Immer mehr verdichten sich die Anzeichen einer baldigen Zinswende sowohl in der Eurozone als auch in den USA. Und das liegt nicht an entsprechenden Ankündigungen der Notenbanken, sondern an einem gewissen Konsensus, der sich unter Ökonomen und anderen Marktteilnehmer einstimmt. Erfahren Sie in der heutigen Ausgabe des Zinskommentars mehr über die Leitzinserwartungen in den USA und der Eurozone.

Leitzinserwartungen erreichen Konsensus

Auf den ersten Blick könnte man anzweifeln, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den derzeitigen Leitzins von 4,5 Prozent schon bald senken könnte, denn die jährliche Inflation stieg im Dezember 2023 von 2,4 auf 2,9 Prozent. Auf den zweiten Blick wird jedoch sichtbar, dass dies insbesondere auf einen Basiseffekt aufgrund der sogenannten „Dezember-Soforthilfe“ zurückzuführen ist. Die Steigerung der Inflation hat also weniger mit einer anziehenden Preisdynamik, als mit einem rein statistischen Effekt zu tun.

Das sehen auch eine Vielzahl von Ökonomen so. Laut einer Umfrage des Finanzdatenunternehmens Bloomberg erwarten Wirtschaftsexperten vier Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte für das Jahr 2024, welche im Juni ihren Anfang nehmen werden. Demnach könnte der Leitzins in der Eurozone bis zum Ende dieses Jahres auf 3,5 Prozent fallen. Ähnliches ergab sich aus einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters. Hier erwartet ein Großteil der Teilnehmer ebenso eine Zinssenkung im Juni dieses Jahres. Dies deckt sich auch mit einer anderen Umfrage der Financial Times, die ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten eine Leitzinssenkung im 2. Quartal erwarten und einen Leitzins von 3,5 Prozent bis Ende 2024 prognostizieren. Doch was sagen die Entscheidungsträger selbst?

Zuletzt versammelten sich die Notenbänker der EZB am 14. Dezember 2023, jedoch ohne eine Zinsänderung oder gar Andeutungen einer solchen Entscheidung vorzunehmen – im Gegenteil. Die EZB-Chefin Christine Lage dämpfte erst kürzlich die Erwartungen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, in dem sie vor einer zu schnellen Zinssenkung warnte. Ähnliches deutete die im EZB-Komitee ansässige Isabel Schnabel im Rahmen eines Interviews mit der Süddeutschen Zeitung an.

In den USA liegt die Inflation mit 3,3 Prozent zwar etwas höher als in der Eurozone, jedoch nur mit leichtem Aufwärtstrend. Im November 2023 betrug diese noch 3,1 Prozent. Höhere Inflation bedeutet in der Regel auch höhere Zinsen. Dies ist auch der Fall in den USA. Derzeit liegt der Zinskorridor der amerikanischen Notenbank (Fed) bei 5,25 bis 5,5 Prozent und damit 50 Basispunkte über dem Leitzins der EZB. Das ändert aber nichts daran, dass auch in den USA zahlreiche Prognosen auf eine baldige Zinswende hindeuten. Laut dem FedWatch Tool des Finanzdienstleisters CME Group erwarten mehr als 80 Prozent der Befragten eine Zinssenkung von um mindestens 25 Basispunkte bis Anfang Mai. Für das Jahr 2024 erwarten die befragten Ökonomen im Mittel einen Zinskorridor von 4,5 bis 4,75 Prozent, was drei Zinsschritten um jeweils 25 Basispunkte entspricht.

Neben klassischen Umfragen äußern sich auch immer wieder einflussreiche Wirtschaftskoryphäen, wie in etwa der Investor Bill Ackman. Dieser verkündet schon länger öffentlichkeitswirksam eine schnellere Zinswende als von vielen erwartet wird. Als Grund hierfür sieht er unter anderem die neue Bepreisung von Schulden, die für einige Wirtschaftsteilnehmer das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Bei der Interpretation von Ackman’s Aussagen darf nicht außer Acht gelassen werden, dass dieser selbst in großem Stil auf eine baldige Zinswende wettet. Neben bekannten Investoren äußerte sich auch der Nobelpreisträger Paul Krugman. Dieser vergleicht die derzeitige Situation in den USA mit Ende 2019. Damals beliefen sich die Arbeitslosenquote und die Inflation auf ähnliche Werte wie heute, jedoch mit einem deutlichen niedrigeren Leitzinskorridor. Die hohen Zinsen sind also nur noch schwer vertretbar.

Auch wenn einige Marktbeobachter wie die ING Bank vor einer hartnäckigen Inflation warnen, scheint doch die Mehrheit von einer baldigen Zinswende in den USA auszugehen. Die Fed warnte in dem letzten FOMC-Meeting noch immer vor „Inflationsrisiken“. Dies könnte sich aber schon im nächsten Zusammentreffen der amerikanischen Notenbanker Ende Januar ändern.

Auch wenn sich die zwei wichtigsten Notenbanken bisher noch zurückhaltend zeigen, um das Risiko einer zu schnellen Zinssenkung zu verhindern, wird mit jedem Tag, den die Inflation nachlässt, nicht nur der Druck auf die Währungshüter, sondern auch der Realzins zunehmen. Schon jetzt könnten die EZB und die Fed, wie so häufig, über das Ziel hinausgeschossen sein.

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