten Zimmer. Tante Meta sitzt an meinem Bett, legt mir etwas angenehm Kühles auf die Stirn und singt mit ihrer wunderschönen klaren Stimme: „Schlaf, Herzenssöhnchen, mein Liebling bist du.“

Vielleicht rührte Tante Metas Bleichsucht von ihrer Tätigkeit her. Sie besaß eine Heißmangel, mit der sie mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt verdiente. Tagaus, tagein stand sie hinter dem brummenden Ungeheuer. Ich durfte es nicht berühren, denn da waren ungewisse Geschichten in Umlauf – von Leuten, denen es die Hand weggerissen, ja den ganzen Arm mit durchgedreht hatte. Ich habe die friesumspannte Walze nur hier und da, wenn es keiner bemerkte, flüchtig angetippt. In meiner Vorstellung sah ich mich nämlich platt gewalzt zu einem bunten Tuch mit menschenähnlichen Umrissen am anderen Ende herauskommen und zusammengefaltet in einem Wäschekorb verschwinden.“

Erstmals 1985 veröffentlichte C. U. Wiesner im Eulenspiegel Verlag Berlin „Leb wohl, Rapunzel. Elf Kapitel aus der Jugendzeit“. Dem E-Book liegt die Fassung von 1989 zugrunde. Auch dazu sei der Autor selbst zitiert:

„In der Havelstadt Brandenburg endeten meine Kindheitserinnerungen „Machs gut Schneewittchen“. Und genau da geht es nun weiter. Das Kriegsende naht. Den letzten schweren Luftangriff erlebe ich in einem Hochbunker. Und plötzlich sind die gefürchteten Russen da. Der deutsche Kampfkommandant weigert sich zu kapitulieren. Lieber opfert er die Stadt. Vorbei an den ersten Toten, die ich in meinem zwölfjährigen Leben sehe, geht es hinaus auf einen Flüchtlingstreck. In einem märkischen Dorf hören wir im Reichsrundfunk die Meldung, dass unser heißgeliebter Führer an der Spitze seiner Truppen in heldenhaftem Kampf  gefallen sei. Nur den schwachsinnigen Alwin aus unserer Straße freut das: „Wenn der abjekratzt is, kann er mir nich mehr wechholen lassen“, sagt mein Pappa.

Nach dem Abitur versucht mich die Großstadt Berlin an ihren gewaltigen Busen zu drücken. Diese Liebe ist zunächst einseitig, nicht aber meine Liebe zu Luise, die nun für ein Jahr im Städtischen Dolmetscherseminar neben mir sitzt. Voller Seligkeit paddeln wir im Faltboot durch die märkischen und mecklenburgischen Seen, wandern den Rennsteig entlang und spuken auf der Burg Falkenstein im Harz herum. Alles könnte gut sein, wäre da nicht die noch mauerlose Stadtgrenze. Jede Woche zweimal besucht Luise, die in Wirklichkeit Annegret heißt, in Westberlin den Gottesdienst einer christlichen Sekte, und ich bemühe mich, ihr in ihrem Glauben zu folgen. Warum soll ich mir kein Beispiel an dem französischen König Henri IV. nehmen, der zum katholischen Glauben übertrat, weil ihm Paris eine Messe wert war? Man braucht ja nur 20 Pfennige für eine S-Bahnkarte, um das Land zu wechseln.

Voller Zweifel setzte ich mich im Sommer 1955 allein auf mein Fahrrad, um jene andere Welt zu erkunden. Begeistert sah ich die Alpen, den Bodensee, den Schwarzwald – und fuhr zurück in das schäbige, graue und doch so vertraute Ostberlin. Für mich wollte das Wasser nicht von unten nach oben fließen. Viel, viel später las ich Christa Wolfs Roman „Der geteilte Himmel“. Und ich heulte ein bisschen.

Aber die Show musste weitergehen. Ich war Redaktionsassistent, Hilfsredakteur, Redakteur in den Verlagen Volk und Wissen, Volk und Welt und wurde schließlich Lektor im Eulenspiegel Verlag, und der brachte dieses Buch genau dreißig Jahre nach jener Radtour heraus. Und auch daraus ein längerer Auszug, der kurz nach dem Anfang zu finden ist:

Als die Familie noch Kreise zog

Ein verführerischer Duft von Zwiebeln und Knoblauch kitzelt meine Nüstern. Claudia bereitet das Essen für morgen vor; wir bekommen Besuch. Schalet gibt es leider nur, wenn wir Besuch bekommen. Für zwei lohne der Aufwand nicht, meint Claudia, außerdem werde man vom häufigen Schaletessen zu fett.

Man gibt in einen großen Topf: ein Pfund eingeweichte braune Bohnen (die man sich am besten von Freunden aus Ungarn mitbringen lässt; zur Not, aber nur zur Not tuns auch einheimische weiße Bohnen), zwei bis drei Pfund grob geschnittenes Kasslerfleisch, sechs große Zwiebeln, mindestens zwölf Knoblauchzehen, eine Tasse Gerstengraupen, einen Esslöffel Zucker, einen Esslöffel edelsüßen Paprika, einen Teelöffel schwarzen Pfeffer, einen Teelöffel gemahlenen Kümmel, einen Teelöffel scharfen Paprika und Salz nach Belieben. Das Ganze lässt man eine Stunde auf dem Herd bei kleiner Flamme unter ständigem Umrühren kochen, fügt drei bis vier Gläser Rotwein hinzu und stellt den Topf in die vorgeheizte Backröhre. Dort gewährt man dem Schalet – wiederum bei kleiner Flamme – zwei bis drei Stunden zum eigentlichen Reifen. Vor dem Essen reicht man ein Gläschen Kirschwasser, Slivowitz oder Adlershofer Wodka, zum Essen Weißbrot, Gewürzgurke, Bier oder Selters, danach einen Mokka, von dessen Trockensubstanz pro Tasse Friseur Kleinekorte und seine Frau eine Woche lang ihren Morgenkaffee bereiten würden. Gute Gastgeber haben selbstverständlich eine Lage Verdauungstabletten wie Cholecysmon oder das im Volksmund Pupirol genannte Mezym forte zur Hand.

Und wann fängst du heute endlich an zu arbeiten? fragt Claudia; ihre Stimme klingt noch immer freundlich.

Jetzt, sage ich und reiße mich von den Küchendüften los.

Was verstehst du unter Familie?

Friedrich Engels, sagt sie lustlos, Keimzelle der Gesellschaft. Ehemann, Ehefrau, falls vorhanden – Kinder.

Falls aber kein Ehemann vorhanden?

Trotzdem Familie, entscheidet sie.

Wenn man aber von Familienfesten spricht?

Dann gehört noch mehr dazu: Tanten, Onkels, die ganze bucklige Verwandtschaft, die Sippe kurzum.

Wer gehört zur Familie, bohre ich weiter, wer zur Sippe?

Wie so oft, wenn wir uns klein und dumm vorkommen, schlagen wir in gescheiten Büchern nach.

Der Herr Brockhaus schreibt in seinem Konversationslexikon von 1894: Auch bei uns hat das Wort Familie verschiedene Bedeutungen. Im engem Sinne bezeichnet es die Genossenschaft zwischen den Ehegatten und deren Kindern, im weitern Sinne den Kreis der Verwandten, welche durch gemeinschaftliche Abstammung verbunden sind, ohne Unterscheidung, ob die Verwandtschaft durch Männer oder Frauen vermittelt ist. Das beruhigt uns insofern, als Onkel Oswald wenigstens nicht zum harten Kern unserer Genossenschaft gezählt werden muss, sondern allenfalls zur Sippe.

Unter diesem Stichwort klärt uns Herr Meyer in seinem Neuen Lexikon von 1975 auf. Erstens bedeutet es etwas Biologisches, aber das wollen wir gar nicht so genau wissen. Zweitens hat Sippe was mit Völkerkunde zu tun und meint sich aus kleineren vater- oder mutterrechtlichen Verwandtengruppen zusammensetzende Gruppe von Verwandten, deren Mitglieder in der Regel nicht zusammen wohnen. An dem Deutsch merkt man, dass Goethe 1894 erst 62, 1975 hingegen schon 143 Jahre tot war.

Das heißt also, kommentiert Claudia, Verwandtschaft besteht aus einem Klumpen Verwandtschaft, der aus mehreren Klumpen Verwandtschaft besteht. Bloß gut, dass sie wenigstens in der Regel nicht zusammen wohnen, das fehlte noch.

Karl Kraus hat es zwar wissenschaftlich ungenauer, dafür aber um so treffender ausgedrückt: Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit.

Bei der Genossenschaft im engern Sinne, in der ich vom Knaben zum Jüngling aufwuchs, spielte der Begriff Familie noch eine gewichtige Rolle. Familie – das waren sämtliche Verwandten, zu denen man mehr oder weniger Kontakt hielt, die Mischpoke, wie sie mein Vater zuweilen nannte, ohne sich bewusst zu sein, dass er da ein jiddisches Wort im Munde führte. Amtlich aber bestand die Familie Wiesner aus Vater Ewald (Jahrgang 1907), Mutter Lotte (1911) und den Kindern Ulrich (1933) und Peter (1936).

Der Genossenschaftsvorsitzende galt bei uns, wie damals allgemein üblich, als Respektsperson, als unumschränkter und keineswegs kritisierbarer Herrscher. Ruhe, Vater schläft! Wer hätte da gewagt, auch nur zu flüstern? Nicht mal die Frau des Genossenschaftsvorsitzenden. Wenn ihm was zu bunt wurde, konnte er sogar mit der Faust auf den Tisch hauen, dass die Tassen aus seinerzeit spottbilligem Tuppack-Porzellan klirrten. Und selbstverständlich stand ihm bei den Mahlzeiten das größte Stück Fleisch zu.

Das alles galt freilich nur für die Friedenszeit, als man die Kleinbürgerwelt noch als heil empfand, vielleicht noch bis in die ersten Kriegsjahre hinein, solange uns die Fanfare des Reichsrundfunks Siegessondermeldungen am laufenden Band zu verkünden hatte. Später hat mein Vater auf all seine Vorrechte verzichtet und von seinem kleineren Stück Fleisch noch die Hälfte für seine Söhne abgeschnitten.

Bei näherem Nachdenken komme ich zu der Überzeugung, dass unsere engere Verwandtengruppe nur nominell vaterrechtlich, in Wirklichkeit aber mutterrechtlich orientiert war. Um einen moderneren Vergleich zu gebrauchen: Wenn Vater der offizielle Genossenschaftsvorsitzende war, so kam Muttern der Rang eines inoffiziellen Parteisekretärs zu, das heißt, die Machtfrage wurde oft entschieden, ohne dass Vater es merkte.

Ich könnte mich schon wieder auf Klassiker Engels beziehen und den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung der Hausfrau erwähnen. Vater verdiente in den braungoldenen Vorkriegszeiten zu wenig Geld. Er brachte es im Rathaus zu nichts, da er sich zu wenig für die neuen Herren engagierte. Vater war da – zum Leidwesen seiner Frau – eher misstrauisch denn ehrgeizig.“

Erstmals 2020 brachte EDITION digital als Eigenproduktion „Mein Besuch bei den Ahnen. Fast 200 Jahre Familiengeschichte(n) aus Sachsen, Böhmen/Mähren, Niederschlesien und Bayern“ von Werner Müller heraus – und zwar sowohl als gedruckte Ausgabe wie auch als E-Book: Beim Ordnen des über Jahre angesammelten Nachlasses aus den Familien des Autors und der seiner Frau konnten viele sich dabei ergebende Fragen nicht oder nur unvollständig beantwortet werden.

Als Rentner über den erforderlichen Zeitfonds verfügend, ging Werner Müller deshalb daran, die Lücken durch Befragung noch vorhandener Zeitzeugen, durch Recherchen in Büchern, Archiven des In- und Auslandes und im Internet zu schließen.

Dabei fand er neben den üblichen Lebensdaten zahlreiche interessante, spannende, dramatische Geschichten von und über die Vorfahren, über ihr Leben zwischen Geburt und Tod, über die „Verhältnisse“, die sehr oft einfach nicht so waren, wie sie hätten sein sollen, für Brot und Wein, für ein Leben in Frieden und Zufriedenheit.

Die Verknüpfung der Schicksale einfacher Menschen mit den geschichtlichen Ereignissen ihrer Zeit ermöglicht dem interessierten Leser eine Erweiterung seines Geschichtsbewusstseins in unserer schnelllebigen Gegenwart. Hier das Eingangsstatement des Autors:

Prolog

Vor nun schon mehreren Jahren, an einem grauen Wintertag, blätterte ich, Werner Müller, geboren 1948, gemeinsam mit meiner Frau Brigitte, Jahrgang 1949, wieder einmal in alten Fotos und Papieren aus den Nachlässen unserer Familien. Dabei stellten wir erneut fest, dass uns die auf nicht wenigen altertümlichen, teils recht vergilbten Fotos abgebildeten Menschen oft gänzlich unbekannt waren. Dazu fiel mir noch ein Vers aus der Novelle „Aquis submersus“ Theodor Storms ein:

„Gleich so wie Rauch und Staub verschwind,

also sind auch die Menschenkind“.

Sollte das so bleiben? Die da zu sehen waren und von denen geschrieben stand, das waren ja unsere Vorfahren. Das waren Menschen, die nach den Erkenntnissen der Naturwissenschaft, der Erbbiologie, bewusst oder unbewusst zu einem Stück in uns weiterleben. Durch sie sind wir im Heute mit dem Gestern untrennbar verbunden. Eines Tages dann werden wir selbst Vorfahren geworden sein, wie der Schriftsteller Erich Kästner so schön schreibt. Sollten wir uns vielleicht einmal darauf besinnen, dass wir nicht einsam und allein im Ozean der Zeit schwimmen, sondern jeder das Glied einer unzerreißbaren Kette ist, sogar noch nach dem Tod. Sollten wir vielleicht einmal über Zusammenhänge zwischen dem Gestern und dem Heute nachdenken?

Sicher, das ist besonders für junge Leute nicht so einfach zu verstehen. Die Theologin Margot Käßmann, ehemalige Bischöfin und zeitkritische Autorin nicht weniger Bücher, meint, dass wir in jungen Jahren ständig vorwärts leben und versuchen, die vor uns liegenden Herausforderungen zu bewältigen. Erst später, älter geworden, nehmen wir uns die Zeit um einzuordnen, was wir und andere erlebt haben, suchen Zusammenhänge – in der zweiten Hälfte des Lebens.

Da aber ist es oft schon zu spät, um Zeitzeugen, beispielsweise Großeltern, zu befragen. Ich habe das schmerzhaft wahrnehmen müssen. Denn beim Sammeln der Lebensdaten der Vorfahren ergaben sich immer wieder Fragen, die nicht so einfach zu beantworten waren. Doch dazu später.

Mit 65 Jahren hatte ich mit tatkräftiger Hilfe meiner Frau Brigitte schon eine Ahnentafel für unsere Kinder angefertigt. Da waren sie schön aufgereiht – Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Auch die nächste Generation hatten wir manchmal gefunden, aber dafür war das verwendete Formular zu klein. Es reichte nur für Berufe, Geburts-, Todes- und Hochzeitsdaten.

Dazwischen gab es jedoch zahlreiche interessante, spannende, dramatische Geschichten von und über die Vorfahren, über ihr Leben zwischen Geburt und Tod, über die „Verhältnisse“, die sehr oft einfach nicht so waren, wie sie hätten sein sollen, für Brot und Wein, für ein Leben in Frieden und Zufriedenheit. Verhältnisse, die sie trotzdem überstanden, ja auch meisterten.

Davon wollen wir für die Generation unserer Kinder und vielleicht auch die der nächsten Generation, die der Enkel, ein wenig erzählen. Wie und was waren sie, die Vorfahren?

Bevor wir mit unserem Bericht beginnen, noch ein Hinweis: Erzählt wird im Folgenden von den Vorfahren aus unserer Sicht bzw. der unserer Generation, also der jetzt etwa 70-Jährigen. Da sind unsere Eltern die Großeltern unserer Kinder, unsere Großeltern die Urgroßeltern der Kinder und so fort. Dabei langten wir schließlich bei unseren Urgroßeltern an. Das sind immerhin acht Frauen und acht Männer, über die zu berichten ist. Manchmal, wenn das möglich und sinnvoll war, sind wir noch einen Schritt weiter gegangen, zur nächsten Generation, zu den Ur-ur-Großeltern. Beendet haben wir die Suche im Geäst des Familienstammbaumes dort, wo nur noch einzelne Namen zu finden waren.

Schließlich, nach Fertigstellung des Manuskriptes, sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das von uns Gefundene auch für andere Familien interessant sein könnte. Vielleicht finden Leser Parallelen zu Lebensläufen oder erhalten Anregungen für eigene Recherchen.“

Und, nehmen Sie diese Einladung zum Sichten der eigenen Familienunterlagen und zum Suchen nach den eigenen Familiengeschichten an? Probieren kann man es ja mal. Vielleicht ergeben sich auch bei Ihnen solche spannenden Geschichten.

Viel Vergnügen beim Lesen und vielleicht auch beim Recherchieren, weiter einen schönen Übergang vom Sommer zum Herbst und bleiben auch Sie weiter vor allem schön gesund und munter und bis demnächst.

Über die EDITION digital Pekrul & Sohn GbR

EDITION digital war vor 27 Jahren ursprünglich als Verlag für elektronische Publikationen gegründet worden. Inzwischen gibt der Verlag Krimis, historische Romane, Fantasy, Zeitzeugenberichte und Sachbücher (NVA-, DDR-Geschichte) sowie Kinderbücher gedruckt und als E-Book heraus. Ein weiterer Schwerpunkt sind Grafiken und Beschreibungen von historischen Handwerks- und Berufszeichen sowie Belletristik und Sachbücher über Mecklenburg-Vorpommern. Bücher ehemaliger DDR-Autoren werden als E-Book neu aufgelegt. Insgesamt umfasst das Verlagsangebot, das unter www.edition-digital.de nachzulesen ist, mehr als 1.200 Titel. E-Books sind barrierefrei und Bücher werden klimaneutral gedruckt.

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