Es ist keine neue Erkenntnis: Oft markieren Krisen den Beginn anhaltender Entwicklungen. Nach der Finanzkrise 2008 nahm beispielsweise die Konzentration auf US-Aktien stark zu. Diese Entwicklung hält seitdem an, obwohl die Führungsrolle der US-Wirtschaft durch den Aufstieg Chinas zunehmend in Frage gestellt wird. Trotzdem hat diese Konzentration in den vergangenen Jahren durch KI weiter an Boden gewonnen und die Märkte, angeführt von den USA, angetrieben. Dieser Trend hat sich auch bei Anleihen gezeigt. Eine anhaltende Phase von geringen oder negativen Renditen außerhalb der USA haben zu starken Zuflüssen in US-Staatsanleihen geführt. Auf der Währungsseite laufen die Hälfte des Handelsumsatzes und rund 45–50 % der SWIFT-Zahlungen in USD, obwohl die USA nur 26 % des globalen BIP und etwa 13 % des Welthandels ausmachen. Wenn die Marktführerschaft so extrem ist, werden die Märkte zunehmend vom Momentum getrieben, bis etwas zu bröckeln beginnt. Wir glauben, dass dieser Wendepunkt aktuell erreicht ist.

Der US-Markt ist der Realwirtschaft entwachsen

Die Entwicklung an den Aktienmärkten im Jahr 2025 lässt keinen Zweifel: Vermögenswerte werden in erheblichem Umfang weg von den USA umgeschichtet. Internationale Märkte außerhalb der USA werden stärker, und der MSCI World ex US verzeichnet seine beste relative Performance gegenüber den USA seit 2009, während die Schwellenländer die Industrieländer übertroffen haben. Auch die Stärke des US-Dollars hat nachgelassen, und seine relative Stabilität während des Nahostkonflikts ist ein weiterer Hinweis auf seinen wahrscheinlichen Kursverlauf. Haupttreiber dieser allmählichen Anpassung wird die Dynamik der Kapitalströme sein. Sollten ausländische Investoren beginnen, ihr Engagement in den USA neu zu bewerten, könnten selbst moderate Abflüsse den Dollar weiter schwächen. Kapitalströme, Wechselkurse und die relative Attraktivität von Vermögenswerten können in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf zusammenwirken, wodurch das Konzentrationsrisiko zunehmend schwerer zu ignorieren ist.

Was wären die Auswirkungen? In dem Maß, in dem sich geopolitische Rivalitäten verschärfen, verliert die globale Zusammenarbeit an Kraft. Ressourcen und Chancen werden weniger gleich verteilt. Der Handel wird neu gestaltet, wodurch sich die Lieferketten unter sicherheitspolitischen und politischen Zwängen verändern. Dies zeigt sich besonders deutlich in strategischen Sektoren wie dem der kritischen Rohstoffe, wo Resilienz und Zugang zunehmend Vorrang vor Effizienz haben. Gleichzeitig erschwert eine schwächere politische Koordination die Umsetzung gemeinsamer Maßnahmen, wie die ins Stocken geratene Koordination der Energiewende deutlich macht. Länder wenden sich verstärkt nach innen, und das Streben nach strategischer Autonomie führt zu höheren Ausgaben für Verteidigung und energiebezogene Infrastruktur. Dies mag das Wachstum kurzfristig stützen, erhöht aber auch den fiskalischen Druck. In Ländern, die bereits mit ungünstigen demografischen Trends konfrontiert sind, werfen höhere Ausgaben und geringere fiskalische Flexibilität immer drängendere Fragen zur Tragfähigkeit der Verschuldung auf. KI könnte durch Produktivitätsgewinne dazu beitragen, einen Teil dieses Drucks auszugleichen, doch ist es unwahrscheinlich, dass diese Gewinne gleichmäßig über Länder, Sektoren oder Haushalte verteilt sind.

Institutionelle Rahmenbedingungen in den Schwellenländern sind gefestigt

Diese fragmentierte und doch miteinander verflochtene Anpassung prägt ein makroökonomisches Umfeld mit ungleichmäßigem Wachstum, sowie steigender Verschuldung und Inflation. Das Gleichgewicht des globalen Wachstums verlagert sich weiterhin von den Industrieländern hin zu den Schwellenländern. Die demografische Entwicklung in vielen Schwellenländern wirkt weiterhin stützend (insbesondere in Indien, Indonesien und Afrika), während eine schnelle Einführung von KI und die technologische Führungsrolle in Ländern wie China, Südkorea und Taiwan das Wachstumsprofil Asiens stärken dürften. Einige Schwellenländer profitieren zudem vom Zugang zu kritischen Rohstoffen und Energieressourcen. Covid und der Krieg in der Ukraine haben gezeigt, dass Schwellenländer nicht mehr durch eine schwache politische Disziplin gekennzeichnet sind und sich die institutionellen Rahmenbedingungen deutlich gefestigt haben. Viele Länder haben rasch Maßnahmen ergriffen, um die Inflation einzudämmen und gleichzeitig eine relative Haushaltsdisziplin aufrechtzuerhalten, in manchen Fällen effektiver als die Industrieländer. Mit Blick auf die Zukunft differenzieren sich die Schwellenländer zunehmend und bieten ein größeres Engagement in den Bereichen Technologie, digitale Dienstleistungen und Fertigung auf neuestem Stand.

Stärkung der Industrie in Europa ist ein Schlüsselthema

Auch Europa bietet Chancen. Hier wird es entscheidend sein, die Bereiche Verteidigung, Energie und Digitalisierung zu stärken und dabei höhere Investitionen sowie einen stärkeren Industriesektor zu fördern. Diversifizierung muss mehr Faktoren als die traditionelle Marktkapitalisierung erfassen, um Chancen zu nutzen, insbesondere in den nächsten fünf Jahren. Strukturelle Markttreiber sind heute komplexer, daher müssen Investoren auch Währungen, Regionen, Sektoren und auch Faktoren wie Lieferketten und Energiesicherheit mit einbeziehen.

Fazit: Investoren sollten die USA zwar nicht aufgeben, aber mit Blick auf eine sinnvolle Diversifizierung und einer konsequenten Ausrichtung an der Realwirtschaft bieten Europa und Asien für Anleger attraktive Möglichkeiten.

Quelleninformationen und weitere Angaben finden Sie im Working Paper sowie im Amundi Research Center.

Rechtliche Hinweise: Sofern nicht anders angegeben, stammen alle Informationen in diesem Dokument von dem Amundi Asset Management SAS und sind Stand 26. Mai 2026 (Veröffentlichung des Researchs). Die in diesem Dokument vertretenen Einschätzungen der Entwicklung von Wirtschaft und Märkten sind die gegenwärtige Meinung des Amundi Asset Managements. Diese Einschätzungen können sich jederzeit aufgrund von Marktentwicklungen oder anderer Faktoren ändern. Es ist nicht gewährleistet, dass sich Länder, Märkte oder Sektoren so entwickeln wie erwartet. Diese Einschätzungen sind nicht als Anlageberatung, Empfehlungen für bestimmte Wertpapiere oder Indikation zum Handel im Auftrag bestimmter Produkte des Amundi Asset Managements zu sehen. Es besteht keine Garantie, dass die erörterten Prognosen tatsächlich eintreten oder dass sich diese Entwicklungen fortsetzen.

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