„Jetzt kann ich nicht investieren, weil …“

Hohe Zinsen, Inflation, politische Unsicherheit oder wirtschaftliche Krisen – Gründe, eine Investition aufzuschieben, gibt es scheinbar immer. Die Begründungen wechseln, doch das Ergebnis bleibt erstaunlich oft dasselbe: Jetzt nicht.

Aber waren die Zeiten früher tatsächlich besser? Oder erscheinen sie uns nur deshalb sicherer, weil wir heute wissen, wie die damaligen Krisen ausgegangen sind?

Gerade bei langfristigen Entscheidungen wie dem Kauf einer Immobilie kann diese unterschiedliche Wahrnehmung weitreichende Folgen haben.

Warum die Unsicherheit von heute größer erscheint als die von gestern
Ölkrisen, Inflation, Rezessionen, Börsencrashs, Finanzkrisen, Kriege und Corona – jede Generation hatte ihre Unsicherheiten. Und jede dieser Krisen lieferte scheinbar überzeugende Argumente, größere Entscheidungen lieber aufzuschieben.

Was dabei auffällt: Vergangene Krisen erscheinen uns rückblickend häufig weniger bedrohlich. Nicht unbedingt, weil sie harmloser waren, sondern weil wir ihren Ausgang bereits kennen.

Wir wissen heute, welche wirtschaftlichen Entwicklungen folgten, welche Befürchtungen sich bestätigten und welche nicht. Dieses Wissen stand den Menschen damals nicht zur Verfügung. Heute stehen wir vor derselben Herausforderung wie die Menschen damals: Wir müssen Entscheidungen treffen, ohne den Ausgang der gegenwärtigen Entwicklungen zu kennen.

Welche Entwicklungen uns dabei besonders beunruhigen, ist individuell sehr unterschiedlich. Was der eine als bedrohlich empfindet, erscheint dem anderen weniger problematisch. Doch eines haben diese Sorgen gemeinsam: Niemand weiß, wie sich die jeweiligen Entwicklungen fortsetzen und welche Folgen sie tatsächlich haben werden.

Deshalb entsteht immer wieder derselbe Eindruck: Diesmal ist alles anders. Diesmal sind die Risiken größer. Diesmal sollten wir wirklich abwarten.

Doch irgendwann werden auch die heutigen Unsicherheiten Vergangenheit sein. Und möglicherweise werden wir dann mit derselben Gelassenheit auf sie zurückblicken, mit der wir heute frühere Krisen betrachten.

„Nennen Sie mir ein Jahrzehnt, in dem es keinen guten Grund gab, eine Investition aufzuschieben“, fragt Immobilienexperte Curt-Rudolf Christof.

Was wir im Rückblick gerne vergessen
„Hätte ich damals bloß investiert!“ Solche Aussagen hört Christof in seiner jahrzehntelangen Berufspraxis immer wieder. Aber auch das Gegenteil: „Gut, dass ich mich damals für den Immobilienkauf entschieden habe. Leicht ist mir diese Entscheidung wirklich nicht gefallen.“

Manche Käufer freuen sich heute über eine Entwicklung, die ihre Erwartungen übertroffen hat. Andere Investitionen verliefen weniger erfolgreich.

Doch eines hatten alle damaligen Entscheidungen gemeinsam: Niemand wusste, wie sich die Zukunft entwickeln würde.

Wer heute auf frühere Immobilienpreise oder Finanzierungsmöglichkeiten zurückblickt, sieht das Ergebnis einer Entwicklung. Die damaligen Unsicherheiten geraten dabei leicht in Vergessenheit.

Genau darin liegt die Gefahr des Rückblicks: Wir beurteilen frühere Entscheidungen mit einem Wissen, das zum Zeitpunkt der Entscheidung noch niemand besitzen konnte.

Der perfekte Zeitpunkt ist eine Illusion
Niedrige Zinsen, günstige Kaufpreise, wirtschaftliche Stabilität und politische Sicherheit – möglichst alles gleichzeitig. Doch wann gibt es diese Voraussetzungen schon?

Sinkende Finanzierungskosten können die Nachfrage und damit die Immobilienpreise steigen lassen. Fallen die Preise, ist möglicherweise gerade die wirtschaftliche Lage unsicher.

„Wer darauf wartet, dass alle Unsicherheiten verschwinden, könnte ein Leben lang warten“, so Christof.

Auch dauerhaftes Abwarten hat Konsequenzen. Wer Entscheidungen immer wieder verschiebt, beeinflusst damit seine Zukunft – möglicherweise nicht in die gewünschte Richtung.

Vorsicht oder ein willkommener Vorwand?
Selbstverständlich gibt es gute Gründe, eine Immobilieninvestition aufzuschieben. Wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet, keine ausreichenden Rücklagen besitzt oder eine Finanzierung nicht dauerhaft tragen kann, sollte besonders sorgfältig prüfen.

Doch was ist, wenn die Finanzierung tragfähig ist, die Immobilie zu den eigenen Zielen passt und die wirtschaftlichen Voraussetzungen stimmen – man aber trotzdem nicht entscheidet, weil die allgemeine Nachrichtenlage verunsichert?

„Ist die aktuelle Krise tatsächlich der Grund, warum ich nicht investieren kann? Oder liefert sie mir nur eine willkommene Begründung, mich nicht entscheiden zu müssen?“

Eine verantwortungsvolle Investitionsentscheidung braucht eine fundierte Abwägung der Chancen und Risiken sowie die Berücksichtigung der persönlichen Lebenssituation. Aber sie braucht auch die Bereitschaft, überhaupt eine Entscheidung zu treffen.

Denn zwischen einer bewusst abgelehnten Investition und einer aus Unsicherheit immer wieder aufgeschobenen Entscheidung liegt ein erheblicher Unterschied.

Die nächste Krise kommt bestimmt. Die Frage ist nur, ob wir unser Leben und unsere Entscheidungen bis dahin auf Pause stellen wollen. 

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