Acht Mädchen sind in der Kfz-Werkstatt bei Ausbilder Karsten Junker zu Besuch. Gespannt hören sie zu, was er ihnen über Autos, den Beruf des Kfz-Mechatronikers und seine Aufgaben erzählt. Dann stehen die ersten um einen Reifen herum. Vielleicht zum ersten Mal schauen sie ihn sich so genau wie heute an.
Auf der anderen Seite der Bildungsakademie, über den Innenhof hinweg, haben sich zwölf Mädchen in der Werkstatt der Maurer versammelt. Sie sägen Bretter zurecht und spachteln Mörtel auf Mauern. Es ist ein besonderer Tag in der Bildungsakademie der Handwerkskammer. An diesem Vormittag macht sie zwei ihrer Werkstätten von 8 bis 13 Uhr exklusiv für Schülerinnen ab Klasse 5 zugänglich. Ihr Auftrag: eintauchen in die Welt des Handwerks. „Beim Girls’Day können sich Mädchen ausprobieren und ihre Talente entdecken“, sagt Susanne Bäcker-Valerius, Koordinatorin Berufsorientierung bei der Handwerkskammer in Mannheim. „Ein Tag in der Werkstatt macht Spaß und eröffnet ganz neue Perspektiven.“
Zeit zum Ausprobieren
Bei Ausbilder David Steegmüller hat sich Schülerin Laura in der Bau-Werkstatt schon ihr Brett zurechtgesägt. Eine erste handwerkliche Erfahrung, die richtig Spaß gemacht hat, wie sie erzählt. „Das war cool“, sagt sie. Gleich wird sie es beim Hochziehen an der Mauer benutzen. Man merkt ihr an, dass sie angekommen ist in diesem Umfeld zwischen aus Mörtel gefüllten Eimern, Spachtel, Kelle und Steinen, die akkurat gesetzt sein wollen. „Maurern macht Spaß“, sagt sie – auch wenn sie nicht weiß, ob der Beruf der richtige für sie ist. Für die Entscheidung bleibt schließlich noch genügend Zeit. Doch in der Werkstatt zu sein und auszuprobieren, findet sie eine gute Sache.
Auf den Girls’Day aufmerksam geworden ist Laura in der Schule. Für sie ist er eine gute Gelegenheit, in die Berufswelt einzutauchen. „Wir haben uns in der Schule darüber unterhalten“, berichtet sie. „Und da wir nur dieses Jahr die Möglichkeit haben, da mitzumachen, wollten wir auf jeden Fall was ausprobieren.“
Typisch Männerberuf?
Der Aktionstag in der Bildungsstätte hat ein klares Ziel: Mädchen sollen Berufe kennenlernen, die traditionell als „Männersache“ gelten – und erleben, dass sie dort genauso hingehören. Maurerin und Kfz-Mechatronikerin stehen stellvertretend für viele Gewerke, in denen Betriebe händeringend Nachwuchs suchen und zugleich mehr Frauen gewinnen möchten. „Mit Autos kennen sich nur Jungs aus? Und eine Mauer hochziehen ist Männersache? Das gilt längst nicht mehr“, sagt auch Susanne Bäcker-Valerius. In der Bildungsakademie wird das an diesem Tag konkret: Mädchen prüfen Reifen, schrauben am Motor, setzen Steine, ziehen Fugen. Sie erfahren am eigenen Körper, wie viel Geschick, Teamarbeit und Präzision hinter den Tätigkeiten stecken – und dass körperliche Arbeit eben nicht nur Kraft, sondern vor allem Technik und Köpfchen braucht.
Nina-Sophie ist Schülerin der sechsten Klasse und in der Kfz-Werkstatt schon voll im Bilde. Den Motor hat sie bereits mit Erfolg zerlegt. Zusammenbauen dürfen ihn nun die Mitschülerinnen. „Auch die Reparatur am Reifen hat mir voll Spaß gemacht“, erzählt sie. Der Girls’Day ist für sie mehr als ein netter Ausflug. Nina-Sophie kennt Handwerk von zuhause: „Mein Opa ist selber Schreinermeister.“ Ob sie selbst einmal eine Ausbildung im Handwerk machen wird, lässt sie offen – noch ist sie in der sechsten Klasse und weiß nicht, was sie einmal machen wird. Genau da setzt der Girls’Day an: früh Erfahrungen ermöglichen, ohne sofort Entscheidungen zu erzwingen.
Berufswahl mit allen Sinnen
Für die Handwerkskammer ist dieser Vormittag Teil einer umfassenden und langfristigen Strategie. Berufsorientierung soll nicht in der Theorie verhaftet bleiben, sondern junge Menschen direkt in die Werkstätten bringen. Die Mädchen erleben, was Datenblätter und Berufsinformationstage oft schwer vermitteln: Wie sich ein Schraubenschlüssel in der Hand anfühlt, wie Mörtel riecht, wie laut es in einer Werkstatt zugeht, wie zufrieden ein Blick auf das eigene Werk macht. Handwerk wird an diesem Tag hörbar, sichtbar, greifbar.
Zurück in der Maurer-Werkstatt. Zwischen Steinen, Wasserwaagen und Kellen legt Laura eine kurze Pause ein und denkt nach, was der Tag für sie bedeutet. Eine konkrete Berufswahl will auch sie noch nicht treffen. „Das weiß ich jetzt noch nicht“, sagt sie auf die Frage, ob sie sich eine Ausbildung im Handwerk vorstellen könnte. Aber sie spürt, dass der Tag ihr etwas gebracht hat – gerade, weil er nur ein Baustein auf ihrem Weg sein soll: „Also ich würde auf jeden Fall noch andere Sachen auch ausprobieren. So wie jetzt. Ich finde es richtig praktisch und cool, dass man hier die Möglichkeit hat, alles auszutesten.“
Ein Vormittag, der nachwirkt
Gegen Mittag werden die Werkzeuge gereinigt und Steine beiseite geräumt. Die Mädchen verlassen die Werkstätten mit müden Armen, aber vollen Köpfen: Sie haben Reifen geprüft, Motorenteile betrachtet, gesägt, gemessen, gemauert. Manche werden in den nächsten Jahren weitere Praktika machen – an ihrer Schule gibt es ab Klasse 8 zweiwöchige Berufspraktika, erzählt Nina-Sophie –, andere probieren vielleicht ganz andere Bereiche aus. Was bleibt, ist ein realistischer Einblick in das, was Handwerk heute ist: vielseitig, anspruchsvoll, teamorientiert – und offen für Mädchen, die sich etwas zutrauen.
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