Nach einer fast zweijährigen Unterbrechung durch die Covid-19-Pandemie und die daraus resultierenden Lockdown-Maßnahmen sind die Unruhen in Lateinamerika eindeutig wieder auf dem Vormarsch. In den vergangenen Monaten kam es in mehreren Ländern zu (gewaltsamen) Protesten, Streiks und Straßenblockaden, zum Beispiel in Panama, Peru, Haiti, Argentinien und Ecuador. Die Region hat einen "heißen" Winter erlebt. Als Auslöser der Unruhen sieht der Kreditversicherer Credendo den sprunghaften Anstieg der Preise, der in vielen Ländern eine zweistellige Inflationsrate zur Folge hat und oftmals ein 15-Jahres-Hoch erreicht. Vor allem die laufend steigenden Energie- und Lebensmittelkosten treffen die Menschen in Lateinamerika und anderen Schwellenländern weltweit hart, in denen Lebensmittel und Energie leicht 40 % des Warenkorbs der Bevölkerung ausmachen (gegenüber 15 % in Industrienationen). Ein weiterer Faktor ist die jüngste Covid-19-Pandemie. Wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass politische Unruhen in der Regel zwei Jahre nach Beginn einer typischen Epidemie (wie Covid-19 im Jahr 2020) ihren Höhepunkt erreichen. Speziell in Lateinamerika verschärfen diese Elemente die bereits bestehenden Missstände wie das große Wohlstandsgefälle, die hohen Kriminalitätsraten und die erhebliche wahrgenommene Korruption. Auch der Klimawandel und Umweltanliegen führen in Lateinamerika immer häufiger zu Protesten.

Viele Regierungen in Lateinamerika stehen unter dem Druck, die soziale Unzufriedenheit durch Kraftstoff- und Nahrungsmittelsubventionen und staatliche Beihilfen einzudämmen. Als positiven Aspekt nennt Credendo, dass die meisten Regierungen durch die Touristenankünfte seit 2022 und den wirtschaftlichen Aufschwung nach der Aufhebung der Covid-19-Lockdowns höhere Steuereinnahmen verzeichnen konnten. Darüber hinaus sind die meisten Länder große Nahrungsmittelexporteure, auf die im Durchschnitt ein Fünftel der Leistungsbilanzeinnahmen entfällt. Die höheren Nahrungsmittelpreise im vergangenen Jahr haben einen gewissen Spielraum für die Finanzierung von Kraftstoff- und Nahrungsmittelsubventionen geschaffen, der jedoch nur von kurzer Dauer sein könnte, da die Nahrungsmittelpreise seit Juli wieder sinken.

Darüber hinaus weist die Region eine relativ hohe Staatsverschuldung im Verhältnis zu den Staatseinnahmen auf. Die Staatsverschuldung stieg 2020 stark an, da die meisten Regierungen (mit Ausnahme Mexikos) während der Covid-19-Pandemie bei sinkenden öffentlichen Einnahmen die Sozialausgaben erhöht haben. Als zusätzliches Problem benennt Credendo die steigenden Zinssätze in Anbetracht der anhaltenden weltweiten Straffung der Geldpolitik. Infolgedessen wird der Zugang zu externer Finanzierung restriktiver und teurer. Außerdem wurden viele Investoren von der Tatsache verunsichert, dass in vielen Ländern Unruhen oder größere politische Unsicherheiten herrschten (z. B. durch den Wechsel zu Präsidenten, die sich gegen das Establishment stellen). Das macht es schwieriger, ausländische Investitionen anzuziehen. Außerdem haben viele Volkswirtschaften unter Kapitalabflüssen gelitten. All diese Faktoren erschweren die Fähigkeit einiger Länder, ihren öffentlichen und externen Finanzierungsbedarf zu decken, während manche Staaten auch nur über begrenzte inländische Finanzierungsmittel verfügen.

Ein sichtbarer Trend in Lateinamerika ist die Forderung der Bevölkerung nach einer größeren Rolle des Staates in der Wirtschaft. Infolgedessen greifen die Regierungen zunehmend auf Instrumente wie Preiskontrollen (zum Beispiel Panama, Bolivien, Argentinien) und Exportbeschränkungen zurück, um den Preisdruck im Inland zu verringern (Argentinien verhängt regelmäßig vorübergehende Ad-hoc-Exportverbote und -quoten für Agrarprodukte). Preiskontrollen können jedoch die Rentabilität von Unternehmen und das wirtschaftliche Umfeld beeinträchtigen. Wenn solche Kontrollen über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben oder dauerhaft werden, kann es zu Engpässen kommen, weil verlustbringende Unternehmen ihre Produktion einstellen oder drosseln. So können Versorgungsengpässe zu neuen Unruhen führen. In diesem Zusammenhang nimmt auch der Ressourcennationalismus zu (etwa Lithium in Bolivien und Mexiko) und es kommt vermehrt zu Änderungen bei öffentlichen Aufträgen (zum Beispiel in Honduras, Kolumbien und Mexiko) oder zur Stornierung von Projekten nach Protesten (vor allem, wenn Umweltfragen eine Rolle spielen).

Eine Vorhersage, wo und wann der nächste Aufstand stattfinden wird, ist äußerst schwierig, da viele verschiedene sozioökonomische Faktoren eine Rolle spielen. Der stärkste Indikator für künftige Instabilität ist gemäß Untersuchungen Instabilität in der Vergangenheit. Das Risiko von Unruhen ist viermal größer, wenn ein Land innerhalb der letzten sechs Monate soziale Unruhen erlebt hat. Darüber hinaus scheinen Unruhen für Übertragungseffekte anfällig zu sein. Ökonometrische Analysen zeigen, dass sich das Risiko von Unruhen verdoppelt, wenn in einem Nachbarland kürzlich Unruhen stattgefunden haben. Da die Inflation nach wie vor ansteigt, Unruhen in der gesamten Region auftreten und die Ursachen der Unruhen nicht angegangen werden, hält Credendo die Wahrscheinlichkeit weiterer Unruhen in Lateinamerika wie auch in der übrigen Welt für hoch. Die laufenden Präsidentschaftswahlen in Brasilien (eine Stichwahl zwischen Bolsonaro und Lula da Silva ist für den 30. Oktober geplant) könnten das Land zum nächsten Krisenherd Südamerikas machen, insbesondere wenn der amtierende Präsident Bolsonaro knapp verliert.

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